Von Ulrike Simon, 26.11.09, 19:23h
Jakob Augstein fährt sich mit der Hand durch die dunklen, an den Schläfen leicht ergrauten Haare. Auch mit 42 Jahren drängt es ihn nicht in den Vordergrund. „Journalismus ist ein faires Geschäft“, sagt er. „Wenn die Texte nicht gut sind, hilft dir dein Name gar nichts.“ - In einem Dachgeschoss hinter der Berliner Humboldt-Universität sitzt die Redaktion der Wochenzeitung „Der Freitag“. Jakob Augstein hat das linke Meinungsblatt im Frühjahr 2008 gekauft. Er ist nun selbst Verleger. Der Frage, ob er mit dem Kauf des Blattes in Rudolf Augsteins Fußstapfen treten will, entgegnet er mit Kopfschütteln. Dass er Journalist geworden ist, entsprach seinen Neigungen.
Ein Kind der Wiedervereinigung1990 wurde „Der Freitag“ gegründet. Er ging aus dem Ost-Berliner Sonntag und der westdeutschen Volkszeitung hervor, um das Zusammenwachsen von Ost und West zu begleiten. Jakob Augstein hat die Wochenzeitung von Grund auf neu gestaltet und den Kioskverkauf binnen eines Jahres mehr als verdreifacht. Die Auflage kommt auf 18.000 Exemplare. Das Besondere am neuen Freitag ist die redaktionelle Einbindung der Zeitungsleser und Online-Nutzer. Sie sollen sich als das fühlen, was man im Web-Zeitalter Community nennt. Augstein wünscht sich journalistische Eindeutigkeit. Es sei falsch, dass die Medien den Anschein erweckten, es gäbe kein Oben und Unten, kein Rechts und Links mehr. Guter Journalismus und politische Ideologie schlössen sich zwar aus; „aber wenn der »Freitag« ein politisches Projekt hätte, wäre es das rot-rot-grüne.“
In den Gesellschafterversammlungen des Spiegels vertritt er die Erbengemeinschaft Rudolf Augsteins. Jahr für Jahr bekommt er, ohne Zutun, seinen Gewinnanteil ausbezahlt. Für den Freitag hat er sich eine gewisse Geldsumme gesetzt, die er bereit ist zu investieren. Seine Prioritäten sind klar: Es geht um das Überleben des Unternehmens. Später sollen die Mitarbeiter fair bezahlt werden. Dann soll sich seine Investition lohnen. Wird der Freitag sein Lebenswerk? „In solchen Kategorien denke ich nicht. Ich denke in Projekten. Vielleicht mache ich irgendwann wieder etwas anderes.“
Späte BefreiungSeit Jakob Augstein eine eigene Zeitung besitzt, wirkt er irgendwie befreit. In einem Apparat zu arbeiten, sei es bei der Süddeutschen, sei es beim Spiegel, sei seine Sache nicht. „Ich kann mich schlecht unterordnen“, sagt er. Woher das komme? „Vielleicht, weil ich vaterlos aufgewachsen bin“. Er und seine Schwester sind auf die Welt gekommen, bevor Rudolf Augstein die Mutter, die Übersetzerin Maria Carlsson, geheiratet hat. Die Ehe währte nicht lange. Erst im Teenager-Alter entwickelte sich sein Verhältnis zu Rudolf Augstein zum Guten.
Er ist erwachsen, als er von seiner Mutter jene Antwort erhält, die wenige kennen und über die nie jemand öffentlich geredet hat. Bis heute nicht. Rudolf Augstein, 2002 gestorben, war zwar Jakobs gesetzlicher Vater. Nicht jedoch sein leiblicher. Das war Martin Walser, der 82-jährige, am Bodensee lebende Schriftsteller. Ja, sagt Jakob Augstein: „Das ist lange bekannt, und ich bestätige Ihnen das gerne.“ Maria Carlsson hatte Augstein und Walser miteinander bekannt gemacht. Die beiden waren befreundet, sie teilten ihr Wissen. Warum sollte Jakob Augstein es verheimlichen - erst recht heute, da er selbst drei Kinder hat? Er will kein Gewese darum machen.
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