Von Harald Biskup, 03.11.09, 14:51h, aktualisiert 05.11.09, 17:14h
Als er gegen 14.45 Uhr mit halbstündiger Verspätung in den fensterlosen Saal gebracht wird, ist sein Anblick für die bosnischen Journalisten eine Art Deja-Vu-Erlebnis, Ein wenig gealtert ist er, sonst aber hat Karadzic sich kaum verändert. Das Gesicht wirkt wieder voller, das volle weiße wellige Haar mit der charakteristischen Tolle gepflegt. Im taubenblauen Anzug mit weißem Hemd und weinroter Krawatte sieht der Angeklagte im Fall IT-95-5 / 18, dem letzten spektakulären Verfahren in Den Haag, wie ein Firmenchef aus, der den Tag nach vielen Terminen mit einem Dinner in stilvoller Atmosphäre ausklingen lassen möchte.
Die 15 Monate Untersuchungshaft haben keinen Gebrochenen aus ihm gemacht. Da ist nichts von Unterwürdigkeit oder gar Demut. Karadzic weiß: Dies ist sein Auftritt. Immerhin hat die Drohung der Kammer, einen Pflichtverteidiger zu bestellen, offenbar gewirkt. Das UN-Gericht verabscheut er zutiefst als eine Institution des Westens, und er denkt nicht daran, sich einer Siegerjustiz zu unterwerfen. Seine Mission sieht der einst mächtige bosnische Serben-Präsident darin, für die Sache der Serben zu kämpfen, zu allererst aber für sich selbst. Schon vor Prozessbeginn hat er verlauten lassen, er werde sich selbst verteidigen - wie sein großer Mentor Slobodan Milosevic, der vor Beendigung seines quälend sich dahinziehenden Prozesses in seiner Zelle einem Herzinfarkt erlegen war. „Ich werde mich verteidigen wie gegen eine Naturkatastrophe, der ich ja auch das Recht absprechen würde, mich anzugreifen.“
Diese Strategie verfolgt er auch im Gerichtssaal weiter, und er macht keinen Hehl, dass er die Rolle des Angeklagten als minderwertig erscheint. Karadzic ist einer, der sich niemals unterlegen fühlen mag. Nur ihm selbst stehe die Deutungshoheit über das zu, was ihm angelastet wird, er allein will entscheiden, was das Gericht, was seine Opfer und die Welt über ihn erfahren sollen.
Auch wenn er sich formvollendet und korrekt gibt - dem Gericht ist bewusst, dass es mit einem harten Brocken zu tun hat. „Ich will den Prozess nicht boykottieren, ich verlange nur ein faires Verfahren, euer Ehren“, erklärt Kardzic, und einen Augenblick scheint der Vorsitzende, der Südkoreaner O Gon Kwon, beeindruckt vom Selbstbewusstsein des Angeklagten. Vor diesem Tribunal seien schon „zu viele Unschuldige verurteilt worden“, schmettert Karadzic kurz darauf dem perplexen Gericht entgegen, „weil sie keine ordentliche Verteidigung hatten.“ Deswegen wolle er diesen Part selbst übernehmen. Zu einer gründlichen Vorbereitung aber brauche er Zeit, und er habe die serbo-kroatische Übersetzung der Anklageschrift erst kürzlich erhalten. Er müsse 45 000 Dokumente „verifizieren“, das gehe „nicht so nebenbei, in Prozesspausen oder am Wochenende.
Die deutsche Staatsanwältin Hildegard Uertz-Retzlaff führt aus, sie halte Karadzics Anwesenheit im Prozess für geboten und bringt auch seine zwangsweise Vorführung ins Spiel bringt. Schließlich entscheidet das Gericht, den Prozess wegen des anhaltenden Boykotts für mehrere Tage zu unterbrechen. Man werde die Situation „sorgfältig bedenken“ und bis Ende der Woche eine Entscheidung über das weitere Verfahren fällen. Währenddessen starrt der Angeklagte, die Hände auf die Ellbogen gestützt, mal ausdruckslos auf das vor ihm aufgebauten Computer-Terminal, mal blickt er finster zur Anklagebank hinüber. In seiner an schließenden Replik nennt der Mann, dem Völkermord, Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Kriegsverbrechen zur Last gelegt werden, die Vorwürfe gegen ihn einen „Whirlpool der Verwirrung“.
Je mehr er attackiert wird desto stärker trumpft Karadzic auf. Nichts ist in diesem Augenblick von dem gütig wirkenden Wunderheiler zu spüren, als den ihn Patienten einer Belgrader Privatpraxis während seines langen Abtauchens beschreiben. Und der, bevor er zum mutmaßlichen Massenmörder geworden ist, Gedichte geschrieben hat.
Ein Verwandlungskünstler ist dieser Radovoan Karadzic immer gewesen. Bevor er Führer der bosnischen Serben wurde, schrieb der bosnische Autor Aleksandar Hemon über ihn, war er „ein prosaischer Niemand; ein mittelmäßiger Psychiater, ein unbedeutender Dichter. Und zum Zeitpunkt seiner Verhaftung ein grotesker Quacksalber. Nur während des Krieges, auf einer blutigen Bühne, konnte er sein ganzes unmenschliches Potenzial ausschöpfen.“ Der Mann, der so viele Leben zerstört hat, verantwortlich gemacht wird für den Genozid an mehr als 8000 muslimischen Jungen und Männern in der Enklave Srebrenica, hat sich stets Heiler verstanden - ob als mordender und vergewaltigender Kriegsherr über die verhassten Muslime oder auf ganze andere Weise als New Age-Guru alias Dr. Dragan Dabic.
Der Selbstdarsteller Radovan Karadzic hat sich auf vielen Bühnen getummelt - nun benutzt er den internationalen Strafgerichtshof für das ehemalige Jugoslawien für seine Show. Dies ist gewiss die Hauptsorge des Gerichts, wenn es auf die Selbstverteidigungs-Absichtgen des Angeklagten mit deutlich artikulierter Skepsis reagiert. Auf einen Anwalt zu verzichten und als Advokat in eigener Sache aufzutreten, fürchten die Richter, könnte sich am Ende als eine besonders subtile Form der Sabotage erweisen. Natürlich möchte Karadzic auch Zeit schinden, denn bis spätestens 2013 soll das Tribunal seine Arbeit erledigt haben. Und niemand in Den Haag ist daran interessiert, dass auch der Prozess gegen den zweiten Hauptverantwortlichen für die Kriegsverbrechen auf dem Balkan ohne Urteil zu Ende geht.
Prozess-Boykott: Karadzic bleibt in seiner Zelle
Hintergrund: Die Anklage gegen Radovan Karadzic
Karadzic boykottiert seinen Prozess
Ein paar...
04.11.2009 | 13.48 Uhr | ladiiee
...Rechtschreibfehler in der Printversion wären auch nicht schlecht......
Keine Gnade!
04.11.2009 | 02.17 Uhr | Höschen
Zum Teufel mit diesem Massenmörder!
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