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Leitartikel zum Mauerfall

Der Feiertag des Volkes

Von Jan W. Brügelmann, 08.11.09, 21:18h, aktualisiert 09.11.09, 11:24h

Um die Einheit des Landes ist es 20 Jahre nach dem Mauerfall gut bestellt, keine Frage. Doch der Weg ist noch nicht zu Ende. Nach dem Wiederaufbau des Ostens gilt es nun, aufgeschobene Projekte im Westen anzupacken.

Trabi
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Um 24.00 Uhr sind alle Grenzübergänge offen und die Menschen strömen in Scharen nach West-Berlin. (Bild: rtn)
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Um 24.00 Uhr sind alle Grenzübergänge offen und die Menschen strömen in Scharen nach West-Berlin. (Bild: rtn)
Auch 20 Jahre später hat der 9. November 1989 nichts von seiner Dramatik, seiner emotionalen Tiefe und seiner Symbolik verloren. Als diese unmenschliche Grenze mitten durch Berlin und Deutschland fiel, triumphierte die Freiheit über die Diktatur. Der Mut der Menschen in Leipzig, Plauen, Halle, Dresden oder Erfurt zwang ein System in die Knie, das zwar moralisch und ökonomisch abgewirtschaftet hatte, doch immer noch über so genannte „bewaffnete Organe“ verfügte, mit deren Einsatz zur Unterbindung der Proteste immer gerechnet werden musste. Am Ende ging alles gut und blieb gewaltfrei - ein historischer Glücksfall, ganz und gar nicht selbstverständlich.

Wer jetzt im Fernsehen die packenden Reportagen aus der Endzeit der DDR verfolgt, stellt sich zwangsläufig die Frage, warum der 3. Oktober 1990 und nicht der 9. November 1989 heute als Tag der deutschen Einheit gilt. „Es kann keinen Tag der Einheit geben, an dem Politiker nicht vorkommen“, hat einmal Christian Führer geätzt, der mutige Pfarrer der Nikolaikirche in Leipzig, in deren Schatten 1989 die ersten Demonstrationen für mehr Demokratie und Selbstbestimmung begannen. Recht hat er.

Der 3. Oktober ist der Tag der Bürokratie, der Tag der westlichen Politprominenz, die den Vereinigungsprozess diktiert haben. Sie wollte den 9. November nicht, aus Angst vor der Geschichte, denn 51 Jahre zuvor starteten die Nationalsozialisten das erste große Pogrom gegen deutsche Juden. Der Marsch in den Untergang und die Befreiung von 17 Millionen DDR-Bürgern - es ist eine historische Linie, äußerst spannungsgeladen, für die ein Gedenken am 9. November so viel lohnender wäre.

Als der Tanz auf der Mauer vorüber war, begann die beschwerliche Reise, in deren Verlauf zusammenwachsen sollte, was zusammen gehörte, wie Willy Brandt es beschrieb. In diesem Prozess waren die Karten klar verteilt. Das westliche Gesellschaftssystem wurde einer Bevölkerung übergestülpt, die einerseits genau dies verlangten, um lange gehegte Konsum- und Reisewünsche zu erfüllen.

Aufgeschobene Projekte anpacken

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Andererseits aber war den meisten Ost-Deutschen nicht klar, wie massiv sich ihr Leben verändern würde. Die Arbeitslosigkeit schnellte in die Höhe, und plötzlich waren Eigenschaften wie Eigenverantwortung und -initiative gefragt, die ein sozialistische Regime stets zu unterdrücken trachtete. Kein Wunder, dass die Freude über die Freiheit schnell in Ernüchterung, oft auch in Enttäuschung umschlug. Das Gefühl, Bürger zweiter Klasse zu sein, sitz bei vielen Ostdeutschen noch tief, weil ihre Lebensbiografie im 21. Jahrhundert nicht mehr wirklich zählt.

Um die Einheit des Landes ist es 20 Jahre nach dem Mauerfall gut bestellt, keine Frage, doch der Weg ist noch nicht zu Ende. Nach dem Wiederaufbau des Ostens gilt es nun, aufgeschobene Projekte im Westen anzupacken. Wie sehr das Zusammenwachsen fälschlicherweise fast ausschließlich ökonomisch betrachtet wurde, hat eine Umfrage jüngst zutage gefördert. Die deutsche Gesellschaft ist ungerechter geworden, finden immer mehr und vor allem junge Menschen in Ost und West. Das bedeutet nicht im Umkehrschluss, dass die DDR rückblickend glorifiziert wird.

Mit deutlicher Mehrheit stimmen die Deutschen der Aussage zu, der Mauerstaat sei ein Unrechtsstaat gewesen. Doch muss nachdenklich stimmen, dass die Erben der SED, die Linkspartei, heute satte Wahlergebnisse einfahren, weil sie die einzigen sind, die ein gefühltes oder echtes Gerechtigkeitsdefizit zum Thema machen.



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