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Trauer

Wenn der Tod nicht scheidet

Von Michaela Krüger, 19.11.09, 21:03h, aktualisiert 20.11.09, 08:25h

Vor drei Jahren verlor Edelgard Schütze den Kampf gegen den Krebs. Ihr Mann Werner ist bis heute nicht über ihren Tod hinweggekommen. Unsere Autorin sprach mit ihm über den schmerzhaften Verlust und seine währende Liebe.

Werner Schütze
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Werner Schütze (Bild: Grönert)
Werner Schütze
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Werner Schütze (Bild: Grönert)
Seit seine Frau tot ist, verläuft das Leben langsamer bei Werner Schütze. Er steht in der Küche und brüht Kaffee auf, die Minuten vergehen. Im Wohnzimmer ist es still, keine Musik, kein Radio, allein der Gong der Pendeluhr taktet die Zeit. Sie schlägt alle Viertelstunde, das Echo hallt durch das Haus. Auf dem Tisch liegt eine gehäkelte Decke, das weiße Tuch darunter ist frisch gebügelt. Eine Kerze steht in der Mitte, daneben eine kleine Porzellanfigur. In den Armen trägt sie ein Herz. „Mit Dir ist alles schön“, ist darauf geschrieben. Den Boden schützen schwere Teppiche, an den Wänden hängen Blumenbilder in dunklen Ölfarben. Dazwischen ein Bild von Edelgard. Ihr Blick fokussiert hinter der großen Brille, die blonden Haare hat sie bis zum Kinn getragen, die schmalen Lippen formen ein leichtes Lächeln.

Ein ernsthafter Mensch sei sie gewesen, sagt Werner Schütze, als er mit zittrigen Händen den Kaffee einschenkt. Nüchtern, sachlich, konzent-riert auf das Wesentliche. Viele Worte habe sie nie gemacht. Die Zeitungsseite mit der Todesanzeige liegt aufgeschlagen vor ihm. Mit durchgedrücktem Rücken sitzt Schütze, 69 Jahre, da, berührt das Papier, das vom vielen Anfassen knittrig ist, immer wieder – als gäbe es an der Meldung doch Zweifel. Abrupt steht er auf, holt ein Taschentuch, schleicht für ein paar Augenblicke ins Schlafzimmer, dann in die Küche, schließlich ins Bad. Aber die Suche ist vergebens. Auf dem Weg zurück flüstert er: „Fast jeden Tag haben wir zusammen verbracht. Wir brauchten nur uns.“

1994 kam die niederschmetternde Diagnose

Edelgard Schütze ist nicht überraschend gestorben. Ihr Tod hatte sich angekündigt. Mitte 1994 wurde der Krebs diagnostiziert. „Herr Schütze, ich muss Ihnen eine traurige Mitteilung machen: Ihre Frau wird aller Voraussicht nach bald sterben“, sagte die Stationsärztin damals. Schütze zuckte zusammen. Zuerst dachte er, er habe sich verhört. Zorn erfüllt ihn noch immer bei dem Gedanken an jene Ärztin, die ihm damals von den Operationen abriet. Es war kurz nach der Diagnose, und die Frau meinte, also, wenn das ihre Mutter wäre, sie würde gar nichts tun. Trauer und Zorn jagen ihm die Tränen in die Augen. Mit dem Handrücken wischt er sie weg, die darauffolgenden Laute bilden eine fremde Sprache. Nur das wenige, was er in diesem Moment imstande ist zu sagen, bricht aus ihm heraus: „Sie wissen gar nicht, was man einem Menschen damit antut. Schamlos ist das. Schamlos.“

Dann begann der Kampf, der länger währte als gedacht. Ein Kampf zwischen Hoffnung, Chemotherapie, gnadenlosen Operationen, sechs an der Zahl. Mit Wochen, manchmal nur kurzen Tagen der Ruhe dazwischen. Wenn Edelgard nach den Eingriffen Pflege brauchte, ließ ihr Mann niemanden an sie heran. Er begann zu kochen, Eintöpfe konnte er gut, wusch die Wäsche, führte seine Frau aus, wenn die Kräfte es zuließen. Zweimal sind sie noch gemeinsam in Urlaub gefahren, die erste Reise nach Dubai war schon gebucht, bevor das Todesurteil kam. Sechs, sieben Monate sollten noch bleiben, sagten die Ärzte. Sie wollten kämpfen, Edelgard und Werner. Solange, wie es geht. Das haben sie sich versprochen. Solange es geht? Und wenn es nicht mehr gegangen wäre? Schütze schweigt. „Darüber habe ich mir keine Gedanken gemacht. Irgendwie habe ich bis zuletzt geglaubt, dass ein Wunder geschehen wird. Die Hoffnung . . . Diese unendliche Hoffnung. Und jetzt? Ist da nichts als Leere. Man war doch immer zu zweit. Im Urlaub hat man gesagt: Guck mal, wie schön das ist. Wem soll ich das jetzt sagen? Dem Schrank? Meinem Koffer?“

