Schriftgröße

Alltag 2.0

Meine virtuelle Wohngemeinschaft

Von Hannah Schneider, 13.11.09, 17:57h, aktualisiert 23.11.09, 11:33h

Was machst du gerade? Online-Netzwerke wie Facebook gehören mittlerweile selbstverständlich zu unserem alltäglichen Leben. Unsere Autorin hat ihr „Leben 2.0“ dokumentiert - und kam zu überraschenden Einsichten.

Hannah Schneider bei Facebook
Bild vergrößern
Urlaubsfotos - stellt unsere Autorin Hannah Schneider (Mitte) direkt bei Facebook ein. (Bild: Schneider)
Hannah Schneider bei Facebook
Bild verkleinern
Urlaubsfotos - stellt unsere Autorin Hannah Schneider (Mitte) direkt bei Facebook ein. (Bild: Schneider)
Facebook
Bild verkleinern
Bilder vom letzten Konzert werden genauso gepostet, ... (Bild: Schneider)
Facebook
Bild verkleinern
... Szenen vom vergangenen Saufgelage. (Bild: Schneider)
Facebook
Facebook
Einer meiner Freunde hat heute zum Frühstück Fenchelwurst gegessen, der andere wartet auf den Klempner, der ihm neue Rohre im Badezimmer verlegen soll. Dann ist da noch einer, der gestern zu viel getrunken hat, obwohl es mitten in der Woche ist, und einer, der auf dem Weg zur Arbeit beim Schwarzfahren erwischt wurde.

Es ist noch keine zehn Uhr morgens, und ich weiß trotzdem schon Bescheid. Weiß, was meine Freunde machen, wo sie sind, wie es ihnen geht. Mit keinem von ihnen habe ich telefoniert, nicht mal eine SMS geschrieben. Schon gar nicht von Angesicht zu Angesicht gesprochen. Ich habe mich eingeloggt in unser gemeinsames virtuelles Zuhause, weiße Schrift auf blauem Grund. Guten Morgen, Facebook, da sind wir wieder alle.

Über 300 Millionen Nutzer hat der Gigant unter den sozialen Netzwerken weltweit, hat andere Online-Communities wie MySpace und studiVZ seit seiner Gründung vor fünf Jahren weit hinter sich gelassen. Meine Freunde und ich machen mit. Das soziale Netzwerk ist unser Schulhof, unsere Mensa, unser Büroflur, unsere Kneipe, unser Stammtisch. Wir schlüpfen in unsere Profile, mailen, chatten, spielen, richten eine Standleitung ein, rein in unser Leben. 24 Stunden am Tag, sieben Tage in der Woche.

Aufstehen, Zähneputzen, Kaffeetrinken, Facebook. Der Klick ins soziale Netzwerk gehört dazu, zum Start des Tages, zur Mittagspause, zum abends nach Hause kommen, zum Sonntag auf der Couch. Die anderen 300 Millionen, die mit uns dort sitzen, blenden wir aus – ein Mausklick entscheidet, wer Freund ist und wer nicht. Wer keiner ist, guckt nicht zu, sieht, wenn er uns anklickt, nur weiße Fläche auf seinem Monitor statt unseres ausgebreiteten Lebens. Das geben wir nur denen preis, die wir kennen. Wann wir geboren sind, womit wir unser Geld verdienen, welche Musik wir hören, auf welchen Fotos wir uns gefallen, was wir mögen, was wir hassen, wen wir lieben, wer wir sind.

„Was machst du gerade?", fragt das soziale Netzwerk ab dem ersten Klick. Das Eingabefenster prangt auffordernd auf der Profilseite. Über meinen Fotos, die meinen Freunden erzählen, an welchem Strand ich im Sommer war. Über der Liste meiner Freunde, zusammengewürfelt aus Arbeitskollegen, Schulkumpels, Bekannten aus dem Auslandssemester, Kommilitonen, Urlaubsbekanntschaften und echten, engen, besten Freunden. Das Fenster steht unter meinem Postfach, neben meinen Freundschaftsanfragen. Neben den Fotos von Leuten, die mir Facebook als Freunde vorschlägt – herausgefischt aus den Kontaktlisten meiner Kontakte, könnte ja sein, dass ich jemanden kenne.

„Was machst du gerade?" Die Frage ist allgegenwärtig, könnte Untertitel sein für das Online-Netzwerk. Fenchelwurst frühstücken, auf Badezimmerrohre warten. Die meisten meiner Freunde haben am Morgen kurz vor zehn schon auf Facebooks Frage geantwortet.

