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Jugend und Alkohol

Trinken bis der Arzt kommt

Von Michaela Krüger, 23.10.09, 18:27h, aktualisiert 26.10.09, 10:08h

Alcopops und Komasaufen fordern ihren Tribut: 160.000 Kinder und Jugendliche in Deutschland sind alkoholabhängig, allein in NRW gibt es 35.000. Melanie und Dennis sind zwei von ihnen. Ein Bericht über ihren Entzug.

Dennis
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Dennis ist 18 Jahre alt und alkoholkrank. Er ist einer von 160 000 Jugendlichen in Deutschland, die alkoholsüchtig sind. (Bild: Grönert)
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Dennis ist 18 Jahre alt und alkoholkrank. Er ist einer von 160 000 Jugendlichen in Deutschland, die alkoholsüchtig sind. (Bild: Grönert)
Es war an einem Freitagmorgen im September, 6.34 Uhr, als Melanie merkte, dass alles viel schlimmer ist. Aber was heißt schlimmer? Wenn sich eh alles egal anfühlt, nach einer Leere, die so groß ist, dass man sie spüren kann, drückend im Magen. Sie blickte in den Spiegel, das Gesicht blass, die Adern in den Augen gerötet. Melanie wollte sich die Haare kämmen, die Hand schaffte es nicht zum Kopf, Schweiß stand auf der Stirn, ein Tropfen rann insAuge, es brannte, überall, alles, der Rachen, die Zunge. Der Körper, 47 Kilo leicht, wog schwer, zog nach unten. Melanie klammerte sich am Waschbecken fest. Die Eltern waren zu einem Wochenendausflug aufgebrochen. Melanie kotzte. Aus dem Augenwinkel sah sie verschwommen das Mundwasser auf der Ablage stehen. Alkoholanteil 18 Prozent. Ihre Hand griff nach der Flasche. Sie trank. Erst wurde der Körper ruhig. Dann fiel er um. Die Putzfrau fand Melanie später und brachte sie ins Krankenhaus. Da war sie 15.

„Ich war drauf“, sagt Melanie, der Zusammenbruch liegt ein Jahr und einen Entzug zurück. Sie sitzt mit ihren Eltern im Wohnzimmer, und zwischen den Sätzen ist es sehr still. Was soll man sagen? Wie erklären? Melanie ist eine von 35 000 alkoholabhängigen Jugendlichen in Nordrhein-Westfalen. 160 000 sind es bundesweit, Tendenz steigend. Dennis, den wir später in einer Entwöhnungsklinik treffen, formuliert es so: „Von meinen Kumpels hätte ich locker einige mit in die Klinik nehmen können. Die haben alle zu viel gesoffen, nicht nur an Wochenenden.“

Melanie sieht sehr hübsch aus. Sie trägt langes, blondes Haar, ihr Gesicht ist zart, allein eine schmale Narbe erzählt von derVergangenheit. Auf einer Party stürzte sie kopfüber in ein Gebüsch, der Promillewert muss um die 1,5 gelegen haben. „Zwei Flaschen Sekt, Alcopops, ein paar Schnäpse, irgendwie so, alles eben. . . “, sagt Melanie. Heute besucht sie eine Realschule, vom Gymnasium ist sie mit 14 abgegangen. Aber was heißt abgehen, wenn man kaum noch hingeht. Oder einschläft. Das Hirn hatte sich auf anderes fokussiert. Auf Ethanol, C2H5OH. Nervengift. Verpackt in sehr viel Zucker, der den beißenden Geschmack übertünchte.

Alcopops als Einstiegsdrink

Die Industrie weiß, wie man Alkohol verkauft. Anfang 2000 hat sie in Deutschland Alcopops eingeführt – bald darauf tranken die Jugendlichen so viel wie nie zuvor, die Hälfte von ihnen mindestens einmal im Monat „bis zum Umfallen“. Das Fatale an den süßen Mischgetränken: Zunächst verstoffwechselt der Zucker, dann erst der Alkohol. Es knallt mit einem Mal. Mit einer Wucht, die zerstörerischer kaum sein könnte.

