Von Jan Sting, 20.11.09, 22:54h
Mit den Erweiterungen der Braunkohlekraftwerke in seiner Nachbarschaft könnten die Einbußen noch größer werden, fürchtet Rübenbauer Schümmer: „Da kommen noch weitere Schwaden auf uns zu.“
170 Meter hoher Turm
In weniger als zwei Kilometern Entfernung von Schümmers Äckern sind bereits die neuen Kühltürme und Kesselhäuser auf der Großbaustelle des Kraftwerks Grevenbroich-Neurath zu sehen. 170 Meter hoch ragen sie über das platte Land. RWE preist das Projekt der Superlative als umweltfreundlich: Durch den höheren Wirkungsgrad sollen die Kohlendioxid-Emissionen deutlich sinken, der Ausstoß im Vergleich zu den Altanlagen um bis zu sechs Millionen Tonnen im Jahr reduziert werden.
Doch den Anwohnern ist der Bau neuer Kraftwerksblöcke in unmittelbarer Nachbarschaft zu geballt: Nur wenige Kilometer von der Baustelle in Grevenbroich-Neurath entfernt, in Niederaußem, soll das schon bestehende Braunkohlekraftwerk ebenfalls erweitert werden. Auch dieser Neubau könnte das Problem der Verschattung größer werden lassen, fürchten die Rübenbauern.
Schattenspiel am Kühlturm
Mehrere Gutachten belegen aus Sicht der Bauern, dass die Schwaden aus den Kraftwerken die Rübenernte verschlechtern. Dabei spielten nicht nur Sonne und Schatten eine Rolle, sondern auch die Temperaturen bei Nacht. „Die Rübe lagert vor allem dann gerne Zucker ein, wenn das Temperaturgefälle zwischen Tag und Nacht groß ist“, erklärt Dr. Willi Kremer-Schillings, Abteilungsleiter bei der Zuckerfabrik Jülich. Wolken allerdings behinderten die Abstrahlung des Bodens. Die Messungen zeigten deutlich, dass es in der Nähe der Kraftwerke nachts wärmer sei. Insgesamt ergebe sich ein im Vergleich zu anderen Orten bis zu 0,7 Tonnen niedrigerer Zuckerertrag pro Hektar.
Auch Kraftwerksbetreiber RWE forscht über die Kühlturmschwaden und ihre möglichen Auswirkungen auf die Ernteerträge und hat erstmals 2004 mit dem Deutschen Wetterdienst Messungen während der Vegetationsperiode durchgeführt. Eine der Messstationen steht auf Willibert Schümmers Rübenacker. Ob die Schwaden die Ernte so eintrüben, dass die Bauern ein Recht auf Entschädigung haben, ist bislang strittig. Wie RWE-Sprecher André Bauguitte erklärt, „gaben die bisherigen Auswertungen der Untersuchungen keine Hinweise bezüglich relevanter Auswirkungen der Verschattung auf Ertrag und Qualität landwirtschaftlicher Kulturen“. Dennoch hat das Energieunternehmen zwei unabhängige Wissenschaftler beauftragt, die weiter am Ball bleiben: Die Messungen sollen jetzt bis mindestens 2012 weiterlaufen.
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