Jeden Pups vermelden

45 Millionen Statusmeldungen dieser Art werden jeden Tag von den Facebook-Nutzern in die Welt posaunt. Sich ständig mitteilen wollen, jeden Pups vermelden, der vielleicht keine Menschenseele interessiert – narzisstisch könnte man das nennen: Die Welt bin ich, und ihr guckt mir dabei zu. Allerdings: Ich gucke gerne zu. Lese gerne, dass der Freund, der mit seiner Band auf Tour ist, uns alle zu Hause vermisst. Dass irgendwer für seine Prüfung lernt und ein anderer wegen Novemberwetter schlechte Laune hat. Ich will wissen, wie es den anderen geht, will live dabei sein in ihrem Leben.

Und will meinen Senf dazugeben. Das Fenster namens „Was machst du gerade?" hat nämlich noch eine Funktion. Es darf kommentiert werden. Ein eigenes Textfenster, nur für das, was Freunde zu Badezimmerrohren oder Fenchelwurst zu sagen haben. „Stark" hat einer geschrieben. „Ist das was Veganes?" ein anderer. Irgendwer hat das vorgefertigte „Gefällt mir" angeklickt.

Ich will Reaktionen

Das Sich-mitteilen-Wollen wird zur Sucht. Wenn was passiert, kommt der Reflex im Kopf: Das poste ich gleich! Als ich in der vergangenen Woche mein Auto sehe, in das ein Idiot in der Nacht zuvor eine große Beule getreten hat, zum Beispiel. Als ich höre, dass die Band des Jahrhunderts im Dezember nach Köln kommt. Was sagen die anderen dazu? Ich will Reaktionen. Mir wird angezeigt, wer von ihnen gerade online ist. Ein kleiner grüner Punkt neben dem Namen im Chatfenster. Ich könnte sie auch anrufen, ganz persönlich, ihnen eine E-Mail schreiben. Wenn ich es auf Facebook ausplaudere, erreiche ich alle meine knapp 70 Kontakte auf einmal. Auch die, die es nicht interessiert – wer nicht lesen will, was mich bewegt, scrollt auf seiner Pinnwand einfach weiter.

Mittagspause, ich klicke mich wieder rein. Auf der Startseite hat sich was getan. „Was machst du gerade?" Dem Freund mit dem Kater geht es inzwischen besser, dafür gibt es Neuigkeiten auf der Pinnwand eines Bekannten aus Israel. Er kommt in diesem Moment vom Arzt in Tel Aviv, Diagnose Schweinegrippe, ungefähr 39 Grad Fieber. Dass ich mir gerade zwei Konzerttickets gekauft habe, kommt mir doch plötzlich sehr belanglos vor. 22 Freunde haben sich schon auf seiner Pinnwand gemeldet, wünschen gute Besserung, geben Tipps, was helfen könnte. Die Mitbewohnerin reiht sich ein in die Kommentierenden – sie hat er mit der „swine flu" schon angesteckt, ihr Fieber ist niedriger.

Ewig habe ich nichts von meinem israelischen Freund gehört, jetzt bin ich mittendrin. Kenne seinen Fieberstand auf die Kommastelle genau, weiß den ganzen Tag, was er so macht. Er hat jetzt Zeit, postet ständig über seinen Schweinegrippen-Zustand. Ich kann ihn mir vorstellen, wie er da liegt mit Thermometer im Bett in Tel Aviv.

Generation Facebook? Nein.

Von Verrohung der Kommunikation durch Online-Netzwerke ist die Rede, von einer „Generation Facebook", die nur noch per Tastatur miteinander in Kontakt steht, von der Zukunft rein virtueller Freundeskreise. Die Realität sieht anders aus. Unser gemeinsamer Alltag im Online-Netzwerk lässt uns zusammenrücken, uns virtuell kuscheln, macht aus der ganzen Welt eine WG, in der man sich über den Flur zuruft, was gerade los ist. Freunde im Ausland sind nicht mehr so fern, die Vertrautesten zu Hause werden noch vertrauter. Ich sehe meine Freunde nicht seltener in der Realität, seitdem wir uns jeden Tag ohne Verabredung im Netz begegnen. Im Gegenteil: Man lädt sich schneller mal eben zum Kaffee ein oder zum Kölsch, wenn man sowieso gerade gleichzeitig online ist. Dann poppt das kleine weiße Chatfenster unten rechts auf der Pinnwand auf: „Kommst du vorbei?", und das Date in der echten Welt steht. Wir arbeiten alle, haben tagsüber keine Zeit, manchmal auch am Wochenende nicht. Das kurze Zwischendurch-Geplapper im Internet, das bisschen Chat, hält in stressigen Zeiten die Verbindung aufrecht zu denen, die an einen denken; es trägt bei zum Kuschelgefühl, zur Sicherheit.

