Von Frank Olbert, 20.11.09, 21:42h
Wenn man in der Ausstellung „Dark Splendor“ nun gleich zu Beginn einen dieser typischen David-Lynch-Räume betritt, dann ist dieser Schritt überaus konsequent. So wie Lynch von der Malerei zum Film fand, so schleust die Installation das Filmpublikum zurück zu seiner Malerei. Erstmals stellt das Max-Ernst-Museum in Brühl das bildnerische Werk des Regisseurs in Deutschland in aller Ausführlichkeit vor, und es wird dabei von der Fondation Cartier pour l'art contemporain in Paris unterstützt. Dort war der Kurator Werner Spieß auf Lynchs Fotografien und Malereien gestoßen.
Die Bilder explodieren
„Dark Splendor“, dies darf man von einem Künstler und Traumdeuter vom Schlage Lynchs erwarten, ist keine gewöhnliche Ausstellung. Schon das Entree, die nach einer Zeichnung gestaltete labyrinthhafte Raum-Installation, gibt das Programm vor: Lynchs Bilder explodieren gleichsam und streben in die Dreidimensionalität. Damit nicht genug. Sie vertragen auch Sound.
Über der gesamten Ausstellung schwebt ein Klangfilm, der von den Besuchern selbst in Gang gebracht werden kann - ein schwarzer, dräuender Maschinenrhythmus, der auf akustische Weise ebenso verschattet ist wie Lynchs Räume: hier schläft das Grauen, die verstörende Überraschung, das Geheimnis. So wie seine Filme, wie „Eraserhead“, „Mulholland Drive“ oder „Inland Empire“ das Horrorgenre aufgreifen, um es psychoanalytisch umzudeuten, so ist auch die Ausstellung „Dark Splendor“ eine Reise zur dunklen Seite unserer Psyche. Nicht umsonst malt Lynch in schwarz-weißen Aquarellfarben einen aus dem Traum erwachenden Mann. Wie ein zerflossener Organismus löst er sich aus dem Schlaf, als sei er über die Grenzen seines Körpers getreten, um sich in immer ausufernderen Spiralen mit seinen Gespinsten zu vereinen.
Doch ist es nicht richtig, Lynch - der sich dem Surrealismus verpflichtet fühlt - auf die reine Introspektion zu beschränken. Wie wach sich dieser Künstler durch die Wirklichkeit bewegt, zeigt eine Reihe von Fotografien, Lithographien und Zeichnungen mit architektonischen und industriellen Motiven. Lynch führt vor, dass der Alptraum da draußen ist: in den wüsten Vorstädten, wo außer ein paar Schneemännern niemand auf der Straße ist, im „House of Electricity“, das geradewegs den Höllenschlund zu befeuern scheint. Lynchs Weltgefühl entspringt dem eines elektrifizierten Kafka, der sich abends im Kino bestätigen lässt, dass manche Zeitgenossen zu schnell den Revolver ziehen.
So ist das beherrschende Thema die Gewalt. Wenn Lynch seinen Bildern Brutalität attestiert, wenn er sich selbst als schlechten Maler bezeichnet, der dies aber sehr gut mache, dann schließt er eben aus, dass unserer Realität und unseren Träumen von der Realität mit Schönheit beizukommen sei. In seinen Filmen befleckt er die Grazie seiner Hauptdarstellerinnen Isabella Rossellini, Laura Dern oder Naomi Watts mit den mörderischen, pornographischen und selbstsüchtigen Fantasien einer Gesellschaft, die hinter der bürgerlichen Fassade ihre Machenschaften in halbdunklen, gespenstisch gemütlichen Räumen abwickelt. In seinen Bildern malträtiert er das Material so lange, bis die Farben endlich die Hässlichkeit in sich hineinlassen.
Am spektakulärsten gelingt ihm dieses Vorhaben in einigen großformatigen farbigen Arbeiten, die auf dem Wege vom Bild zur Skulptur zu sein scheinen und wirken, als wollten sie von der flächigen Darstellung direkt ins richtige Leben hinüber springen. Auf einem stürmt ein Mann mit Messer und Pistole auf eine hilflos kleine Frau zu, den Mund fratzenhaft aufgerissen, in seiner raubtierhaften Energie selbst ein Mordwaffe. „I can dream can't I?“ zeigt eine Frau auf einer gelben Chaiselongue beim Telefonsex, Mund und Geschlecht klaffen gleichermaßen, der wie zerschmettert daliegende Körper eine krude, teigige Masse.
Tatsächlich tritt einem aus Lynchs Bildern häufig ein feministischer Aspekt entgegen, der bei diesem Regisseur der Obsessionen vielfach überrascht. Nicht allein in den Großformaten, auch in fast seriell miteinander verknüpften Fotografien und Aquarellen ist er in Varianten aufgehoben - wenn die Geschlechtsteile der Frauen über Tuben und Röhren mit Maschinen verknüpft werden, wenn ihnen phallusartige Gegenstände monströs im Körper stecken: „Distorted Nudes“, verdrehte, verzerrte, gewaltsam verbogene Nacktheit, die an Francis Bacon erinnert.
Den Übergang von der Malerei zum Filmen schildert David Lynch in einer Art magischer Erzählung. Er, der 1946 in der Kleinstadt Missoula in Montana geboren wurde und an der Pennsylvania Academy of the Fine Arts in Philadelphia studiert hatte, nahm während der Arbeit an einem Gemälde unversehens Bewegungen und Geräusche wahr, die von diesem Bild abstrahlten - von da an wollte er Werke erschaffen, die sich tatsächlich bewegen.
Nun die Ausstellung seiner Bilder. Wer indes die klingende Raum-Installation betritt, wer an den Reihen nackter Körper vorüber schreitet, wer die Figuren betrachtet, die aus der Zweidimensionalität förmlich erlöst werden und sich in den Raum hinüber retten wollen, den befällt ein ganz ähnlicher Eindruck - als befänden sich die Bilder in einem Aggregatszustand, in dem gleich ein Ruck durch sie gehen würde, in dem sie sich plötzlich beschleunigten und die Ausstellung zum Film werden könnte.
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