Zweieinhalb Jahre haben sie dem Tod abgerungen. Wenn Werner Schütze die Monate in eine Reihenfolge bringt, er nach den Daten sucht, scheint jeder Muskel seines Körpers gespannt. Selbst die Haut in seinem Gesicht strafft sich. Die Stirn liegt in Falten. Er will sich erinnern. Genau. Exakt. Wenn ein 14., der 13., der 26. nicht sofort mit den Ereignissen eines vergangenen Tages zusammengehen will, trommelt er mit den Fingerkuppen auf den Tisch, die Lippen kneift er zusammen. Der Tonfall schlägt ins Ärgerliche. Als er alle Ereignisse zusammengebracht hat, sie in einer Reihe stehen, an deren Ende nichts mehr folgt, sagt er ein letztes Wort, nein, spuckt es aus.

Austherapiert

„Austherapiert“, sagt er. Im Schlafzimmer, ein Stockwerk die Treppe hoch, hat er die Kleidung seiner Frau aufbewahrt. Einmal hat er versucht, sich zu trennen, aufzuräumen mit dem, was war. Werner Schütze hat die Hosen, die Blusen und Röcke in Säcke gepackt. Dann stand er da. Erschrocken, sein Körper fühlte sich an, als würde er beben. Er hat alles wieder herausgeholt, die Sachen gebügelt und an ihren Platz zurückgelegt. „Ich kann meiner Frau das doch nicht wegnehmen“, sagt er. „Das wäre wie Verrat gewesen.“

Auf der Ablage, im Badezimmer, steht noch immer eine Tube Make-up. Teint naturell. Alles ist, als sei Edelgard Schütze mal eben vor die Tür gegangen. Zum Friseur vielleicht. Oder zum Metzger. Rindsrouladen kaufen, die hat Werner immer gern gegessen. Als käme sie gleich wieder und würde die Musik anstellen, Unterhaltungsmusik hat sie viel gehört.

Edelgard Schütze konnte nicht mehr. Sie röchelte. Er saß an ihrem Bett und flehte. „Halte durch. Schau mich an. Bitte noch einmal. Bitte!“ Da hat sie die Augen einen winzigen Spalt geöffnet, stöhnte, und hatte Tränen in den Augen. Werner Schütze wusste, dass es so weit war. Er hat seine Frau ins Hospiz gefahren. Einen Platz hatten sie nicht gebucht. „Wie soll man so etwas denn buchen?“, fragt Schütze. Ein Bett war frei, sie hatten Glück, wenn man das so sagen kann. Auf dem Nachttisch lag die Bibel, die Bettwäsche roch nach Frische, durch das bunte Fenster fielen ab und an noch einmal Sonnenstrahlen. Der November meinte es gut in diesem Jahr. Ob Edelgard davon etwas mitbekam, Werner Schütze weiß es nicht. Sie konnte kaum sprechen, das Schlucken fiel ihr schwer, das Gesicht lag eingefallen vor ihm, ausdruckslos. Zehn Tage lang dauerte es, bis Werner und Edelgard den Kampf endgültig verloren hatten. „Werner“, rief sie, „Werner“, flehentlich. Dann blieb sie stumm. Es war 19.35 Uhr, als Edelgard Schütze starb. Sie war 65 Jahre alt.

Er arbeitete als Ingenieur, sie als Krankenschwester

Werner Schütze hat sich zurechtgemacht. Das graue Hemd ist frisch gestärkt, die Falte in der Hose gebügelt. Schütze ist dünn geworden, seit seine Frau nicht mehr bei ihm ist. In der Hand hält er einen Brief, den er Edelgard ans Grab bringen will. Er schreibt ihr oft. „Was ich halt so mache, den ganzen Tag“, sagt er. „Lassen Sie uns los.“ In seiner Stimme schwingt Ungeduld, seine braunen Augen blitzen, zum ersten Mal während der Treffen mit ihm. Und wie er so dasteht, bereit zum Aufbruch, da versteht man, warum sich Edelgard in ihn verguckte – damals, 1981, im Osten der Republik. Er arbeitete als Ingenieur, sie als Kinderkrankenschwester, sie lernten sich auf einer Gesellschaft kennen, und es war Liebe auf den ersten Blick. Nach zweieinhalb Monaten waren sie ein Paar, bald darauf heirateten sie, das Ja-Wort bezeugte ein Standesbeamter, sie feierten allein zu zweit und fuhren für die Flitterwochen in den Thüringer Wald. „Wir brauchten nichts Großes, um glücklich zu sein. Die Natur hat sie sehr geliebt“, sagt Werner Schütze. „Die Ruhe. Wir konnten gut einfach zusammen schweigen.“

