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Angst bei Opel

10.000 Jobs sind in Gefahr

Von Annika Joeres, Joachim Wille und Antonie Städter, 04.11.09, 13:41h, aktualisiert 05.11.09, 10:59h

Ohnmacht, Wut, Enttäuschung - die Stimmung in drei deutschen Opelwerken ist unterirdisch. Alle haben Angst um ihren Job. GM-Vizechef John Smith spricht davon, dass etwa 10.000 Menschen ihre Arbeit verlieren werden.

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General Motors will Opel nun doch behalten. (Bild: ddp)
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General Motors will Opel nun doch behalten. (Bild: ddp)
BOCHUM/ERFURT/RÜSSELSHEIM - Als sich um kurz vor sechs Uhr die Kameras auf ihn richteten wusste Daniel Hadert sofort: Sein Job ist in Gefahr. „Es ist die fünfte Krise die ich durchmache“, sagt der 42-jährige Bandarbeiter bei Opel. Aber diesmal sei alles noch viel schlimmer. In der ersten Schicht des Tages sei es still gewesen unter den Opelaner. „Was sollen wir denn noch sagen?“, fragt der schlaksige Mann. Vielen Arbeitern fehlen am Tag nach der überraschenden Wende von General Motors die Worte. Sie kennen die Rituale der Krise. Vor wenigen Monaten erst bangten sie um einen Milliardenkredit der Bundesregierung, dann hofften sie auf einen Verkauf an Magna. Nun beginnt das Spiel von vorne.

„Reine Veräppelung das alles“, sagt Ralf Beneke und setzt sich nach Schichtende in seinen alten giftgrünen „Ascona“. „Es ist doch sonnenklar, dass ein Amerikaner einem Russen nichts verkauft“, sagt Beneke. Und die Bundesregierung habe nur versucht, sich über die Wahl zu retten. „Das ist ein ganz übles Spiel“, sagt er.

Bochum ist am Ende der Kette

Die Bochumer sind ausgelaugt. Sie haben das Gefühl, bei ihnen würde immer als erstes gespart, schlimmer als am Hauptwerk in Rüsselsheim. „Wir sind am Ende der Kette“, sagt Beneke.

Betriebsrätin Annegret Gärtner-Leymann fordert nun eine harte Reaktion. „Wir können nicht nur zwei Stunden lang die Arbeit niederlegen und dann wird alles gut“, sagt sie mit Blick auf die so genannten Informationsveranstaltungen, die am heutigen Donnerstag republikweit stattfinden sollen. Jetzt müssten alle Werke in Europa zusammenstehen. „Wir werden um wirklich jeden Arbeitsplatz kämpfen“, so die Betriebsrätin. Ein bloßer Erhalt der Standorte sage noch gar nichts. „Das kann auch heißen, dass nur noch der Pförtner dort rumsitzt.“

Bedrohliche Perspektive

Eine bedrohliche Perspektive für eine Stadt, die erst im vergangenen Jahr 2500 Jobs bei Nokia verloren hat. Opel ist - neben der Ruhruniversität - der größte Arbeitgeber. Das Opelwerk ist für das Ruhrgebiet nicht einfach nur eine Fabrik. Es war seit der Ansiedlung in den 1960er Jahren ein Symbol für den Strukturwandel, für eine Zukunft nach der Zeche. Heute reisen Politiker nur noch zu Krisengipfeln an. Das wird jetzt wieder so sein.

Karina Pietrowska wird dieses Mal nicht dabei sein. Die Produktprüferin „kann nicht mehr.“ Die zierliche Frau mit den wasserstoffblonden kurzen Haaren arbeitet seit 20 Jahren bei Opel, auch ihr Schwager und ein Onkel stehen in Bochum am Band. „Wir stehen ständig kurz vor dem Tod“, sagt sie und schließt demonstrativ ihre Augen.

Im Rüsselsheimer Stammwerk ist die Stimmung unterirdisch. Wer die Mitarbeiter nach der Frühschicht am Tor 20 mit seine Drehtüren abfängt, erlebt drei Reaktions-Kategorien. In der Hälfte der Fälle ist es ein unwirsches „Ich-sag-überhaupt-nix-mehr“, der Rest verteilt sich auf Zornesäußerungen sowie Variationen von „Wird-schon-weitergehen“. Man scheint aber in einem einig: „Es ist so viel wertvolle Zeit verloren gegangen“, wie es eine junge Frau sagt.

Dabei kommt der gebeutelte Opel-Hauptstandort vermutlich noch am besten von allen weg. Hier sitzt das Entwicklungszentrum ITEZ, das für den ganzen GM-Konzern die Mittelklasse konzipiert, hier steht das modernste Werk, Leanfield genannt, in dem der Insignia vom Band läuft. Rüsselheim, wo riesige Hallen leer stehen, könnte locker Kapazitäten aus anderen Werken übernehmen, wenn GM diese dicht mache, Bochum etwa.

„Rüsselheim ist wohl am wenigsten gefährdet“, meint Elektriker Host Willmann, der im ITEZ arbeitet und gerade auf dem Nachhauseweg ist. Nur: Die Schließung von Werken zu verhindern und sich nicht gegeneinander ausspielen zu lassen, war oberste Priorität der Arbeitnehmervertreter. Das wird nun schwierig, und Willmann schwant: Es wird nun harte, sehr harte Auseinandersetzungen geben. Betriebsratschef Klaus Franz, der voll auf Magna setzte, scheint es an Unterstützung nicht zu mangeln. Wen man in Rüsselsheim vor den Werkstoren fragt, alle stellen sich hinter ihn. Nach 80 Jahren unter GM-Herrschaft sollte endlich Schluss damit sein. Aber GM trickste alle aus.

Im Eisenacher Opel-Werk herrscht eine gedrückte, gereizte Stimmung. „Es ist bitter, sehr bitter“, sagt der Betriebsratsvorsitzende Harald Lieske. „Wir waren so dicht vor dem Ziel - und dann lösen sich die Abmachungen plötzlich in Luft auf. Wenn GM an seinem früheren Konzept festhält, dann sieht es nicht gut aus für Eisenach.“

Vor dem Tor entladen sich Wut und Enttäuschung. „Eine Katastrophe“, sagt der 53-jährige Jürgen Hildebrandt. Dann verabschiedet er sich Richtung Werksgelände: „So, nun werde ich mal was tun für Opel.“ Die Ironie ist nicht zu überhören.



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