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Tiere

Marlon war einmal ein Kettenhund

Von Claudia Meyer, 23.11.09, 11:42h, aktualisiert 23.11.09, 13:52h

Ein ehemaliger Kettenhund aus Ungarn krempelt Erika Mara Kranz' Leben um. Als sie ihn im Tierheim sieht, weint sie erst einmal eine halbe Stunde. Heute sind die beiden glücklich vereint.

Mara Kranz Kettenhund
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Erika Mara Kranz teilt ihr Leben mit dem ehemaligen Tierheim-Bewohner Marlon. (Bild: Meyer)
Mara Kranz Kettenhund
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Erika Mara Kranz teilt ihr Leben mit dem ehemaligen Tierheim-Bewohner Marlon. (Bild: Meyer)
Köln - Es ist der 8. September 2009, ein Dienstag. Erika Mara Kranz, Empfangsdame für den Vorstand eines großen Geldhauses, sortiert die Tageszeitungen für Besucher. An diesem Morgen hat sie nicht viel zu tun. Sie setzt sich mit einer Tasse Kaffee an ihren Schreibtisch, blättert im „Kölner Stadt-Anzeiger“ und sucht die Rubrik „Alles wird gut“. Die Tiergeschichten liest sie gerne und regelmäßig. An diesem Tag wird Marlon vorgestellt, ein acht Jahre alter Schäferhund, ehemaliger Kettenhund aus Ungarn mit Muskelschwund am Kopf und verstümmelter Rute. Mit seinen dunkelbraunen, traurigen Augen schaut er direkt in die Kamera. „Dieser Blick hat mich sofort getroffen. Da war ein tiefes Wissen, ein Wiedererkennen, ich wusste, dieser Hund und ich gehören zusammen“, sagt die 55-Jährige.

Sie ruft im Tierheim an, will gleich nach der Arbeit nach Dellbrück fahren. Die Termingestaltung ist schwierig, weil sie erst um 17 Uhr da sein kann. Zu dieser Zeit ist Marlon aber eigentlich mit seiner Patin unterwegs. Trotzdem kommt eine Verabredung zustande. Als Erika Mara Kranz sich mit ihrem Auto dem Tierheim nähert, trifft sie das aufgeregte Bellen der vielen Hunde tief. „Ich musste mich erst einmal sammeln, ich wäre doch nie freiwillig in ein Tierheim gegangen.“ Ohne dass ihr jemand den Weg gewiesen hätte, findet sie direkt zu Marlons Zwinger. „Wir haben uns angesehen und eine halbe Stunde lang geweint.“ Ja, auch Marlon habe geweint.

Erst danach macht sie sich auf die Suche nach Tierheimleiter Bernd Schinzel, der schon mit Marlons Patin auf sie wartet. Mit ihr und Marlon unternimmt sie einen Spaziergang durch den Wald, der das Tierasyl umgibt. „Darf ich ihn mal nehmen“, fragt sie und Marlon trabt freudig an der Leine neben ihr her. „Sie sind sein neues Frauchen“, steht das Urteil der Patin schnell fest. Bernd Schinzel ist nicht so schnell zu überzeugen. Er schickt Erika Mara Kranz noch einmal fort. Eine Nacht wenigstens soll sie ihren Entschluss noch überschlafen - immerhin, andere Interessenten müssen vier Mal wiederkommen, bevor sie einen Hund mit nach Hause nehmen dürfen. „Mir ist fast das Herz gebrochen, als er noch einmal zurück in den Zwinger musste.“

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Gut zwei Monate sind seither vergangen. Erika Mara Kranz sitzt auf ihrem Sofa und strahlt. Neben ihr hat sich Marlon ausgestreckt, den Kopf auf die Lehne gestützt, eine Fliege fest im Blick. Marlon wirkt, als wäre er hier schon viel länger als nur ein paar Wochen heimisch. Erika Mara Kranz lacht und erzählt, dass sie beide sich eigentlich schon ganz lange kennen. Sie glaubt nämlich an die Wiedergeburt und verrät, dass sie eine ganz alte Seele ist, schon oft wiedergeboren wurde. Aus diesen früheren Leben ist sie mit Marlon so vertraut. „Ich bin überzeugt, dass er schon ganz oft für mich gestorben ist.“

