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Pflege-TÜV

„Das Leben ist nicht so“

Von Petra Pluwatsch, 02.12.09, 22:42h

Der neue Pflege-TÜV sorgt in der Branche für Zorn: Fünf Häuser des Kölner Clarenbachwerks wurden ohne Ankündigung von den Mitarbeitern des MDK unter die Lupe genommen und bewertet. Die Leiter der Pflegeheime sind empört.

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Seniorenheime: Anspruch auf ein würdevolles Leben. (Bild: dpa)
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Seniorenheime: Anspruch auf ein würdevolles Leben. (Bild: dpa)
KÖLN - „Momentaufnahmen“, sagt Doris Röhlich-Spitzer mit einer Spur von Verachtung in der Stimme. „Alles Momentaufnahmen.“ Die Leiterin Pflegemanagement findet deutliche Worte für die Beurteilung der sechs Einrichtungen des Clarenbachwerks Köln durch den Medizinischen Dienst der Krankenversicherung (MDK). Bis zu neun Stunden wurden im Juli und August dieses Jahres die Häuser von den Prüfern des MDK unter die Lupe genommen. Unangemeldet schlugen die Prüfer damals in den Einrichtungen auf, um Antworten auf 82 Fragen zu finden: „Gibt es Maßnahmen zur Kontaktpflege mit Angehörigen?“ „Wird das individuelle Sturzrisiko erfasst?“ „Wird der Speiseplan in gut lesbarer Form bekannt gegeben?“ Mitte November erfuhren die Mitarbeiter der Heime die Ergebnisse der akribischen Examination; in den kommenden Tagen werden die Noten im Internet für jedermann einsehbar sein.

Fünf der sechs Häuser des Clarenbachwerks bekamen vom MDK Noten zwischen 1,1, und 1,6. Alles in allem kein schlechtes Ergebnis, und doch keines, das das Pflegepersonal froh stimmt. Etliche der 82 Einzelbewertungen entsprächen ganz und gar nicht dem, was in den Heimen tagtäglich an Pflege geleistet werde, kritisiert Doris Röhlich-Spitzer, „und das“, sagt sie, schmerze doch erheblich.

Gedämpfte Stimmung auch unter den Mitarbeitern des „Heinrich Püschel Hauses“. Hier werden auf sechs Etagen Demenzkranke in unterschiedlichen Krankheitsstadien betreut: helle Wände, große Fenster, Kerzen in den Badezimmern. In den Gängen stehen mechanische Nähmaschinen und Mobiliar aus Omas Zeiten, damit die Bewohner sich auch in der ungewohnten Umgebung wie zu Hause fühlen. Auf drei Etagen verfolgt man einen integrativen Ansatz: Schwere und weniger schwere Fälle werden zusammen betreut. Auf den übrigen Etagen bleiben die Schwerstkranken unter sich.

„Gesamtnote 1,4“, befanden die Prüfer des MDK und vergaben Einzelnoten zwischen 1 und 2,4 für die „Pflege und medizinische Versorgung“, „für soziale Betreuung“, den „Umgang mit Demenzkranken“ und für „Wohnen, Verpflegung, Hauswirtschaft und Hygiene“. Für Pflegedienstleiter Jürgen Flechsig, seit mehr als 20 Jahren im Dienst des Clarenbachwerks, ist die Benotung trotzdem „eindeutig“ zu schlecht. „Ich bin empört“, sagt er - trotz aller Erleichterung, nach Monaten des Wartens endlich die Ergebnisse der Prüfung zu kennen. Er ist überzeugt: „Wir sind besser als unsere Noten.“

Grund seiner Aufregung: die „2,4“ im „Qualitätsbereich 2“, „Umgang mit demenzkranken Bewohnern“, ein Thema, das Flechsig und seinen Mitarbeitern „besonders am Herzen liegt“. Eine der zehn Teilnoten, aus denen sich die „2,4“ zusammensetzt, liegt sogar noch unter dieser Marke, und „das macht etwas bitter. Wir kümmern uns um unsere Patienten und bekommen trotzdem eine schlechte Note. Dabei gibt es hier nicht einen Bewohner, dem es nicht gut geht.“

Natürlich habe man nichts dagegen, sich prüfen und benoten zu lassen. Der Alltag eines Pflegeheimes, so die Kritik der Mitarbeiter, ließe sich jedoch nicht in einem Fragenkatalog wie diesem zur Gänze erfassen. Jeder Handgriff solle auf einmal exakt dokumentiert, jede Maßnahme schriftlich begründet werden. Das beanspruche Zeit, die man eigentlich für die Pflege brauche, klagt Paul Wirtz, Leiter des Heinrich Püschel Hauses. „Selbstverständlichkeiten müssen aufgeschrieben werden. Sind sie nicht dokumentiert, bekommt man eine schlechte Note.“ Doris Röhlich-Spitzer befürchtet für die Zukunft Schlimmes: „Über uns bricht ein Bürokratismus herein, der uns fragen lässt, ob unser Beruf noch das ist, für das wir vor 30 Jahren angetreten sind.“

Ortsbegehung auf Etage drei. Hier leben 27 schwer Demenzkranke wie das Ehepaar Vera und Kurt M. Vera M. wandert auf dem Gang hin und her. Immer wieder fasst sie sich zwischen die Beine, als wolle sie prüfen, ob alles an seinem Platz ist. Nein, murmelt sie, sie mache dieses ständige Drangsalieren durch den Ehemann nicht mehr mit. Den Weg zurück ins gemeinsame Zimmer findet sie nur mit Hilfe einer Pflegekraft. Dort liegt der Ehemann auf dem Bett und ruft nach seiner Frau. Die Hose sitze nicht richtig, so möge ihm helfen.

Werner S., der vier Zimmer weiter wohnt, hält bei geöffneter Tür gemeinsam mit seiner Nachbarin einen Mittagsschlaf. Zusammengekuschelt liegen sie auf der Tagesdecke, ein Paar, das sich im Alter gefunden hat. Fröhlich winkt Werner S. jedem zu, der draußen vorbeigeht.

Lassen sich Situationen wie diese in einen Fragenkatalog zwängen? Nein, sagt Paul Wirtz. „Wir versuchen, den Leuten so weit es geht ein schönes Leben zu bereiten. Und dann sollen wir diese 82 Fragen über alles drüberstülpen. Das passt halt nicht immer. Das Leben ist nicht so.“



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