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Distelmeyer im Gloria

Das Leben nach Blumfeld

Von Martin Weber, 10.11.09, 16:18h

Songs mit Herz und Hirn und Lieder von der Rückseite der Liebe, den Straßenkampf im Alltag des eigenen Ichs inklusive: Jochen Distelmeyer spielt mit seiner Band im Kölner Gloria ein vorzügliches Rockkonzert.

Jochen Distelmeyer
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Jochen Distelmeyer kann es auch ohne Blumfeld.
Jochen Distelmeyer
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Jochen Distelmeyer kann es auch ohne Blumfeld.
Im Zugabenblock ist noch einmal alles drin, was diesen Künstler ausmacht. Die melodiöse Schlagerhaftigkeit der Münchener Freiheit ist vorrätig und auch die große Portion Pop, in der sowohl Wollen als auch Grollen wohnen, und die Dosis Emotionalität, die man irgendwo zwischen dem Gefühligkeits-Barden Reinhard Mey und der Alltagsromanik des Prefab-Sprout-Masterminds Paddy McAloon verorten kann, ist auch da. All das verdichtet sich, als Jochen Distelmeyer, ehedem Sänger und Texter der wegweisenden Blumfeld und nunmehr mit neuer Band unterwegs, mit „Status: Quo Vadis“ einen Song seiner alten Formation anstimmt. Das Publikum im Gloria ist da längst über Maßen enthusiasmiert, und es hat sich bereitwillig von Distelmeyer in einen Chor einteilen lassen, der nach Geschlechtern sortiert ist. „Quo vadis?“ fragen die Männer im Saal, „Ich und Du/ dem Leben zu“, antwortet die versammelte Frauenschar. Und Distelmeyer? Tanzt, wirkt auf der Bühne gelöst und glücklich wie selten und spendiert für die kollektive Gesangseinlage ein Lob, das in dem Achtziger-Jahre-Adjektiv „spitzenmäßig“ gipfelt.

Wohin mit dem Hass?

„Heavy“ heißt das erste Soloalbum des Mannes, der Blumfeld war und heute, mit 42 und zwei Jahre nach dem Split, den Geist und die Gedanken der Band weiterlebt. "Wohin mit dem Hass?“ ist der erste Song des Abends, er wird dargeboten als forscher Zwei-Akkord-Schrubber und er ist, zumal in Zeiten, in denen Duos wie Ich+Ich keine Treuepunkte für die Teilnahme an der geistigen Evolution einheimsen können und zugleich die Hitparaden verstopfen, ein hübsches Gegengift. Gegen alles Seichte, gegen Fleisch gewordene Harmlosigkeit, gegen ein generelles Einverstandensein mit der Welt.

Songs mit Herz und Hirn wie „Lass uns Liebe sein“ spielt Distelmeyer, solche, die sich um die Rückseite der Liebe kümmern, etwa „Nur mit Dir“, sind auch dabei, und den Straßenkampf im Alltags des eigenen Ichs hat der Musiker auch stets auf der Textrechnung. Seine neue Band spielt präziser, als es Blumfeld je konnte, und Distelmeyer, ohnehin schon locker, wird mit zunehmender Konzertdauer beinahe beängstigend fröhlich. Launig kurvt er durchs eigene Oeuvre, singt „Old Nobody“ vom gleichnamigen Album und „Viel zu früh und immer wieder; Liebeslieder“ von der allerersten Schallplatte „Ich-Maschine“, und bei „Hiob“, einem Lied von „Heavy“, kramt Distelmeyer, vollkommen entrückt und mit einem Handtuch über dem Kopf wirbelnd, gar den Raver in sich hervor. „Meine Worte sind/ ungestümer Wind“, singt er, „geschrieben in den Staub der Erde/ komm und wehr Dich“. Ja, so würdig, geistreich und schön klug kann man Rockmusik auf die Bühne bringen.

Am Tag nach dem Konzertabend davor war Distelmeyer übrigens im „ARD-Morgenmagazin“ zu Gast. Die von kompletter Ahnungslosigkeit geprägten Fragen des Moderators – „Rockmusiker stehen immer spät auf, oder?“ – hat Distelmeyer lässig weggegrinst. Es war zehn vor sieben am Morgen, als er das sagte: „Frühes Aufstehen habe ich mir in den letzten Jahren antrainiert.“ Das war dann, genau wie das Konzert, vor allem eins: Spitzenmäßig.



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