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ARD-Nachkriegsdrama

Die kalte Quittung

Von Jan Freitag, 23.12.09, 20:12h

Zum Abschluss des Weihnachts-Wochenendes gibt es am Sonntagabend das sehenswerte Doku-Drama „Hungerwinter“ im Ersten. Der Film über den Überlebenskampf inmitten von Trümmern im eisigen Winter 1946/47 bricht ein gesellschaftliches Schweigen.

ARD-Kriegsepos 'Hungerwinter'
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Das ARD-Doku-Drama "Hungerwinter" erzählt am Sonntag vom "Überleben nach dem Krieg". (Bild: ARD)
ARD-Kriegsepos 'Hungerwinter'
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Das ARD-Doku-Drama "Hungerwinter" erzählt am Sonntag vom "Überleben nach dem Krieg". (Bild: ARD)
Wie ein Fremdkörper mutet dieser Film im üppig gefüllten Weihnachtsunterhaltungsprogramm des Fernsehens an, zwischen „Marianne und Michael“, „Bauer sucht Frau“ und „Der weiße Hai“. Als hätte der Kirchenbeauftragte da am Sonntag noch ein moralisches Momentum unterbringen dürfen, nach dem Vers „Unser tägliches Brot gib uns heute“.

„Hungerwinter“ erzählt von den eisigen Wochen um Silvester 1946. Es ist die bislang vielleicht schonungsloseste, ergreifendste und ehrlichste Verarbeitung der unmittelbaren deutschen Nachkriegszeit. Denn sie bricht ein Schweigen, das jenen so fehl am Platz scheint, die es nicht erlebt haben, und denen so peinlich, die es nicht brechen. Warum, so fragen erstere, sollte man über Hunger nicht reden? „Weil es die Quittung war“, sagt Günther Kammeyer, der ihn erlebt hat, „für das, was sich die Deutschen selbst eingebrockt haben.“

Betrogene Betrüger

Sechs Zeitzeugen wurden aus 1400 Bewerbern für dieses Doku-Drama ausgewählt. Sie erzählen ihre Erinnerungen an jene drei furchtbaren Frostwellen vor 63 Jahren. Sechs Biografien, die zeigen, wie schnell sich jeder der nächste wird, wenn die Vorräte knapp werden und das Thermometer unter Minus 20 Grad sinkt. Offen sprechen sie von Lebensmittelkarten für Senioren, die Sterbekarten hießen, von Wärmeräumen gegen das Erfrieren. Vom Kölner Kardinal Josef Frings, der dem Mundraub moralische Absolution erteilte. Es geht um Typhus, Fleckfieber und TB. Um Betrogene, die Betrogene betrogen, und Menschen die ihr Menschsein vergaßen. Aber eben auch um Güte, Mitgefühl und Erbarmen, das sich immer wieder Bahn brach, selbst in Phasen größter Not.

Sie erzählen die Geschichten von Müttern wie Lotte Szelksi, die ein Kind verlor und dennoch weitermachte. Von Töchtern wie Edith Eints, die neben Hunger und Kälte auch noch die Wut kriegsversehrter Väter erdulden musste. Von Männern wie Wilhelm Müller, dessen Vater die Mundraube, Kohlenklaus, Hamsterkäufe und Hehlereien jener Tage vor Gericht in Herford als das freisprach, was es nun mal war: Verzweiflungstaten Hoffnungsloser.

Und sie tun dies weder jammernd noch distanziert, sondern im Tonfall des Erzählers, der uns Gegenwartsbewohnern die Vergangenheit konserviert. „Ein Transmissionsriemen der älteren Generation an die jüngere“, beschreibt es Autor Alexander Häusser. Zu schade, dass diese Art „Oral History“ nur von Deutschen erzählt (wird). In relativierender Fiktion wie dem ARD-Epos „Die Flucht“ oder der ZDF-Katastrophe „Die Gustloff“ bleiben die Schicksale jener Länder, die zuvor überfallen wurden, ebenso unbeleuchtet, wie in dokumentarischen Exkulpationen der ZDF-Redaktion Zeitgeschehen von Guido Knopp, von „Die Gefangenen“ bis „Kinder der Flucht“. Immer noch gilt es, die Perspektive zu öffnen. (mit hch)

Hungerwinter“ von Gordian Maugg und Alexander Häusser zeigt das Erste am 27. Dezember um 21.45 Uhr



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