Je jünger der Körper ist, desto perfider arbeitet das Gift. Denn Alkohol wirkt nicht nur psychoaktiv, verändert also die Stimmungslage. Er dringt direkt in die Zentrale vor, greift an, wo er am meisten schadet. Im Hirn. Bei Kindern zerstört er nicht nur vorhandeneZellen, er stoppt auch deren Entwicklung. Außerdem bringt er das Zusammenspiel der Rezeptoren durcheinander. Denn das Wohlbefindlichkeitssystem befindet sich noch in der Orientierungsphase. Reize, die durch Alkohol vermittelt werden, gleicht das Suchtgedächtnis mit bekannten Stimuli in anderen Hirnregionen ab. Bereits beim Erinnern an erlebte Geräusche, Gerüche und damit verbundene Rituale schaltet sich das Verlangen ein. Im Prinzip funktionierte Melanie wie ein Pawlow’scher Hund. Riechen, sehen, haben wollen.

„Meine Gedanken haben sich zuletzt nur noch um Alkohol gedreht. Nicht, dass ich morgens zitternd wach geworden bin, das nicht. Aber ohne war ich nichts mehr, habe nichtsmehr gefühlt. Außer mich total alleine. Es hat mich einfach ruhig gemacht“, sagt Melanie. Ihre Mutter drückt die verschränkten Finger ineinander, die Knöchel verfärben sich weiß. Die Augen ihres Vaters füllen sich mit Tränen. Er steht auf und verlässt das Zimmer. Nebenan fährt ein Computer hoch.

„Wir haben es nicht gesehen.“

Ihren ersten Schluck nahm Melanie mit 12, eine ältere Freundin hatte Alcopops besorgt. Die Mutter zuckt zusammen, wie so oft während des Gesprächs. „Wir haben es nicht gesehen, einfach nicht gesehen. Nicht sehen wollen.“ Der Satz entscheidet nicht zwischen Feststellung und Frage. Es gab schließlich so vieles zu bemerken. Das fahle Gesicht, die Fehlstunden, die Entschuldigungszettel, die Melanie selbst unterschrieb. Der Geruch, der gärend aus den Poren quoll, abgestanden, ein oxidiertes Abbauprodukt. „Wir dachten doch, bei uns sei alles in Ordnung.“

Genauso wenig wie nur der Penner auf der Parkbank alkoholabhängig ist, genauso wenig trinkt nur der Jugendliche aus der Unterschicht. Es ist ein nach unten hin verzerrtes, aber doch noch erkennbares Abbild der Gesellschaft, das stetig für Nachschub in den Suchtkliniken sorgt. Draußen mangelt es ja nicht an kaputten Familien, nicht an Verwahrlosung, und sei es jene, die Soziologen als „Luxusverwahrlosung“ bezeichnen. Geld statt Zuwendung. Eigenes Pony statt Zoobesuch. Melanies Mutter arbeitet als Lehrerin in einer Ganztagsschule, der Vater ist Architekt, selbstständig, Zeit bleibt wenig. „Zu wenig“, sagt die Mutter. „Wir haben Melanie aus den Augen verloren.“

Melanie sagt, sie brauche Luft, und zieht ihre Jacke über. Ihr Schritt ist eilig, als sie den Weg zu der Stelle einschlägt, an dem die Sucht vor vier Jahren ihren Anfang nahm. Dem Spielplatz. Es hat begonnen zu regnen, die Kleidung weicht langsam durch. Sie möge das, dann könne sie sich fühlen, sagt Melanie, und setzt sich auf die Schaukel, auf der die Mädchen das Zeug tranken, das nach zuckersüßer Limonade schmeckte. Es war früh am Abend, und im Sandkasten spielten noch Kinder.

