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Bewertungsportale

Note „ungenügend“, Herr Doktor

Von Tanja Wolf, 04.01.10, 08:54h, aktualisiert 04.01.10, 08:55h

Informationsquelle für mündige Patienten oder Ärzte am Pranger? Bewertungsportale, in denen Patienten anonym Ärzte benoten können, sind umstritten. Können die Angebote wirklich helfen, einen guten Arzt zu finden?

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Was bietet welcher Arzt? Auf etlichen Portalen können Patienten Mediziner bewerten. Nicht immer sind sie aussagekräftig. (Bild: dpa)
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Was bietet welcher Arzt? Auf etlichen Portalen können Patienten Mediziner bewerten. Nicht immer sind sie aussagekräftig. (Bild: dpa)
Weil er einen Patienten nicht krankschreiben wollte, gab es für Dr. Christian Maxeiner eines Morgens eine böse Überraschung. Der wütende Patient hatte ihm eine Portion Pommes mit Ketchup und Majo an sein Praxisschild geschmiert. Das war vor zwölf Jahren. Heute könnte der Patient seinen Unmut digital verbreiten - abrufbar in aller Welt. So wie Lehrer, Krankenhäuser und Hotels bewertet werden, können Patienten auch Ärzte öffentlich loben und kritisieren. Für die einen ein Weg zu mehr Transparenz, für andere ein digitaler Ärztepranger. „DocInsider“, „CheckTheDoc“, „Healthpool“, „Topmedic“ oder „Imedo“ heißen die Bewertungsportale im Internet. Patienten können Punkte oder Noten geben - für die Wartezeiten, die Beratung, das Vertrauensverhältnis, die Praxisorganisation oder die fachliche Kompetenz.

„Ich fand diese Ärztin unmöglich“, schreibt zum Beispiel ein Patient über eine Hautärztin aus NRW. Sie habe die Entfernung eines Muttermals „mehr als schlampig durchgeführt“. Der Patient genießt dabei den Schutz der Anonymität - die Ärztin nicht. Eine Gratwanderung zwischen Meinungsfreiheit und Rufschädigung. Deshalb warnt der Hamburger Rechtsanwalt Philipp von Mettenheim vor allzu emotionalen Einträgen: „Das ist eine Quelle für eine massive Schädigung des betroffenen Arztes, zum Beispiel durch Patientenschwund. Letztlich ist der Verfasser rechtlich für seinen Eintrag verantwortlich - und könnte auch auf Schadenersatz verklagt werden.“

Wie finde ich den besten Arzt?

Beleidigungen dürfen nicht sein, Meinungsäußerungen schon, sagt deshalb der Gründer und Geschäftsführer von „DocInsider“, Ingo Horak. Für ihn geht es „um bessere Match-Chancen“ des Patienten: „Die zentrale Frage für jeden ist doch: Wie finde ich den besten Arzt? Und bisher bekommt der Patient dazu fast überhaupt keine Information.“ „Es gibt gute Ärzte und schlechte Ärzte“, meint auch Healthpool- und Securvita-Gründer Thomas Martens. Das will er öffentlich machen. „Die guten Ärzte wird das Feedback freuen.“ Er glaubt, dass damit die Rollen im Gesundheitswesen neu verteilt werden. Auch Prof. Frank Ückert, Leiter des Instituts für Medizinische Informatik der Universität Münster, ist sicher: „Es geht nicht um das ,Ob'. Es geht um das ,Wie'.“

Um das „Wie“ geht es auch der AOK. Der Krankenkassen-Marktführer mit knapp 24 Millionen Versicherten will im ersten Quartal 2010 seinen geplanten „Arzt-Navigator“ offiziell vorstellen, das Portal soll im zweiten Quartal 2010 in zwei oder drei Pilot-Regionen starten. „Wir wollen einen hohen wissenschaftlichen Standard“, sagt Kai Kolpatzik, Leiter Abteilung Prävention beim AOK Bundesverband. Deshalb arbeite man mit der Bertelsmann-Stiftung zusammen, die bereits den Krankenhaus-Führer „Weiße Liste“ entwickelt hat. Nach der Entwicklungsphase werde die AOK den Arzt-Navigator für alle Krankenkassen öffnen.

