Von Jan Freitag, 23.11.09, 22:16h
Der Straßenfeger
Carl Clemens Hahn, der sein pfälzisches Geburtsnest zum Künstlernamen adelte, war erfolgloser Kleinstadtmime und bot 1953 dem NWDR ein Format an, das ihm des Nachts eingefallen war. Dank exotisch klingender Rezepte mit simplen Zutaten entwickelte er sich zum Held der Hausfrauenwelt. Die spottbillige Liveshow „Bitte in zehn Minuten zu Tisch“ wurde ein Straßenfeger, mit einer Einschaltquote, die in elf Jahren bisweilen identisch mit dem Bestand an TV-Geräten war. Doch Kaspar Heidelbachs Film „Es liegt mir auf der Zunge“ ist mehr als bloße Personenbeschreibung - es ist ein Sittengemälde des Wirtschaftswunders, in dem der gefällige Blender wie ein Bläschen im Perlwein aufsteigt. Wilmenrod verkörpert hier den Aufbruch ins Entertainment-Zeitalter: Wie anarchisch Unterhaltung damals funktionierte - und wie berechnend. Wilmenrod nährte die Sehnsucht nach Genuss und Ferne mit Fantasiegerichten vom „Arabischen Reiterfleisch“ bis zum „Toast Hawaii“. Dabei war er nicht nur eine Verkaufskanone, die dafür sorgte, dass Kabeljau und Ananasringe anderntags ausverkauft waren. Er gilt auch als Schleichwerbungspionier, der für Geld die Etiketten seiner Zutaten vors Objektiv hielt, und er verkaufte 250 000 Kochbücher, sogar ein Buch seiner kurzen Kriegserlebnisse war in Planung. Diesen Typus verkörpert keiner besser als Jan Josef Liefers, mit südländischem Schmachtblick, dunkler Brillantinetolle und dem snobistischen Selbstwertgefühl des Krisengewinnlers. Wie er die Zuschauer erst mit „Ihr lieben, goldigen Menschen“ (zu salopp), dann „Liebe Brüder und Schwestern in Lucullus“ (zu blasphemisch), letztlich „Verehrte Feinschmeckergemeinde“ begrüßt; wie er beim unbeholfenen Zwiebelschneiden von Fahrten in ferne Länder lügt, wo er seine (oft geklauten) Spezereien angeblich fand; wie er trinkend, geschieden, arbeitslos, vereinsamt, krebskrank auch kurz vorm Selbstmord mit 61 noch Würde bewahrt - diesen eitlen, aber selbstironischen Tonfall des charmanten Dilettanten trifft keiner so wie Liefers. Er macht den Film bei aller sonnigen Bonbonfarbigkeit authentisch.
Nur eine Unterhaltung
Und das, obwohl der Großteil seines Textes aus zwei erhaltenen Sendungen à 15 Minuten stammt. Der Rest dieser Geschichte vom gescheiterten Bühnendarsteller über den frischen Fernsehstar zum neureichen Lebemann auf dem Weg zur Selbstüberschätzung, ergibt sich aus Büchern, Presse, Zeitzeugen. Wilmenrod war weniger TV-Koch als Showtalent. Seine Sendung war „eine Spielerei“, wie er selbst sagte, mit dem einen Zweck, „dass wir uns ein paar Minuten unterhalten“. Endlich einer, der es ausspricht: „Mehr ist nicht dahinter.“
„Es liegt mir auf der Zunge“, Mittwoch, 20.15 Uhr, ARD
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