Wer zuletzt umfällt, hat gewonnen

Wenn Melanie fertig ist mit der Schule, im Sommer 2010, will sie weg von hier. Sie hat eine Lehrstelle als Floristin in Aussicht, bei einem Blumenbetrieb in Bayern. „Freunde habe ich hier eh nur noch wenige. Am Wochenende gehe ich kaum weg. Ich meide die Orte, wo getrunken wird.“ In der Gegend gibt es ein Spiel, erzählt sie noch. Last man standing. Wer zuletzt umfällt, hat gewonnen. „Ich stand oft lange.“

Im Komasaufen liegen die Deutschen ganz weit vorn, nur die Dänen sind extremer. Mediziner wie Pädagogen verfolgen die Entwicklung mit wachsender Sorge. Auf dem Suchtkongress in Köln haben sich im September 300 Experten getroffen. Ein Drittel des Programms füllte das Thema Jugendliche und Alkohol. „Trinken bis der Arzt kommt“ nennt sich eine der jüngsten Studien, die schockiert. Die stationären Behandlungen aufgrund akuten Alkoholmissbrauchs sind danach von 9500 im Jahr 2000 auf 23 200 im Jahr 2007 gestiegen. Jeder Vierte der Behandelten war zwischen 10 und 15 Jahre alt, Mädchen machen inzwischen die Hälfte der Betroffenen aus. 50 Prozent der Zwölfjährigen haben schon einmal Alkohol getrunken, zwei Jahre früher als noch vor einem Jahrzehnt.

Jüngste Patientin war 7 Jahre alt

Die jüngste Patientin im niederrheinischen Viersen war sieben, als sie zu trinken begann. Sie leerte die Pfützen in den Gläsern ihrer alkoholkranken Eltern.

Die Kinder- und Jugendpsychiatrie in Viersen ist eine von zwei Einrichtungen in NRW, die neben einem Entzug auch eine stationäre Entwöhnung anbietet. Sechs bis neun Monate sind die Jüngsten unter den Süchtigen hier untergebracht, in einer Gegend, die fern der Innenstadt liegt. Der Weg führt einmal quer durchs Gelände, zieht sich hoch in Richtung Wald. Es riecht nach Erde, Vögel zwitschern, einmal die Stunde fährt ein Bus, mehr ist nicht. Allein das Hochhaus ragt in den Himmel, Betonbauweise, es nimmt sich aus wie ein störender, hässlicher Klotz.

Als alles anfing, Ende der 90er, als die Süchte der Jugend sich auswuchsen und immer mehr Jugendliche in den Erwachsenenstationen auftauchten, als man erkannte, welcher Therapiebedarf existiert, da war die Ablehnung gegenüber der Einrichtung groß. Eine Jugend, die trinkt? Abhängig ist? Helfen sicherlich, aber ausgerechnet hier? Die Widerstände haben sich gelegt. Wohl auch,weil inzwischen klar ist, dass man an dem Thema nicht vorbeikommt. Das ist spätestens dann der Fall, wenn die Drogenbeauftragte der Bundesregierung „Alkohol als Schulfach“ vorschlägt.

Konkurrenzdruck

Marlis Carls-Koch arbeitet seit 35 Jahren als Psychologin. Abhängige hat sie viele gesehen und sie weiß, welch nichtiger Anlass genügt, um die Bereitschaft zur Abstinenz kippen zu lassen. Die verpasste S-Bahn, eine kaputte Lieblingshose, ein Streit mit den Zimmernachbarn. „Bei Jugendlichen reichen manchmal sehr kleine Auslöser. Die Toleranzgrenze hat abgenommen“, sagt Carls-Koch, 61. „Wir leben in einer Welt mit immer mehr Reizen. Der Konkurrenzdruck wird immer größer, das Kräftemessen immer wichtiger. Überall begegnet man einem Leistungswettbewerb, und sei es nur in den Castingshows im Fernsehen. Damit muss ein Kind, ein Jugendlicher erst mal umgehen lernen.“

In Viersen verfolgt man ein offenes Konzept, ein Stufenprogramm. Wer keinen Willen zum Entzug zeigt, wird gar nicht erst genommen. Wer die Regeln nicht befolgt, fliegt. Wer Fortschritte macht, darf zuerst zehn Minuten raus, dann zwei Stunden am Tag, irgendwann über das Wochenende nach Hause. Ein Urintest, der geringste Alkoholspuren auch Tage später noch nachweisen kann, sorgt für Kontrolle. Aktenordner füllen die Regale bis zum Rand, sobald einer weiter nach hinten verschwindet, wird der nächste angelegt. Lücken in der Belegung gibt es nicht.