Transparenz durch Informationen

Um zu vermeiden, dass ein Arzt durch eine einzige Bewertung als gut oder schlecht gilt, soll es beim AOK-Bertelsmann-Projekt eine Hürde von 20 bis 50 Bewertungen geben, bevor eine Arztbewertung online geht. Uwe Schwenk, Programm-Direktor der Bertelsmann-Stiftung, sieht „berechtigte Kritik“ an den bisherigen Angeboten, im Prinzip aber gehe es um Transparenz: „Der Patient wird im Gesundheitssystem immer mehr mit Wahlmöglichkeiten konfrontiert. Aber mündig werden Patienten nur durch Information. "

Aber ob Patienten aber eine ärztliche Leistung objektiv beurteilen können, ist umstritten. Denn Medizin ist kompliziert und manchmal sehr individuell. Prof. Kuno Winn, Vorsitzender des Ärzteverbandes Hartmannbund, zweifelt an einer Art Gutachter-Fähigkeit der Patienten: „Sie wissen, ob sie sich besser oder schlechter fühlen. Dieses Gefühl können sie aber nur selten mit einer bestimmten Leistung des Arztes in Verbindung bringen.“ In Krankenhäusern wird die medizinische Qualität bereits bewertet, zum Beispiel mit Hilfe von Qualitätsberichten, die die Zahl der Operationen und Komplikationen enthalten. Im ambulanten Bereich sei das aber kaum möglich, meint Peter Müller, Vorstand der Stiftung Gesundheit, obwohl Ärzte seit 2006 zu Qualitätsmanagement verpflichtet sind. Allein schon der Kundenstamm und das Einzugsgebiet eines niedergelassenen Arztes beeinflusse seinen Erfolg: „Eine sozial besser gestellte Kundschaft mit höherer Bildung ist meist therapie-treuer als bildungsferne Schichten.“

Die Verbraucherzentrale (VZ) rät, Arztbewertungsportale nur ergänzend zu nutzen. „Die meisten Angebote sind mit Vorsicht zu genießen“, sagt Stefan Etgeton, Fachbereichsleiter Gesundheit und Ernährung beim VZ-Bundesverband. „Oft gibt es zu wenig Bewertungen pro Arzt und oft ist der Anlass für eine Bewertung ein negatives Erlebnis. So etwas ist nicht repräsentativ.“ Und leicht manipulierbar: „CheckTheDoc“ etwa hat seine Arztbewertung derzeit stillgelegt. Weil Ärztevertreter vermuteten, dass Ärzte sich selbst lobten und Kollegen schlecht benoteten. Das Angebot werde überarbeitet, heißt es.

Im „Arzt-Navigator“ der AOK sollen laut Uwe Schwenk „die Ärzte auf Lob und Kritik reagieren können“. Freifelder für individuelle Einträge soll es nicht geben. Geplant sei eine turnusmäßige Befragung - das sei objektiver, als wenn jemand gerade aufgewühlt aus einer Praxis kommt. Für „DocInsider“-Chef Horak dagegen ist das Problem des Missbrauchs „klein“: „Bei 100 000 Freitext-Berichten haben wir bisher 500 Fälle von Missbrauch festgestellt. 70 Prozent der User geben fünf Punkte - also die Bestnote.“

Entrüstung hat sich unter den Ärzten gelegt

Wie schwierig es sein kann, in die Deutungshoheit der Ärzte einzudringen, hat Peter Müller bei der „Stiftung Gesundheit“ erfahren, ein Vorreiter im Patienten-Service: Die „Arzt-Auskunft“ der unabhängigen Hamburger Stiftung wurde bereits 1997 eingeführt, damals ausschließlich telefonisch. „Es war ein schwieriger Weg“, sagt Vorstand Müller. „Die Human- und die Zahnmediziner haben bis zum Oberlandesgericht gegen uns prozessiert, und wir haben in allen Instanzen gewonnen.“ Dabei gehe es nicht nur um Meinungsfreiheit, die der Bundesgerichtshof im Juni auch für die umstrittenen Lehrerbewertungen bei „spickmich" anerkannte. „Die Ärzteschaft warf uns eine Gefährdung der Volksgesundheit vor. Aber ich kann mich der Urteilsbegründung nur anschließen: Patienten haben einen Anspruch auf diese Informationen.“ Wenn das zu mehr Wettbewerb führe, sei das gut. Inzwischen, das ergab eine neue Studie der Stiftung Gesundheit, hat sich in der Ärzteschaft offensichtlich der Sturm im Wasserglas gelegt. Die Bewertungsportale sorgen unter Praxisinhabern kaum mehr für Aufregung. Im Gegenteil: Zwei Drittel der Ärzte wissen nicht einmal, ob sie überhaupt bewertet wurden.

Die Dynamik des Internets werde im Gesundheitswesen immer noch unterschätzt, kritisiert Ingo Horak: „Ärzte sollten lesen, was über sie geschrieben wird und die Chancen des Internets für Eigenwerbung nutzen.“ Denn im Internet könne auch stehen: „Der beste Zahnarzt weit und breit.“



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