Sie erzählt das so, wie andere Menschen vielleicht von einer schicksalhaften Begegnung im Park berichten. Spiritualität spielt in ihrem Leben seit einem dramatischen Wendepunkt vor zehn Jahren eine zentrale Rolle: Nach einer Routine-Operation hatte sie einen Magendurchbruch: „Es ging um Sekunden. Ich war schon auf der Brücke der Blumen. Ich habe Jesus gesehen. Neben ihm stand mein verstorbener Mann, auf der anderen Seite mein Großvater. Jesus hat mir aus diesem unendlichen Licht die Hand entgegen gestreckt. Aber dann schob sich blitzartig das Gesicht meiner Tochter dazwischen. Da habe ich zu Jesus gesagt, »Ich kann noch nicht kommen, meine Tochter braucht mich und Du hast ja schon meinen Mann bei Dir.«“

Nach diesem Nahtod-Erlebnis sucht sie Kontakt zu Schamanen, lässt sich ausbilden und nimmt ihren spirituellen Namen „Mara“ an. Neben ihrer Arbeit auf der Vorstands-Etage gründet sie eine Praxis für ganzheitliche Massage. Sie möchte den Menschen helfen beim Übergang in ein neues Zeitalter, das nach dem Maya-Kalender 2012 anbricht, und dessen Vorzeichen sie jetzt bereits vielfach spürt. Im Gegensatz zu Roland Emmerichs apokalyptischem Kinowerk „2012“, sieht sie die Welt nicht auf dem Weg in den Abgrund, sondern in eine neue, bessere Zeit, in der nicht mehr das Ego, sondern die Liebe regieren wird. An der Schrankwand in ihrem Wohnzimmer hängen unzählige Bilder von Barack Obama, die sie aus der Zeitung ausgeschnitten hat. „Das ist auch so ein Lichtarbeiter, ein Vorbote der neuen Zeit.“

Einstweilen stellt aber auch der Hund ihr aktuelles Leben unter neue Vorzeichen. Ging sie früher nach der Arbeit schon mal mit den Kolleginnen zum Essen oder drehte noch eine Runde durch die Stadt, beeilt sie sich heute, schnell nach Hause zu Marlon zu kommen - „raus aus den Stöckelschuhen, rein in die Hundeklamotten“. Damit Marlon die Zeit bis zu ihrer Heimkehr nicht zu lang wird, beschäftigt Erika Mara Kranz eine Hundesitterin. „Dieser Hund bringt mich wieder in die Natur. »Mara« ist ja die Erdheilerin, sie schützt die Natur.“ Sie genießt die Ausflüge an seiner Seite, wenn die mitunter auch recht aufregend sind: So wie neulich, da wollte Marlon partout nicht in die von ihr eingeschlagene Richtung. Losgerissen hat er sich vor lauter Widerwillen und weg war er. Heulend hat sie am Rand einer Wiese gehockt, voller böser Ahnungen, dass er auf der nahen Verkehrsachse unter die Räder kommt. Da stand der Rüde plötzlich neben ihr. „Ich werde diesen Hund zu nichts zwingen“, hat sie nach dieser Episode beschlossen.

Jetzt bestimmt Marlon bei ihren Spaziergängen, wo es lang geht. Eine völlig neue Erfahrung für diesen Hund, dessen Bewegungsradius Jahre lang durch eine kurze Kette bestimmt wurde. So sehr hat Marlon gelitten, dass sich die komplette Muskulatur auf seinem Kopf unwiederbringlich zurückgebildet hat. Doch wenn Erika Mara Kranz ihren Marlon anschaut, dann sieht sie nicht den scharfen Schädelknochen. Sie deutet auf das schwarze Dreieck in seinem beigen Fell: „Haben Sie gesehen? Er trägt das Victory-Zeichen auf der Stirn.“



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