Von Jan Phillip Hein, 14.12.09, 19:56h, aktualisiert 21.01.12, 21:44h
„Auf Platte“ gehen ist das Nächtigen unter freiem Himmel. Wallraffs Film „Unter Null“ zeigt mehr. Er zeigt Menschen, an denen wir in den Innenstädten sonst nur vorbeigehen. Über die wir denken, dass die Wodka-Flaschen in ihren Händen doch zu diesem Schicksal führen mussten. „Unter Null“ lehrt, dass es sich vielfach umgekehrt verhält: dass der Alkohol am Ende des sozialen Abstiegs steht - weil er diesen oder die winterliche Kälte erträglicher macht.
„Arbeitslosigkeit und Krankheit können sehr schnell in die Obdachlosigkeit“ führen“, sagt Wallraff zu Beginn des Films. Die Schicksale der Menschen, die er ein paar Stunden oder Tage begleitet, belegen das. Da ist etwa der Diplom-Ingenieur, der seine Firma retten wollte, dabei die Insolvenz verschleppte und dafür in den Knast und danach nicht mehr auf die Beine bekam. Oder der ehemalige Transportunternehmer, der jetzt weiß, dass er den Einstieg in seinen Abstieg gar nicht richtig mitbekam. Damals, als seine ersten Kunden Pleite gingen und immer weniger Aufträge reinkamen. „Das steckt man doch weg“, dachte er.
„Unter Null“ zeigt aber auch die Auffangstrukturen. Das Netz der Einrichtungen und Institutionen, die sich um die Obdachlosen kümmern sollen. Denen begegnet Wallraff in Obdachlosenheimen und Notunterkünften in Köln, Hannover und Frankfurt am Main und kirchlichen Betreuungseinrichtungen auf dem Lande und bei der Bahnhofsmission. Wir sehen karge Räume, zwar beheizte, aber eben doch eiskalte Schlafsäle und verdreckte Betten. Man ahnt, dass es hier nicht um Würde geht, sondern um das physische Überleben in den kältesten Nächten des Winters.
Vor einem Jahr war Wallraff mit der versteckten Kamera unterwegs. In Köln verteilt der damalige Oberbürgermeister Fritz Schramma in einer Obdachloseneinrichtung Weihnachtsgeschenke, die von einem Kaufhaus gestiftet wurden. Darunter Hosen für Übergewichtige und abgelaufene Lebensmittel. Nachts weigern sich Taxifahrer mit fadenscheinigen Gründen, frierende Schutzsuchende zu Notunterkünften zu fahren - Wallraff hätte bezahlt. Und in einem Heim der katholischen Kirche werden fürs Bierabladen oder Sargtragen Prämien ausgelobt - bis zu 2,50 Euro.
In dieser dramatischen Beschreibung der Würdelosigkeit endet der Film. Wallraffs Fazit: „Es gibt Auffangstrukturen, aber hier werden Menschen nur verwaltet.“
„Unter Null“, Dienstag 21 Uhr, ZDF
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