Von Tanja Wessendorf, 07.12.09, 19:02h, aktualisiert 07.12.09, 21:47h
Drei Monate hartes Training liegen hinter ihm. Im Vergleich dazu ist sein Gegner ein alter Hase. Tim Koch (39) aus Essen verfügt über fünf Monate Erfahrung im Box-Geschäft und hat sogar einen Titelsponsor: „Kalte Muschi“ - ein gleichnamiges Getränk. Ivan Schmiernoff bringt das nicht aus der Ruhe. „Vor drei Monaten konnte ich nicht mal richtig Seilchen springen, jetzt kämpfe ich vor Hunderten von Zuschauern. Für mich ist das auch ein Kampf gegen die Midlife-Crisis.“
Schmiernoff will um Mitternacht seinen 43. Geburtstag feiern, wenn er den Kampf übersteht. Jetzt heißt es erstmal Eindruck schinden: mit Pelzmantel und Russenmütze, mit Hammer und Sichel, die auf den Rücken gemalt sind. Die Boxgala, gedacht als Riesengaudi, weckt bei den Kämpfern durchaus den Ehrgeiz. Schließlich gibt es im Gloria alles, was zu einem echten Boxkampf dazu gehört: Trainer, Manager, Trailer, Einheizer und Nummerngirls. Dass die meisten Teilnehmer keine jahrelange Kampf-Erfahrung besitzen, heißt nicht, dass sie nicht richtig zuschlagen. Die Sportler und Organisatoren nehmen den Kampf sehr ernst. Wer bei der medizinischen Untersuchung durchfällt, darf nicht in den Ring. Zu trinken gibt es nur Wasser, zu essen Obst und Müsliriegel.
„Wir gehen davon aus, dass es hier heute zum kollektiven Ausnahmezustand kommen wird. Vor allem wollen wir aber möglichst viel Geld zählen und natürlich in viele glückliche Gesichter schauen“, sagt der „Highroller“, einer von zwei schmierigen Box-Promotern und „Chefs“ dieser sympathischen Unterwelt.
Es geht um harte Kämpfe an diesem Abend, aber es geht auch um Geschichten, Illusionen und Träumereien. „Halbseidene Abendgarderobe“ lautet der Dresscode für das Publikum und die Kölner halten sich daran. Stretchlimousinen stoppen vor dem Gloria, aus ihnen steigen glamouröse Gestalten in Pelzmänteln mit bis zum Bauchnabel aufgeknöpften lilafarbenen Hemden, in Paillettenkleidern, mit Sonnenbrillen und unglaublich vielen glitzernde Accessoires. Mafiabosse und Hip Hopper mit funkelnden Rolex-Imitaten schweben mit russisch aussehenden Schönheiten in den Saal. Auf der Bühne spielt vor den Kämpfen die „Legendary Ghetto Dance Band“ und heizt die Stimmung an. Für das Publikum scheint der Glamour der Unterwelt verlockend zu sein.
„Ich wäre auch gern mal so ein Box-Promoter. Das muss ein tolles Leben sein“, sagt ein 34-Jähriger Gast, der im echten Leben BWL studiert hat und einen unspektakulären, aber gut bezahlten Job ausübt. Die Gäste sollen jedoch keinesfalls nur die schmückende Umgebung der Boxkämpfe sein: Sie bestimmen per Applaus und Lautstärke den Sieger jedes Kampfes und küren damit auch die neuen Box-Weltmeister des Abends.
Als Ringrichter Tobias „Tayfun“ Take den Arm von „Ivan Schmiernoff“ nach oben reißt, kann der 43-Jährige sein Glück kaum fassen. Er hat die „Kalte Muschi“ geschlagen und darf sich nach drei Monaten Training als Box-Weltmeister fühlen.
Auch Alexander König alias „Eisenfaust“ und Erdinc Arslan alias „Ed-Tension“ treten gegeneinander an. Im wahren Leben ist der 38-jährige Alexander König Zimmermannmeister in Düsseldorf. Sein letzter Kampf als Amateurboxer liegt 17 Jahre zurück. Immerhin war er schon einmal Niederrhein-Meister - 1987. Zur Unterstützung hat er einen Reisebus mit 90 Fans aus Krefeld und Düsseldorf mitgebracht. Sein gleichaltriger Gegner „Ed-Tension“ ist Boxtrainer an der Uni. Auch er war schon mal Niederrhein-Meister. Obwohl „Eisenfaust“ kurz vor dem Kampf ankündigt, aus „Ed-Tension“ „Ex-Tension“ zu machen, besiegt ihn sein Gegner im technisch hochklassigsten Kampf des Abends nach Publikumsentscheid knapp. Wenn alle neuen Weltmeister gekürt sind, stürmt das Publikum den Boxring und tanzt - bis morgens um sechs.
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