Ziemlich lange waren wir hier unter uns, die ausgerufene „Generation Facebook" eben, Leute zwischen 15 und 35 vielleicht. Das soziale Netzwerk war so privat wie ein gemeinsamer Morgen im Schlafanzug in einer fremden Küche nach einer wilden Party. Man kannte sich mehr oder weniger gut, die Wellenlänge war gleich, die Pinnwandeinträge unüberlegtes Gequatsche. Inzwischen ist die Generation längst ausgefranst, ist eher zur Gesellschaft geworden. Das Durchschnittsalter der Nutzer ist gestiegen – 26 Jahre alt war der Facebooker im Mai 2008 im Schnitt, heute ist er nach einer aktuellen Studie des amerikanischen Instituts Princeton Survey Research 33 Jahre alt. Eltern erstellen sich Facebook-Profile, Unternehmen nutzen das Netzwerk als riesige, kostenlose Werbefläche.

Anflüge von schlechtem Gewissen

„Schildergasse hat dich als Freundin auf Facebook hinzugefügt. Wir benötigen deine Zustimmung, dass du Schildergasse kennst, damit ihr Freundinnen auf Facebook sein könnt." Vor zwei Wochen hatte ich diese Benachrichtigung in meinem Postfach. Grübeln. Zustimmen oder ablehnen? Nichts gegen die Schildergasse, aber will ich mit ihr in der Küche sitzen, mit ihr teilen, dass ich eine Erkältung ausbrüte? Oder will ich umgekehrt zu Hause auf dem Sofa zwischen den privaten Einträgen meiner „menschlichen" Kontakte lesen, wann verkaufsoffener Sonntag ist? Ich klicke auf „ignorieren" und habe, obwohl es bloß um eine Straße geht mit Häusern aus Glas und Beton irgendwie fast ein schlechtes Gewissen. Freundschaftsanfragen abzulehnen, fühlt sich komisch an. Und abgelehnt zu werden auch. Was hat es zu bedeuten, dass der Bestätigungsklick von meiner Urlaubsbekanntschaft aus den USA nie kam? Nein, mit dir teile ich mein Leben nicht? In der Unverbindlichkeit des Netzes trifft die Verweigerung der harmlosen Plauder-Freundschaft umso härter.

Zustimmen oder ignorieren – seitdem Facebook nicht mehr die junge Netz-Community ist, sondern übergeschwappt ist in den „Rest" der Gesellschaft, fällt diese Entscheidung manchmal ganz schön schwer. Ein kleiner Schreckmoment, wenn die Freundschaftseinladung des Chefs im Postfach landet. Auf Xing, dem Business-Netzwerk, ist man vielleicht längst mit ihm verlinkt. Beruflicher Werdegang, aktueller Arbeitsplatz, höchstens noch ein repräsentatives Hobby – viel mehr ist nicht zu sehen auf dem Profil neben dem schlichten Porträtfoto in Schwarzweiß. Doch jetzt klopft der Chef an die virtuelle WG-Tür, will mitsitzen am Küchentisch nach der Party.

Nicht immer bürotauglich

Wie sollte jetzt die Antwort lauten auf „Was machst du gerade?" Einfach ehrlich sein, „gestern wieder zu viel Tequila", oder doch lieber schreiben: „Keine Zeit, mache gerade freiwillige Überstunden"? Ich brauche nicht besonders lange, um auf den Pinnwänden meiner Kontakte Informationen zu finden, die es eher nicht bis zum Konferenztisch im Büro geschafft hätten. Irgendwer hat auf einem Geburtstag gestern mit einer Torte geworfen, ein anderer hat heute einfach überhaupt keine Lust zu arbeiten.

Facebook hat zwar Lösungen für das Problem parat. Man könnte den Chef zum Teil des „Freundeskreises" machen, ihm aber den Einblick auf die Pinnwand verweigern oder das Fotoalbum für ihn sperren. Aber ob das als Statement besser rüberkommt als die Bilder des letzten Exzesses?

Mein schweinegrippiger Freund aus Israel hat immer noch Fieber. Über 39 Grad. Mehr kann ich im „Was machst du gerade?"-Fenster allerdings nicht entziffern – er schreibt jetzt Hebräisch, vielleicht ist Englisch zu anstrengend. Auf die Mail, die ich ihm in sein privates, nichtöffentliches Postfach schicke, antwortet er prompt. Kein Wunder. Er darf nicht raus, geht nicht arbeiten, trifft seine Freunde nicht – jetzt ist Facebook seine Nabelschnur.

