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Buchprojekt

Überleben in schlimmer Zeit

Von Ulrike Süsser, 28.12.09, 13:22h

In dem Buch „angerichtet” erzählen 19 Frauen und vier Männer, wie sie den Krieg und die folgende Zeit bis 1948 miterlebt haben. Die „Luther-Senioren“, die es alle nach dem Krieg nach Köln verschlagen hat, sind mitteilsam.

Luther-Senioren
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Die Luther-Senioren präsentieren ihr neues Buch mit Pfarrer Hans Mörtter (hinten M.) und der Journalistin Helga Fitzner (2.v.r.), für das sie sich an die Kriegs- und Nachkriegszeit erinnert haben. (Bild: Süsser)
Luther-Senioren
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Die Luther-Senioren präsentieren ihr neues Buch mit Pfarrer Hans Mörtter (hinten M.) und der Journalistin Helga Fitzner (2.v.r.), für das sie sich an die Kriegs- und Nachkriegszeit erinnert haben. (Bild: Süsser)
Innenstadt - Gisela hat die Zerstörung von Danzig miterlebt. Und alles verloren. Lediglich ihren Pass, eine Puderdose und einen Kamm hat sie mitgenommen, als sie mit ihrer Freundin an die Ostseeküste floh. „Die Straßen waren voller flüchtender Menschen. Hunger und Kälte setzten ihnen zu. Frauen mussten die Kinder, die die Strapazen nicht überlebt hatten, am Wegrand ablegen. Beerdigt werden konnten sie nicht, denn die Erde war gefroren.“ Wie Gisela erzählen 19 Frauen und vier Männer in dem Buch „angerichtet!“, wie sie den Krieg erlebt haben und auch die Zeit hinterher bis 1948. Im Buch werden alle Protagonisten grundsätzlich nur mit Vornamen genannt. „Was die Frauen nach dem Krieg geleistet haben, das würde ein Mann nie schaffen“, schreibt Heinz. Er ist voll des Lobes für die „Trümmerfrauen“, muss sich allerdings von Günther bremsen lassen. „Wir Männer haben auch ordentlich zugepackt“, sagt er.

Heinz Effers und Günther Kuhn sind zwei Autoren von „angerichtet!“. Sie sitzen mit den Autorinnen Lieselotte Hinz, Johanna Schulte und Hanna Hinz im Haus der Evangelischen Kirche an der Kartäusergasse und stellen mit Maria Al-Mana vom Evangelischen Kirchenverband, der Journalistin Helga Fitzner und dem Südstadt-Pfarrer Hans Mörtter das neue Buch vor. Es geht um das Überleben in schlimmer Zeit, es geht ums Durchhalten und ums Standhalten. Das Buch ist aber nicht nur ein leidvoller Rückblick, sondern es macht Mut und will nach vorne weisen. Man könne daraus lernen, wie unmenschlich der Krieg ist, meint Mörtter. „Wenn wir die Vergangenheit nicht kennen, können wir keine Gegenwart haben und verlieren die Zukunft“, sagt der Pfarrer weiter. Und der Zeitzeuge Günther sagt im Hinblick auf die Ereignisse in Afghanistan und Irak: „Krieg ist Krieg. Und erst am Schluss weiß man, dass er nichts gebracht hat.“

Johanna wird an Weihnachten 90 Jahre alt. Sie gehört wie die anderen Autorinnen und Autoren dem offenen Seniorenkreis der Lutherkirche an, den es seit 1990 in der Südstadt gibt. Ja, die Zeit habe die Wunden geheilt, sagt sie ohne Verbitterung. Die „Luther-Senioren“, die es alle nach dem Krieg nach Köln verschlagen hat, erscheinen mitteilsam. Sie erzählen offenbar gern - und sie tun es mit Humor und Distanz. Das macht sich auch in dem Buch bemerkbar.

Helga Fitzner hatte die „Luther-Senioren“ über einen langen Zeitraum hinweg bei regelmäßigen Treffen interviewt. Die Journalistin hat es geschafft, aus der Fülle der Berichte die eindrucksvollsten Fragmente herauszusuchen und zu einem Stück zusammenzufügen. So ist ein aufschlussreicher Überblick über die Kriegs- und Folgejahre entstanden - persönlich gehalten und behutsam erzählt - mitunter mit amüsanten Passagen. Wie etwa bei der Liebesgeschichte zwischen Heinz und Hanna. Die beiden feiern am 24. Dezember ihren 64. Hochzeitstag.

Grafisch wurde das Buch von Hermann Vogel überzeugend gestaltet. Es enthält 159 Fotos, die die Protagonisten zur Verfügung gestellt haben, 13 Zeichnungen von Ingeborg Niesen und ein Vor- und Nachwort von Hans Mörtter und Helga Fitzner. Auch ein paar Rezepte sind erhalten in Anlehnung an das Vorgängerbuch „Kochgeschichten“, das ebenfalls im Seniorenkreis der Lutherkirche entstanden ist. „Angerichtet!“ ist im Buchhandel erhältlich und in der Evangelischen Informationsstelle, Antoniterkirche, Schildergasse 57.

„Angerichtet!“ Vom Überleben in schlimmer Zeit. 216 Seiten, Selbstverlag, 19,80 Euro.



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