Die Ehe der beiden blieb kinderlos, sie reisten viel und lebten für vier Jahre in Algerien. Seines Berufs wegen, sie steckte in dieser Zeit zu-rück. Nach der Wende zogen sie in den Westen. Edelgard hatte einen Job gefunden, und ihr Bruder wohnte in der Gegend. Für Werner Schütze war es schwer, als Diplomingenieur aus der DDR, mit Anfang 50. Er begann als Hausmeister, fand erst später eine Anstellung in einem Büro. „Es war Glück. Aber wir haben auch immer daran geglaubt, dass es nach vorne geht. Auch wenn es manchmal schwer war, das Geld knapp. Aber es hat alles geklappt. Sehen Sie“, sagt Werner Schütze und bedeutet durch das Reihenhaus. Er zieht die Türe hinter sich ins Schloss.

„Man soll ja nach vorne schauen“

Der Kalender zeigt den 15. November, Edelgards dritten Todestag. Werner Schütze steht an ihrem Grab. Drei Mal die Woche kommt er her, er „arbeitet daran“, sagt er, dass die Tage weniger werden. „Man soll ja nach vorne schauen. Oder?“ Nach vorne schauen, wiederholt er, leise, murmelnd, sein Kopf bewegt sich her und hin, nur ganz leicht. Der Blick ist starr auf einen Fleck gerichtet. Edelgard liegt begraben auf einem Waldareal mit dichten, alten Bäumen, sanft plätschert eine Quelle eine Anhöhe hinab. Wenig erinnert an einen Friedhof. Große Gedenksteine gibt es nicht, die Toten ruhen in Urnengräbern, die unauffällig in die Natur gebettet sind. Allein ein Findling verrät Edelgards Geburts- und Todestag, ihre letzte Stätte lehnt sich an eine Tanne, die weit in den Himmel wächst.

Was sagen Sie Ihrer Frau, wenn Sie hier bei ihr stehen? „So vieles“, sagt Werner Schütze, „aber die Gedanken gehören mir. Ich stehe dann einfach nur still da, minutenlang.“ Andere Leute gehen an ihm vorüber, aus dem Augenwinkel nimmt er sie als Schatten wahr. Hunderte Gräber ziehen sich die Hügel entlang, und wenn sich die Sonnenstrahlen ihren Weg bahnen durch die Wipfel der Bäume, sehen sie aus wie leuchtend bunte Punkte auf einer Decke gelb-brauner Blätter, die der Herbst über dem Boden ausgebreitet hat. 800 000 Menschen sterben jedes Jahr in Deutschland. Fühlt man sich geeint in diesem Leid? Gibt es Kraft, dass auch andere hier sind? „Wenn alte Menschen ihre Toten besuchen, haben sie meist selbst eine komische, unbestimmte Sehnsucht.“ Sie auch, Herr Schütze? Es vergeht Zeit, bis er antwortet. „Wir sind zweieinhalb Jahre jeden Tag gestorben. Und ich am Ende mit ihr. Man kommt nur langsam zurück.“ Dann schweigt er und legt seinen Brief neben einen Strauß rosafarbener Rosen. Auf dem Heimweg läuft das Radio im Auto, leise spielt ein Klavier. Werner Schütze schaltet es aus. Wenn er romantische Musik hört, beim Fahren, bei Konzertbesuchen, in der Kirche, in die er seit Edelgards Tod manchmal den Weg findet, dann kommen ihm die Tränen; unaufhaltsam, immer wieder. „Ich weine auch, wenn sie sich besonders lieb im Fernsehen haben. Oder wenn ich Menschen sehe, wie sie sich streiten. Ich denke dann, streitet doch nicht. Das ist so verlorene Zeit. Man weiß erst, was man hat, wenn es nicht mehr da ist.“

Es ist 23 Uhr. Schütze ist müde, wie er da sitzt auf dem Sofa, aber einschlafen kann er nicht. An der Grenze zwischen Traum und Wachen hat er immer das eindeutige Gefühl, dass Edelgard in der Wohnung ist. Meist bleibt er einfach ruhig in diesen Momenten, fühlt mit der rechten Hand die Brust und lauscht, aber er hört nur sein eigenes Herz. Seine Finger tupfen über das Sofa, vorsichtig, als suche er irgendetwas Zerbrechliches. Werner Schütze blickt ins Leere, dorthin, wo Edelgard früher immer saß und jetzt nur sauber aufgeschlagen ihre Kissen liegen. Wieder-geburt, daran glaubt er nicht. Aber daran, dass da vielleicht irgendetwas ist, nach dem Tod. „Ganz weg sein kann man doch nicht.“ Die Pendeluhr schlägt ihren lauten, durchdringenden Gong. „Früher habe ich nicht geglaubt. Aber heute? Vielleicht passiert etwas mit der Seele. Irgendetwas, das wir alle nicht fassen können.“



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