Interessengruppen zu allem und jedem

Während ich die Antwortmail nach Tel Aviv schicke, kommt Post aus Brüssel. Ob ich mal vorbeikommen darf, hatte ich eine belgische Freundin gefragt. Ihre Antwort kriegen alle ihre Kontakte zu sehen, sie postet sie als öffentlichen Pinnwandeintrag. Klar, ich darf kommen – sie hat viel zu erzählen: schwanger, neuer Job, neue Wohnung. Das sitzt. Und ist mal was anderes als Fenchelwurst. Sie jetzt auszuquetschen, wie das alles gekommen ist, hebe ich mir für Brüssel auf. Offensichtlich bin ich allerdings nicht die einzige, die das einigermaßen überrascht. Nach ein paar Stunden quillt die Pinnwand über vor Ooohs, Aaaahs und Glückwünschen in diversen Sprachen. Irgendjemand lädt sie in eine Interessengruppe ein – die gibt es zu jedem denkbaren Thema, natürlich auch fürs Schwangersein. Mehrere tausend Frauen, verteilt über die ganze Welt, tauschen sich aus über Rückenschmerzen, Kindersitze, Bauchwehmedizin.

Schlafen, essen, arbeiten, feiern, reisen, Kinder kriegen. Leben. Irgendwie ist alles Thema in unserem „Alltag 2.0". Und wo 300 Millionen Menschen zusammentreffen, logischerweise auch der Tod. Was passiert mit einem sorgfältig aufgebauten Facebook-Profil, gespickt mit unzähligen Erinnerungen, Kommentaren und Fotos, einem großen Stück Persönlichkeit, wenn sein Besitzer stirbt? „Wenn uns jemand verlässt, dann verlässt er weder unsere Erinnerungen noch unser soziales Netzwerk", hat Facebook-Sicherheitschef Max Kelly vor wenigen Wochen gesagt bei der Vorstellung eines neuen Facebook-Extras – dem „Erinnerungs-Profil" für Verstorbene. Sensible Informationen wie Kontaktdaten des Toten werden gelöscht, das „Was machst du gerade?"-Fenster entfernt. Das Profil funktioniert ab sofort als eine Art virtueller Begegnungsort: Freunde und Familienmitglieder sollen auf dem Gedenk-Profil Erinnerungen aufschreiben, Fotos austauschen, miteinander trauern.

Grabstätte 2.0

Die Marktlücke um den Online-Nachlass verstorbener Netzwerk-Nutzer haben längst kommerzielle Anbieter für sich entdeckt. Wie Blumenhändler um den Friedhof siedeln sich Verwalter digitaler Nachlässe im Internet an. Für bis zu 300 US-Dollar hütet der amerikanische Dienst „Legacy Locker" Passwörter und Zugangsdaten seiner Kunden, die bei Facebook oder MySpace unterwegs sind, in Foto-Communities oder anderen Foren. Stirbt der Nutzer, gehen die Daten an einen zuvor bestimmten Begünstigten, der über die Zukunft der Profile entscheidet. Der Online-Nachlass wird zum Erbe, der virtuelle Auftritt des Toten zur „Grabstätte 2.0".

Ich logge mich noch mal ein, zum letzten Mal heute. Gegen 22 Uhr, zwölf Stunden nach dem ersten Klick ins virtuelle Zuhause. Drei Mails habe ich geschrieben, mit zwei Leuten gechattet, von acht Freunden erfahren, was sie gerade machen, zweimal selber etwas ausgeplaudert, vier Kommentare geerntet. Es fühlt sich gut an zu wissen, was bei den anderen los ist. Noch besser fühlt es sich an, dass ich sie am Wochenende alle sehe. In einer ganz realen Küche, in einer ganz realen WG. Die „Was machst du gerade?"-Fenster bleiben dann ganz bestimmt für ein paar Stunden leer.



Den Kölner Stadt-Anzeiger im Abonnement erhalten JETZT BESTELLEN!
4 Wochen Kölner Stadt-Anzeiger zum Vorzugspreis. Sie sparen mehr als 35%.

Orte des Geschehens

große Karte

Anzeige


Bildergalerien


Umfrage

Protestieren Sie gegen ACTA?
Bundesweit sind Proteste gegen das internationale Handelsabkommen ACTA geplant. Es sieht unter anderem vor, Urheberrechtsverletzungen strenger zu ahnden. Kritiker befürchten Zensur und Überwachung vor allem im Internet. Beteiligen Sie sich am Protest?

Kölner Stadt-Anzeiger auf dem iPad


Ratgeber


Twitter


Die 5 beliebtesten Pausenspiele

Mahjongg Fortuna
Zuma
Zuma »
1507 Spieler
Bookworm
Bookworm »
1263 Spieler
Bubble Shooter
Bubble Shooter »
1034 Spieler
Bejeweled 2
Bejeweled 2 »
956 Spieler

Ratgeber


Service


Serie



Top-Links (Anzeige)


ksta-blogs.de


Ratgeber


ksta.de auf Facebook

KSTA auf Facebook

Extra


Dienste