Von Michaela Krüger, 20.11.09, 22:27h
Dabei war seine Geburt mehr als hurtig. Als Ost-Berlin vor 50 Jahren von dem West-Projekt Sandmann erfuhr, wurden eilends Gegenmaßnahmen eingeleitet. Im Schnellverfahren zimmerte man in den Defa-Studios in Babelsberg eine animierte Sandmannpuppe zusammen. Das dazugehörige Lied entstand in drei Stunden. Am 22. November 1959 um 18.55 Uhr war der Sieg des DDR-Fernsehens perfekt. Der SFB musste eine Woche später nachziehen.
Vorzeige-Figur des SED-Staates
Das freundliche Ost-Männchen, das seinen West-Kollegen 1992 endgültig aus dem Rennen kicken sollte, war nach der Definition seines Schöpfers Gerhard Behrendt ein Fabelwesen, zeitlos, jeder Umwelt zugetan, ein Erwachsener mit kindlichen Zügen. Natürlich diente es - schon Kraft seiner Geburt - auch der sozialistischen Doktrin. Das Sandmännchen als Vorzeigefigur eines fortschrittlichen Staates. Es reiste im Zeppelin, schipperte im Lotsenboot, strampelte wie Täve Schnur auf dem Rennrad.
Es besuchte die NVA und die Grenztruppen an Oder und Neiße, betonierte die Wege in einer Plattenbausiedlung und sorgte für Stimmung im Pionierferienlager. Vier Monate nach Juri Gagarin flog es 1961 zum ersten Mal ins All, 1978 zeigte es sich beim Tag der Republik. Als Reisekader stand ihm die sozialistische Welt offener als seinen Zuschauern. Der Sandmann durchstreifte nicht nur die Bruderländer, sondern auch arktische Weiten und afrikanische Steppen, gondelte gar mit dem fliegenden Teppich über Indien.
Irgendwie schienen die Welten verkehrt. Denn im Gegensatz zu seinem Ost-Bruder hat das West-Sandmännchen realistische Bezüge meist vermieden. Mit Märchen, Sagen, Tanz und Gesang versuchten die Fernsehanstalten, die Kinder zu verzaubern. Der sprechende ARD-Sandmann von Herbert K. Schulz lebte bis 1964 auf einer Wolke und durfte erst danach zusammen mit seiner Laterne, dem Sternen-Sack und dem Traumschlüsselbund auf Flugzeug, Auto oder Propeller-Wolkenluftschiff umsteigen.
Nach der Wende sollten aus Kostengründen beide Männer sterben. Aber die Anstalten hatten die Rechnung ohne das Volk gemacht - es ging für den Sandmann auf die Straße. Der Zipfelmützen-Ossi, der mit seinem Bart stets an Walter Ulbricht erinnerte, streift seither für ein geeintes Deutschland durch die Lande. Man könnte glauben, so ein Müdemacher habe es in Zeiten bunter Trickfilme und perfekt animierter Computerspiele schwer. Stimmt aber nicht. Die kleine Figur verzaubert 1,5 Millionen Fans. Und hat bis heute keinen direkten Konkurrenten, so Claudia Korte von der Redaktion des RBB, der die Sendung gemeinsam mit MDR und NDR in Potsdam-Babelsberg produziert.
Das Sandmännchen sei vor allem für Vorschulkinder gedacht - und für diese Gruppe gibt es zwischen 18 und 19 Uhr kaum vergleichbare Angebote. Anspruchsvolle Gute-Nacht-Sendungen für Kleinkinder sind im Fernsehen noch immer Mangelware. Der Kindersender Super RTL bringt vor 19 Uhr zwar Trickfilme aller Art, die sind aber eher für Ältere gedacht, RTL 2 zeigt von 18 Uhr an vor allem Comedy-Serien. Pro Sieben / Sat 1 haben Kinder weder im Morgen- noch im Abendprogramm als Kunden entdeckt und wenden sich mit Soaps und Reality-Shows lieber an Jugendliche.
Einem Sandmann kann man also gar nicht ans Zeug flicken. Pädagogisch wertvoll wie er ist. Seine Exkursionen in fremde Länder sollen die Augen öffnen für andere Kulturen - und Mut will er machen, indem er zeigt, wie man Alltagsprobleme in eigener Regie meistert. Für Sabine Bresche vom Berliner Kinderschutzbund liegt genau darin das Geheimnis des Erfolges. „Der Sandmann gibt Geborgenheit und regt die Kinder trotzdem zum Nachdenken an.“
In einer Hinsicht ist er allerdings der pure Macho. Mehr als 240 Fortbewegungsmittel besitzt der 50-Jährige mittlerweile, haben Fernsehstatistiker nachgerechnet. Welch Männertraum.
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