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GutenMorgenKöln

Eine Zeitung wie ein Regenbogen

Von Georg Imdahl, 23.11.09, 18:08h, aktualisiert 24.11.09, 16:37h

Die Künstlerin Leni Hoffmann verwandelte die Druckerei des Kölner Stadt-Anzeiger in Niehl in der Nacht in ihr Atelier. Die Resultate sind am Dienstag auf den Seiten 3 und 4 der aktuellen KStA-Ausgabe zu sehen - für jeden Leser ein Unikat.

Leni Hoffmann MDS-Druckerei
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Leni Hoffmann bei der Arbeit im MDS-Druckzentrum. (Bild: Stefan Worring)
Leni Hoffmann MDS-Druckerei
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Leni Hoffmann bei der Arbeit im MDS-Druckzentrum. (Bild: Stefan Worring)
Es ist 20 Uhr im Druckzentrum des Verlags M. DuMont Schauberg, als sich die Papierleitwalze in Bewegung setzt und der Druck der ersten Ausgabe anläuft. Andere Künstler nutzen Stahlwerke als Ateliers wie Richard Serra einst im Ruhrgebiet. Leni Hoffmann wählt die Druckerei des „Kölner Stadt-Anzeiger“, um dessen Dienstags-Ausgabe zu einem Kunstwerk zu machen.

Mit Hilfe von Assistenten hat sie am Nachmittag vier Farben eines japanischen Herstellers gemischt, dessen Bestände in deutschen Lagern sie aufkaufen und überdies mit Vorräten aus ihrem eigenen Besitz auffüllen musste, um insgesamt 58 Liter zusammenzutragen - das Quantum, das sie benötigt, um die Zeitung auf den Seiten 3 und 4 zu bemalen.

Mit einem Infusionsschlauch in jeder Hand steht Leni Hoffmann an der Druckmaschine und lässt die hochpigmentierte, alkohollösliche Tinte in den Offsetdruck-Farben Magenta und Yellow auf das davonrasende Papier laufen. Das provisorische Atelier in der Druckerei hängt tatsächlich am Tropf.

Alsbald schwingt die Malerin in den Rhythmus der Rotation ein, wippt mit dem Oberkörper zu dem Maschinen-Beat, touchiert dabei das hinwegfluchtende Papier mit den tänzelnden kleinen Schläuchen, während sich die Farbe als endlose Spur auf den großen, langen, bereits mit Nachrichten und Fotos bedruckten Bögen einschreibt. Leni Hoffmann malt. Ihr Assistent ist anfangs Jürgen Matschurek, ein Drucker des Verlags, der im selben Verfahren die Farben Cyan und Key auf die Zeitung im Andruck gibt - seine linke Wange ist bereits mit Farbe besprenkelt. "Key" steht im Druckerjargon für Tiefe, für Schwarz, und weil es in diesem Fall stark verdünnt ist, erscheint es im Resultat als Grauton. Aus den vier Schläuchen geflossen, verbinden sich die vier Farben in der Zeitung zu durchlaufenden Linienbündeln. Die Druckmaschinen sind so eingestellt, dass in 60 Minuten rund 35.000 Exemplare mit Farbe beträufelt werden - auch die Geschwindigkeit der Rotation bestimmt über Aussehen und Verlauf der Farbe. In jedem Blatt schließen sich die Spuren zu einer anderen Form zusammen. Jedes Exemplar ist, an diesem Tag, ein Original.

ksta.tv: Die Druckerei als Kunst-Station

Mit einigen wenigen ausgesuchten Helfern steht die 1962 geborene, in Düsseldorf lebende Bildhauerin und Malerin bis in die frühen Morgenstunden an der Walze und versieht die rechte äußere Spalte der Seite „Themen des Tages“ und die linke Spalte der Meinungsseite mit ihrer ungewöhnlichen Farbzeichnung. Die „Themen des Tages“ haben dafür die rechte Spalte freigeräumt; heute soll sie allein der Spur und ihrer Anmutung vorbehalten bleiben. Die rechte Spalte, sonst ein erprobter Platz für Nachrichten aller Art, ist plötzlich ein purer Schauraum, ein Luxusraum mit einer verschwenderischen Freizügigkeit - bedenkt man die Vielfalt der Reportagen, Skandale, Hintergründe, die täglich in angemessener Aufmachung ins Blatt drängen. Leere Spalten sind ein kostbares Gut.

Ausnahmsweise Farbe im Leitartikel

Auf der Seite 4 bleibt die Farbe nicht bei sich, sie zieht sich durch die Außenspalten des Leitartikels und des Kommentars darunter. Die Farbspur kommt dem Text in die Quere. Sie wird aufsässig, überlagert ihn, färbt ihn mitunter kraftvoll ein. Sie scheint die Kommentare auf ihre Art zu kommentieren - nicht im Sinne der Tagesaktualität und ihrer hektischen Argumente, eben gar nicht als Wort, vielmehr als Eingriff und Subtext, als Zeichen einer anderen Realität als der sprachlichen. Selten begegnet die Abstraktion so selbstbewusst der Wirklichkeit. Die „Angst vor den nächsten Blase“ erscheint denn auch umgehend in einem anderen, einem Farblicht. Und der Kommentar fällt ungewöhnlich farbig aus.

Wer sich aber in die Erscheinung der Farbe selbst und in ihre variierende Dichte vertieft, ganz gleich, ob sie sich auf weißem Grund oder dem Zeichensatz entfaltet, wird ihre Spuren verwegen nennen, ihren Verlauf unregelmäßig, die jeweilige Farbtiefe unvorhersehbar. Doch Schönheit ist nicht das vorrangige Thema, mehr die Kombination von Konzept und Zufall. Es gehe ihr darum, die Zeitung mit den Mitteln ihrer eigenen Produktion zu reflektieren, darum, der Gewohnheit entgegenzuwirken, sagt Leni Hoffmann. „Die Leser schlagen eine Seite auf und treffen auf etwas, das sie nicht erwarten.“ Sie verstehe dies als „Rückverweis auf den Menschen im System“, als „radikale Malerei“.



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