Erstellt 18.12.09, 19:50h
PAUL BIEDERMANN: Mir würde das schon etwas bedeuten. Das wäre eine Anerkennung für mich, die Sportart, für meinen Trainer und den Stützpunkt.
Sie sind zweimal Weltmeister geworden und haben zwei Weltrekorde aufgestellt, Sie haben Michael Phelps, den größten Schwimmer der Gegenwart, geschlagen. Ist Ihnen bewusst, was 2009 geschehen ist?
BIEDERMANN: Ich bin mir dessen bewusst und kenne auch die Erwartungshaltung, die mit all dem verbunden ist. Ich denke, ich kann damit sehr gut umgehen.
Sie genießen plötzlich eine Form von Prominenz, die Sie auf eine Stufe stellt mit Rockstars und Filmschauspielern.
BIEDERMANN: Es macht mir Spaß, Leute zu treffen, von denen ich eigentlich Fan bin. Ich genieße das, so lange es mit dem Training vereinbar ist. Aber ich kenne auch die Kehrseite, ich würde mich nie als prominent bezeichnen, da bin ich nicht der Typ für. Ich bin immer noch derselbe Typ wie vor fünf, sechs Jahren. Die Leute in meinem Umfeld kennen mich, sie haben mich groß werden sehen. Ich hatte auch die Erfahrung von eigenen Höhenflügen und habe erst im Nachhinein gemerkt, wie unangenehm es dann für die anderen war. Von daher bin ich ein gebranntes Kind.
Ein bewegendes persönliches Ereignis war für Sie die SMS von Ian Thorpe, der Ihnen zur Verbesserung seines eigenen 400-m-Freistil Weltrekordes gratulierte mit den Worten: „Das war nicht der Anzug, das warst du.“
BIEDERMANN: Das stimmt. Das wurde über den australischen Cheftrainer an mich heran getragen, das hat mich sehr gefreut und motiviert, weil danach auch wieder die Anzugdiskussion hoch kam. Und das dann vor meinem sportlichen Vorbild zu erfahren, das ich 2002 in Berlin selbst getroffen habe. Ich habe auch noch ein Foto, auf dem wir gemeinsam sind, das war für mich die eigentliche Bestätigung. Wenn so etwas geschieht, ist die Welt wieder in Ordnung.
Sehen Sie sich denn mit 23 Jahren noch als junger Schwimmer?
BIEDERMANN: Sagen wir so: Ich möchte auf jeden Fall bis 2016 schwimmen, danach schauen wir mal, aber als jungen Schwimmer sehe ich mich nicht. Ich weiß, dass ich persönlich noch viel machen und verändern kann, das ist wichtig für die Motivation. Ich denke aber, dass man mit 30 seinen Zenit erreicht hat.
Stimulieren Sie sich vor Rennen immer noch mit Heavy Metal?
BIEDERMANN: Natürlich. Das macht mich positiv aggressiv. Ich kenne Sportler, die hören Techno, andere Panflöte. Aber das wäre nichts für mich. Das ist vom Typ abhängig.
Ihre Lieblingsband ist Rammstein
BIEDERMANN: Ja, das ist so.
Sie haben die Band auch persönlich kennen gelernt.
BIEDERMANN: Ja, das ist eine dieser angenehmen Seiten, die die Bekanntheit mit sich bringt.
Sänger Till Lindemann war als ehemaliger DDR-Auswahlschwimmer selbst erfolgreich.
BIEDERMANN: Ja, wir haben uns darüber unterhalten und einige Gemeinsamkeiten festgestellt, persönlich und auch vom Training, was er früher gemacht hat und wir heute auch noch machen, das war schon sehr interessant.
Ist es für sie denkbar, dass Sie eines Tages Ihr Umfeld in Halle an der Saale verlassen?
BIEDERMANN: Ich fühle mich an Halle schon deshalb gebunden, weil mein Trainer Frank Embacher dort ist. Wenn die neue Schwimmhalle irgendwann nicht stehen sollte, muss man sich vielleicht schon Gedanken machen. Aber das Training von Herrn Embacher ist genau das, was mich anspricht. Da wäre ich ja schön blöd, wenn ich woanders hin wechseln würde.
Auch nicht für mehr Geld?
BIEDERMANN: Die Erfolge, die ich jetzt feiere, feiere ich durch Herrn Embacher.
Sie siezen Ihren Trainer noch?
BIEDERMANN: Ja, das ist so. Er ist nicht mein Kumpel, er ist nicht mein Freund, wir können Spaß miteinander haben, wir verstehen uns gut. Wir wissen schon, wenn wir ernst sein müssen und manchmal werfen wir uns, wenn es die Situation erfordert, auch etwas an den Kopf.
Das soll in Peking passiert sein.
BIEDERMANN: Nicht in Peking, das war unmittelbar vorher, da standen wir sogar kurz davor, uns zu trennen. Dann haben wir uns mit Örjan Madsen (ehemaliger Bundestrainer und Sportdirektor, Anm. d. Red.) hingesetzt, hatten ein Gespräch und danach ging es wieder. Mit den Jahren schleifen sich einfach gewisse Dinge ein, Kleinigkeiten. Dann sagt man sich's nicht, das führt zu Reibereien. Das bleibt nicht aus, wenn man mit Menschen arbeitet. Aber wir haben das geklärt.
Im kommenden Jahr ist Schwimmen für Sie nur noch in Badehose erlaubt. Rechnen Sie damit, dass die Rekorde erst einmal Bestand haben?
BIEDERMANN: Ja, sie werden bestehen bleiben, aber die Frage ist, wie sich die Wertschätzung der Bestzeiten entwickelt, weil bis zum heutigen Tag nicht klar ist, was mit den Rekorden passiert. Werden zwei Listen geführt, für die neuen und alten Zeiten oder nicht? Aber sicher ist, dass es für einige Jahre keine neuen Rekorde geben wird.
Das Gespräch führten Jürgen Ahäuser und Frank Nägele
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