Von Rüdiger Heimlich, 30.11.09, 21:52h
Ein Full-Time-Job
Ein Rundfunkrat ohne den früheren SPD-Politiker Reinhard Grätz - nach 30 Jahren wird man sich daran erst gewöhnen müssen. Grätz hatte das Ehrenamt - und eine ganze Reihe weiterer wichtiger Aufsichtsfunktionen in Tochterfirmen des WDR - seit Jahren als Full-Time-Job ausgefüllt. Er war ein gewiefter Sitzungsroutinier, Aktenfresser und Solitär, der in der Ära Clement und Steinbrück in oft störrische Distanz zur eigenen Fraktion ging. Im Rundfunkrat nahm er Kompetenzen und Funktionen an sich, die viele lieber auf andere Schultern verteilt gesehen hätten. Grätz machte sich gegen Fritz Pleitgens dritte Amtszeit als Intendant stark, konnte aber den SPD-Freund Fritz Raff, Intendant des Saarländischen Rundfunks, nicht gegen Monika Piel durchsetzen. Da war der Einfluss von Karin Junker bei der „grauen“ Majorität des Gremiums größer.
Reinhard Grätz ist ein überzeugter „Öffentlich-rechtlicher“, der den WDR und die ARD in allen „Kulturkämpfen“ mit der Politik und der kommerziellen Konkurrenz hartnäckig verteidigte, seinen Ausbau politisch deckte und auch gegenüber der EU-Kommission verfocht - öffentliche Kritik an „seinem“ Sender wurde aus seinem Munde nie laut. Getroffen hat ihn der Schleichwerbungs-Skandal bei der ARD-Filmtochter Bavaria, dessen Aufsichtsrat er vorstand. Ein Ausscheiden aus dem Gremium kam für ihn nicht in Frage, weil es persönliches Versagen signalisiert hätte.
24 Jahre lang stand ein Sozialdemokrat dem Rundfunkrat vor - nun könnte es mit Ruth Hieronymi erstmals eine Christdemokratin an die Spitze schaffen. Eine sichere Mehrheit hätte die schwarz-gelbe Landesregierung ihr verschaffen können, hätte sie das neue WDR-Gesetz früher zur Abstimmung gebracht als erst in dieser Woche. Die Regierung Rüttgers stockt das Gremium um weitere vier Mitglieder mit Vertretern der Medienwirtschaft auf. Die aber werden erst mit Inkrafttreten des Gesetzes im Januar dazustoßen. Gegen Hieronymi will sich Friedhelm Wixforth, Vorsitzender des Haushalts- und Finanzausschusses, zur Wahl stellen. „Politisch sind wir jetzt auch mal dran“, meldet Wixforth die Amtsambitionen der so genannten „Grauen“ im Rundfunkrat an.
Jeden Anschein vermeiden
„Wir wollen jeden Anschein der Beeinflussung vermeiden“, kommentierte NRW-Medienminister Andreas Krautscheid gestern die anstehenden Rundfunkratswahlen. Aufgestockt werde das Gremium nicht etwa, um es politisch zu dominieren, sondern um zusätzliches Know-How einzubringen. Den Vorsitz, so Krautscheid, sollte „ eine Persönlichkeit haben, die eine breite Akzeptanz hat“. ARD und ZDF würden in der Debatte um die Rundfunkgebühr unter hohen Rechtfertigungsdruck geraten. „Da braucht es unabhängige Persönlichkeiten, die auch bei grundsätzlicher Systemsympathie den Sendern selbstbewusst gegenübertreten.“
| JETZT BESTELLEN! 4 Wochen Kölner Stadt-Anzeiger zum Vorzugspreis. Sie sparen mehr als 35%. |
|
Anzeige