Von Martin Weber, 10.11.09, 16:18h
Wohin mit dem Hass?
„Heavy“ heißt das erste Soloalbum des Mannes, der Blumfeld war und heute, mit 42 und zwei Jahre nach dem Split, den Geist und die Gedanken der Band weiterlebt. "Wohin mit dem Hass?“ ist der erste Song des Abends, er wird dargeboten als forscher Zwei-Akkord-Schrubber und er ist, zumal in Zeiten, in denen Duos wie Ich+Ich keine Treuepunkte für die Teilnahme an der geistigen Evolution einheimsen können und zugleich die Hitparaden verstopfen, ein hübsches Gegengift. Gegen alles Seichte, gegen Fleisch gewordene Harmlosigkeit, gegen ein generelles Einverstandensein mit der Welt.
Songs mit Herz und Hirn wie „Lass uns Liebe sein“ spielt Distelmeyer, solche, die sich um die Rückseite der Liebe kümmern, etwa „Nur mit Dir“, sind auch dabei, und den Straßenkampf im Alltags des eigenen Ichs hat der Musiker auch stets auf der Textrechnung. Seine neue Band spielt präziser, als es Blumfeld je konnte, und Distelmeyer, ohnehin schon locker, wird mit zunehmender Konzertdauer beinahe beängstigend fröhlich. Launig kurvt er durchs eigene Oeuvre, singt „Old Nobody“ vom gleichnamigen Album und „Viel zu früh und immer wieder; Liebeslieder“ von der allerersten Schallplatte „Ich-Maschine“, und bei „Hiob“, einem Lied von „Heavy“, kramt Distelmeyer, vollkommen entrückt und mit einem Handtuch über dem Kopf wirbelnd, gar den Raver in sich hervor. „Meine Worte sind/ ungestümer Wind“, singt er, „geschrieben in den Staub der Erde/ komm und wehr Dich“. Ja, so würdig, geistreich und schön klug kann man Rockmusik auf die Bühne bringen.
Am Tag nach dem Konzertabend davor war Distelmeyer übrigens im „ARD-Morgenmagazin“ zu Gast. Die von kompletter Ahnungslosigkeit geprägten Fragen des Moderators – „Rockmusiker stehen immer spät auf, oder?“ – hat Distelmeyer lässig weggegrinst. Es war zehn vor sieben am Morgen, als er das sagte: „Frühes Aufstehen habe ich mir in den letzten Jahren antrainiert.“ Das war dann, genau wie das Konzert, vor allem eins: Spitzenmäßig.
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