„Wir fragen uns immer wieder, wie man das schaffen kann“

Dennis ist nicht der schwierigste Fall. Zehn Flaschen Bier am Tag. Vier Flaschen Wein, eineinhalb Kisten Bier plus eine Flasche Wodka – auch das haben sie gehört auf der Station. „Wir fragen uns immer wieder, wie man das schaffen kann“, sagt Carls-Koch. „Zum Teil können die Jugendlichen damit noch gehen und einigermaßen geradeaus reden. Die Gewöhnung setzt bei ihnen sehr schnell ein.“ Manch einer hat die drei Promille überschritten, eine Grenze, bei der akute Lebensgefahr besteht.

Dennis also. 18 Jahre. Und wieder dieses Gefühl von Fassungslosigkeit. Nicht genau zu wissen, wo man anfangen soll zu fragen. Der da sitzt, schüchtern, den Blick suchend; seine Sätze sind anfangs selten länger als fünf Worte. Das erste Biermischgetränk mit 16, die ersten Lern- und Konzentrationsschwierigkeiten mit 17, Dennis beginnt, sich zurückzuziehen, alleine mit seiner Gitarre Lieder an einem See zu spielen. Das Bier im Gepäck. Der Alkohol wird sein täglicher Begleiter, die erste Flasche mal morgens, manchmal mittags, in jedem Fall abends.

Die Eltern sind nicht mehr sauer auf ihren Sohn. Sie bekommen ihn gar nicht mehr mit. Dennis lebt in einem Heim, zu groß sind die Schwierigkeiten geworden. Scheidung mit zehn, Kontaktsperre zum Vater, Umzüge in fremde Städte, zuerst mit 10, dann mit 14. Die Freunde bleiben zurück. Dafür ziehen der Stiefvater und drei Halbgeschwister ein. Sympathien gibt es nicht. Der Streit entlädt sich leise, dafür aber umso heftiger, es ist eine Implosion, die Schmerzen betäubt der Alkohol. „Ich habe das mit mir selber ausgemacht“, sagt Dennis. „Es war einfach alles dumpfer, ruhiger, wie im Nebel.“

Seinen Hauptschulabschluss hat Dennis noch geschafft. In Mathe schrieb er eine Eins. Eine halbe Flasche Wodka hatte er da bereits intus. Der durchsichtige Rest stand auf dem Pult. Abgefüllt in eine Sprite-Flasche. Im Heim lagerte das Bier hinter den Pullovern im Kleiderschrank. Aber die Fahne, die muss doch jemand bemerkt haben? „Schon“, sagt Dennis. „Ich habe gesagt, ich hätte alkoholfreies Bier getrunken.“ Eigentlich war das auch schon egal. Es wusste eh jeder, dass er log. Es war sein Glück, dass er illegale Autorennen fuhr. Besoffen, klar. Ohne Führerschein. Dass er in den Knast wanderte. Dass sein Kopf durchdrehte, weil ihm das Dopamin fehlte, jener Glücksbotenstoff, dessen Ausschüttung der Alkohol anregt. Dass er merkte, dass er eben nicht einfach aufhören konnte.Dass er Hilfe brauchte.

60 Prozent bleiben trocken

Die Chancen stehen nicht schlecht. Drei Viertel der Jugendlichen, die hierherkommen, halten die sechs Monate durch. Manche verlängern um weitere drei. Dann müssen sie wieder zurück in die normale Welt, oft unterstützt von der Jugendhilfe, betreutem Wohnen, von Projekten, die Schulabschlüsse oder eine Ausbildung fördern. 60 Prozent bleiben trocken. Abstinenzstudien gibt es zahlreiche – und sie schwanken in ihren Erfolgsquoten. Die einen sprechen von 35 Prozent, andere von 75 Prozent. Stets abzüglich derer, die einfach im Dunkel der Straße verschwinden...



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