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Dubai

Die Grenzen des Größenwahns

Von Silke Offergeld, 05.12.09, 09:51h, aktualisiert 05.12.09, 11:34h

Dubai ist eine Stadt und ein Emirat der Superlative: Nun ist der Wüstenstaat pleite und steht vor einem hohen Schuldenberg. Wie Dubai über seinen Größenwahn stolpert - und trotzdem weiter an den Aufschwung glaubt.

Scheich Mohammed
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Im Reich von Scheich Mohammed bin Raschid al Maktum stehen viele Kräne still. (Bild: rtr)
Scheich Mohammed
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Im Reich von Scheich Mohammed bin Raschid al Maktum stehen viele Kräne still. (Bild: rtr)
Vor dem Haupteingang der Dubai Mall gibt es zwei Sorten von Touristen: Die einen hocken, knien, liegen fast auf dem Boden, in der Hand eine Kamera. Die anderen stehen - im Rücken die stählern schimmernde Fassade des Burj Dubai, 818 Meter hoch, nur schwer auf ein Foto zu bekommen. Aber das Bild wollen alle: Inder, Russen, Briten, Deutsche.

Er sollte ein Symbol des Triumphes sein: Der höchste Turm der Erde, ein Wahrzeichen, auf das nicht nur die Touristen, sondern die Welt schaut. Doch erst wurde die Eröffnung von Dezember auf Anfang Januar 2010 vertagt, und dann schaute die Welt trotzdem auf einmal auf Dubai - seit Ende vergangener Woche die staatliche Holding Dubai World um Stundung ihrer Schulden bat und damit Börsen weltweit kurzfristig ins Trudeln brachte. Jetzt wurde offensichtlich, wovor Fachleute schon lange gewarnt hatten: Dubais Schuldenberg ist höher als sein höchster Turm.

Dubai ist die Stadt der Superlative: Die luxuriösesten Hotels, die größten Vergnügungsparks, künstliche Inselgruppen, aus dem Weltall zu sehen. Dass das Emirat nun über seinen Größenwahn stolpert, wird vom Rest der Welt nicht ohne Häme zur Kenntnis genommen.

Neben dem Burj lockt die Dubai Mall, eines der - natürlich - größten Shoppingzentren der Welt. Gleich dahinter aber fällt der Blick auf das inoffizielle Wahrzeichen der Stadt: Eine riesige Ansammlung von Großbaustellen. Die Taxifahrt von hier aus in Richtung „The Palm“, der künstlichen Inselgruppe in Form einer Palme, und des Burj Al Arab, dem Super-Luxus-Hotel in Form eines windgefüllten Segels, führt lange durch ein Niemandsland von sandigen Baugruben und Wolkenkratzern im Rohbau. Ein Viertel aller Kräne weltweit stand bis vor kurzem in Dubai. Mittlerweile sind viele von ihnen abgebaut. Zu den Baustellen, auf denen sich nichts mehr regt, zählen auch Prestigeprojekte wie „The World“, die Inselgruppe in Form der Weltkarte.

Bereits im letzten Jahr brachen die Preise für Büroflächen und Appartements fast um die Hälfte ein. „Der Immobilienbereich sieht nicht gut aus“, bestätigt Eckhart Woertz, Chefökonom des Thinktanks „Gulf Research Center“. „Der Tourismus kann das nicht ausgleichen und hat infolge der globalen Krise auch gelitten.“ Dabei war der Tourismus immer als zweites Standbein der Stadt geplant. Vor einem Jahr noch wurde hier das Luxushotel Atlantis auf „The Palm“ mit einem 20 Millionen Dollar teuren Feuerwerk eröffnet. Heute versuchen das Atlantis und selbst das noble Burj Al Arab in der Nebensaison, Gäste mit reduzierten Preisen zu ködern.

„Dubai hat auf das Luxussegment gesetzt, das war vom Ansatz her richtig“, analysiert Karl Born, Professor für Tourismusmanagement an der Fachhochschule Hartz. „Aber was mich immer irritiert hat, war dieser Gigantismus - das war völlig überzogen, da trifft einen ein Rückschlag umso härter.“

Leerstand gibt es schon heute auch in fertigen Gebäuden: Seit Anfang des Jahres immer mehr Ausländer ihre Jobs in Dubai verloren haben, wird es nachts ziemlich dunkel in der Stadt - in vielen Häusern brennt kein Licht mehr. Wer keine Arbeit mehr hat, muss das Emirat innerhalb von 30 Tagen verlassen.

„Den alten Hype wird es nicht mehr geben, aber Dubai wird nicht im Meer verschwinden, es hat eine starke Position als regionale Handelsdrehscheibe“, sagt Wirtschaftsexperte Woertz. Das liberale Umfeld mache die Stadt als Finanz- und Handelsplatz nach wie vor attraktiv.

Auch Peter Pollak haben die Krisen-Schlagzeilen in aller Welt überrascht: „Es wundert mich, dass das jetzt so hochkocht - die Situation ist ja die gleiche wie vor sechs Monaten“, sagt der Geschäftsführer der Lufthansa in den Vereinigten Arabischen Emiraten. „Es wird sicher schwierig, aber mittelfristig wird Dubai diese Krise meistern - man wird sich eben wieder an drei oder vier Prozent Wachstum gewöhnen müssen, statt an 15 oder 20“, analysiert Pollak beim Steak im Atlantis-Hotel. An den Tischen des Restaurants „Seafire“, eines von 17 im Hotel, sitzen Gäste aus Italien bei Champagner und Austern, einen Tisch weiter fotografiert sich ein asiatisches Pärchen, daneben hat eine Gruppe verschleierter Frauen Platz genommen.

Vom Balkon der Bridge Suite des Atlantis, einem hemmungslos überladenen 924-Quadratmeter-Komplex, geht der Blick über „The Palm“. Auf den Wedeln der künstlichen Insellandschaft liegen die Villen im Dunkeln, der Halbmond, in dessen Mitte das Hotel thront, ist zu großen Teilen unbebaut. In der Ferne, hinter vielen dunkeln Flächen, schimmert der Burj Dubai. Am 4. Januar 2010, dem 15. Jahrestag der Amtseinführung von Scheich Mohammed bin Rashid al Maktum, soll der Turm nun eröffnet werden. Er wird wohl das vorerst letzte Prestigeprojekt dieser Größenordnung sein. Wer hoch baut, kann eben auch tiefer fallen.



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