Von Tobias Kaufmann, 18.11.09, 12:23h, aktualisiert 24.11.09, 19:17h
Unglücklicherweise ist beim Studentenprotest auf Spruchbändern und Plakaten, in Kundgebungsbeiträgen und Demo-Aufrufen sowie in den Verlautbarungen im Internet von solchen handfesten, konkreten Problemen nur wenig zu hören und zu lesen. Statt dessen strotzt es überall da, wo der Protest begründet werden soll, vor sozialistischer Propaganda-Prosa. Gebührenfrei soll Bildung sein. Schuldenfrei. Barrierefrei. Leistungsdruckfrei. Solidarisch. Humanistisch. Und natürlich von jeder Form von ökonomischen Interessen gesäubert. All das wird, gern hinter Bannern linker Splittergruppen, zusammengegossen in dem plakativen Spruch „Bildung ist keine Ware“.
Aber was ist Bildung, abgesehen davon, was sie "nicht" ist? Wozu ist sie da? Der Entwurf der Studentenverbände ist ziemlich hohl. Alle Studentenvertretungen sollen ein politisches Mandat erhalten, ist als Forderung auf der Bildungsstreik-Homepage zu lesen. Dagegen spricht allerdings, dass die konkrete Arbeit an für Studenten unhaltbaren Zuständen vielleicht etwas besser vorankäme, wenn sich die Studentenvertretungen schwerpunktmäßig darauf konzentrieren würden, statt Fahrten zu Anti-Atom-Demonstrationen und schwul-lesbische Filmfeste zu veranstalten und das Ganze aus den Zwangsgebühren zu finanzieren, die die Studenten in jedem Semester an ihre Selbstverwaltungsorgane abführen müssen.
Bildung soll keine Ware sein – sondern emanzipatorisch, also frei machend. Aber was heißt das konkret? Es hat offenbar nicht gereicht, die deutsche Sprache von der Rechtschreibung zu befreien. Jetzt befreien wir noch die Architektur von der Statik und die Mathematik von der Logik. Denn nur so kann man den Anspruch aus der Welt schaffen, dass Bildung etwas mit Lernen – und damit mit Fleiß und mit Leistung – zu tun hat. Mit Leistung, die messbar sein muss – warum sollte die Gesellschaft sonst in Bildung investieren? Denn auch die Tatsache, dass Bildung etwas kostet und dass irgendjemand zur Deckung dieser Kosten bereit sein muss, dürfte unwiderlegbar sein, selbst wenn ganz viele Begriffe aus dem Wörterbuch des ewigen 68er-Protests zu diesem Zweck bemüht werden.
ksta.tv: Studenten-Demo in Köln
So wie der Strom nur scheinbar aus der Steckdose kommt, so kommt das Geld nicht einfach so vom Staat. Die Vermögenden und die Banken, gegen die der Studentenprotest mobil macht, sind es zum Beispiel, die dem Staat das Geld leihen, mit dem er auf Pump Bildung für alle finanziert. Und das funktioniert, alles in allem, ziemlich gut. Die Zahl der Studenten ist in den vergangenen Jahrzehnten in Deutschland nicht gesunken, sondern gewachsen. Kontinuierlich. Und das, obwohl junge Menschen ein Schulsystem durchlaufen, dem im "Bildungsstreik"-Aufruf nicht weniger als "soziale Selektion" vorgeworfen wird.
Diese schwappt, wenn man den Protest-Texten glauben kann, wegen der Studiengebühren jetzt sogar an die Hochschulen. 7.000 € koste ein zehn Semester langes Studium, "bezahlt mit Papas Kreditkarte", rechnete eine Studentin in Köln empört vor - als Beweis, wie unsozial und skandalös hoch Studiengebühren seien. Die Zahl ist interessant, weil sie - ungewollt - die gesamte Anti-Studiengebühren-Rhetorik der Studentenverbände entlarvt. 7.000 € Gebühren für ein Hochschulstudium decken gerade mal ein Brutto-Monatsgehalt eines einzigen ordentlichen Professors gegen Ende seiner Laufbahn. Monatlich betragen die Studiengebühren in NRW umgerechnet rund 85 Euro. Das ist weniger als deutsche Jugendliche im Durchschnitt monatlich über ihr Taschengeld ansparen. Das Kindergeld, das der Staat in einem Monat pro Kind ausschüttet, beträgt mindestens 164 Euro.
Überdies: 64 Prozent aller jungen Erwachsenen beginnen gar kein Studium. Das heißt, die Allgemeinheit der Steuerzahler finanziert einer Minderheit, die wiederum mehrheitlich aus eher gebildeten und besser verdienenden Elternhäusern kommt, eine Ausbildung, die am Ende im Schnitt wiederum zu besseren Jobs mit einem höheren Einkommen führt. Aber wenn an dieser solidarischen Transferleistung die Studenten (oder deren Eltern oder der Staat als Kreditgeber) auch nur mit einer symbolischen Summe beteiligt werden, dann sehen die organisierten Studenten bereits die Vernichtung der humanistischen Bildung, ja sogar der allgemeinen Menschenrechte durch neoliberale Verwertungsinteressen am Horizont aufziehen. Denselben Leuten, die den hohen Wert von Bildung propagieren, ist ein Hochschulstudium nicht mal 7.000 selbstgezahlte Euro wert.
Solche Taschenspielertricks, die die Hochschulmisere für politische Blütenträume missbraucht, ist der Grund dafür, dass der Protest so seltsam zweigeteilt ist. Einerseits wird so getan, als sei die Misere so extrem, dass das ganze Land aufstehen und sie bekämpfen muss – weswegen es von Medien bis Politik beinahe 100 Prozent Zustimmung für die Demonstrationen gibt. Andererseits aber halten die Teilnehmerzahlen dem Anspruch nicht stand. Wenn man die Schüler herausrechnet, engagiert sich nur ein winziger – oft ohnehin bereits gesellschaftskritisch organisierter – Bruchteil der Studenten im Protest. Dieser Protest ist in weiten Teil überhaupt nicht dafür angetreten, etwas für Studenten zu tun. Vielmehr dient er dazu, dem wohlfeilen "Eine-andere-Welt-ist-möglich"-Gequatsche aufbegehrender Bürgerkinder eine neue Plattform zu geben. Viele Studenten spüren das und flüchten in politische Agonie. Das ist, nebenbei bemerkt, erst recht keine Lösung.
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Linktipp: Die Protest-Aufrufe im Internet
Bildergalerie: Kölner Studenten protestieren
Und, werter Herr Kaufmann,
20.11.2009 | 11.13 Uhr | Kater_Behemoth
...ich muss Sie enttäuschen, mit dem Pullitzer-Preis wird es trotz dieses hervrragenden, bissigen und ganze neue Perspektiven aufzeigenden Kommentars…
Die ganze Aktion
20.11.2009 | 11.10 Uhr | Kater_Behemoth
.... legt, egal ob auf der Straße oder in den Kommentarbereichen kleiner Lokalzeitungen, schonungslos das Denken des "kleinen Mannes" (das ist jetzt…
Alles nicht neu
20.11.2009 | 10.02 Uhr | Jiriki
Danke für den wunderbaren Kommentar und die nicht minder klugen Zustimmungen vieler Leser.
Was ich noch hinzufügen möchte: nichts von dem, was man…
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