Schriftgröße

Wallraff-Doku

Überleben auf der Platte

Von Jan Phillip Hein, 14.12.09, 19:56h, aktualisiert 21.01.12, 21:44h

Der Altmeister des investigativen Rollenspiels ist unter die Obdachlosen gegangen. Günter Wallraffs Reportage aus dem Berber-Milieu bringt uns Menschen nahe, an denen wir in den Innenstädten sonst nur vorbei laufen.

Wallraff als Penner
Bild vergrößern
5. Januar 2008, eine der kältesten Nächte des Winters: Günter Wallraff (rechts) übernachtet am Kölner Hauptbahnhof, hier im Gespräch mit einem Obdachlosen. (Bild: ZDF)
Wallraff als Penner
Bild verkleinern
5. Januar 2008, eine der kältesten Nächte des Winters: Günter Wallraff (rechts) übernachtet am Kölner Hauptbahnhof, hier im Gespräch mit einem Obdachlosen. (Bild: ZDF)
Man kann über Günter Wallraff sagen, was man will. Zum Beispiel, dass seine Welt vielleicht etwas schlicht ist. Dort die Bösen, also Arbeitgeber, Banker oder der Springer-Verlag und hier die Guten, also Linke, Kämpfer gegen soziale Ungerechtigkeit und für die Interessen vermeintlich entrechteter Lohnsklaven. Man muss aber auch etwas anderes über Günter Wallraff sagen: Er ist ein begnadeter Reporter. Heute Abend kann man dem Verkleidungskünstler wieder bei der Arbeit zusehen. Wallraff hat sich in abgewetzte Klamotten geworfen und ist als Obdachloser mit dem Namen Wolfgang „auf Platte“ gegangen.

„Auf Platte“ gehen ist das Nächtigen unter freiem Himmel. Wallraffs Film „Unter Null“ zeigt mehr. Er zeigt Menschen, an denen wir in den Innenstädten sonst nur vorbeigehen. Über die wir denken, dass die Wodka-Flaschen in ihren Händen doch zu diesem Schicksal führen mussten. „Unter Null“ lehrt, dass es sich vielfach umgekehrt verhält: dass der Alkohol am Ende des sozialen Abstiegs steht - weil er diesen oder die winterliche Kälte erträglicher macht.

„Arbeitslosigkeit und Krankheit können sehr schnell in die Obdachlosigkeit“ führen“, sagt Wallraff zu Beginn des Films. Die Schicksale der Menschen, die er ein paar Stunden oder Tage begleitet, belegen das. Da ist etwa der Diplom-Ingenieur, der seine Firma retten wollte, dabei die Insolvenz verschleppte und dafür in den Knast und danach nicht mehr auf die Beine bekam. Oder der ehemalige Transportunternehmer, der jetzt weiß, dass er den Einstieg in seinen Abstieg gar nicht richtig mitbekam. Damals, als seine ersten Kunden Pleite gingen und immer weniger Aufträge reinkamen. „Das steckt man doch weg“, dachte er.

„Unter Null“ zeigt aber auch die Auffangstrukturen. Das Netz der Einrichtungen und Institutionen, die sich um die Obdachlosen kümmern sollen. Denen begegnet Wallraff in Obdachlosenheimen und Notunterkünften in Köln, Hannover und Frankfurt am Main und kirchlichen Betreuungseinrichtungen auf dem Lande und bei der Bahnhofsmission. Wir sehen karge Räume, zwar beheizte, aber eben doch eiskalte Schlafsäle und verdreckte Betten. Man ahnt, dass es hier nicht um Würde geht, sondern um das physische Überleben in den kältesten Nächten des Winters.

Vor einem Jahr war Wallraff mit der versteckten Kamera unterwegs. In Köln verteilt der damalige Oberbürgermeister Fritz Schramma in einer Obdachloseneinrichtung Weihnachtsgeschenke, die von einem Kaufhaus gestiftet wurden. Darunter Hosen für Übergewichtige und abgelaufene Lebensmittel. Nachts weigern sich Taxifahrer mit fadenscheinigen Gründen, frierende Schutzsuchende zu Notunterkünften zu fahren - Wallraff hätte bezahlt. Und in einem Heim der katholischen Kirche werden fürs Bierabladen oder Sargtragen Prämien ausgelobt - bis zu 2,50 Euro.

In dieser dramatischen Beschreibung der Würdelosigkeit endet der Film. Wallraffs Fazit: „Es gibt Auffangstrukturen, aber hier werden Menschen nur verwaltet.“

„Unter Null“, Dienstag 21 Uhr, ZDF



Den Kölner Stadt-Anzeiger im Abonnement erhalten JETZT BESTELLEN!
4 Wochen Kölner Stadt-Anzeiger zum Vorzugspreis. Sie sparen mehr als 35%.

Kölner Stadt-Anzeiger auf dem iPad


Anzeige


Bildergalerien


ksta-blogs.de


Kolumne


WAS.WANN.WO.


Hintergrund


Extra


Dienste