Von Georg Imdahl, 31.12.09, 07:03h
Von Antwerpen nach Paris
Ein Bild von bemerkenswerter Vielschichtigkeit sind erwiesenermaßen die „Schuhe“, besser bekannt als „Bauernschuhe“, die der 33 Jahre alte Vincent van Gogh im Herbst 1886 in Paris gemalt hat, der Stadt, in die er damals aus Antwerpen umgezogen war. Van Gogh hatte die Schuhe auf dem Flohmarkt erworben und in der Folge mehrere Bilder mit diesem eher anspruchslosen Sujet gemalt. Sie alle befinden sich in prominenten Museen, die „Schuhe“ von 1888 etwa (auf dieser Seite oben rechts) im Metropolitan Museum in New York. Doch nur jenes besonders elementare Werk aus dem Van Gogh Museum in Amsterdam, dem allein das Wallraf-Richartz-Museum seit einiger Zeit in lohnenswerter Konzentration eine Kabinettausstellung widmet, gilt bis heute als Rätselbild. Das Kolorit entbehrt jeglicher vordergründiger Eleganz, es geht zurück auf naturalistische Szenen und Sujets aus dem selben Milieu wie die „Kartoffelesser“ und den „Kartoffelkorb“ von 1885. Der niederländische Kunsthistoriker H. P. Bremmer war 1911 der erste Interpret der Arbeit, er stellte eine „innere Verbindung“ zwischen dem Motiv und „der menschlichen Existenz“ her, betonte den „Lebensgeist“, der dem „Paar toter Objekte“ eingehaucht sei. Den Philosophen Martin Heidegger, Autor des Epochenwerks „Sein und Zeit“ und seit 1933 Mitglied der NSDAP, beeindruckte 1935 die „derbgediegene Schwere des Schuhzeuges“: „Auf dem Leder liegt das Feuchte und Satte des Bodens“, bemerkte Heidegger in seinem „Kunstwerk-Aufsatz“ und schrieb die Schuhe ohne weitere Begründung einer Bäuerin als Besitzerin zu: „Zur Erde gehört dieses Zeug und in der Welt der Bäuerin ist es behütet.“
Kaum Wunder, dass dem Philosophen - auch wegen seiner Nähe zum Nationalsozialismus - seine Interpretation als angebräunt zurückgegeben wurde. So attackierte der amerikanische Kunsthistoriker Meyer Schapiro Heidegger 1968 mit dem Hinweis, van Gogh habe das Bild als symbolisches Selbstporträt gemalt, und zwar als Städter. Kurz zuvor hatte bereits der Van-Gogh-Spezialist H. R. Graetz angezweifelt, ob es sich überhaupt um ein Paar handele und nicht vielmehr um zwei linke Schuhe. Genährt wurde der Zweifel auch durch die Tatsache, dass die beiden Schuhe unterschiedlich geschnürt - und dem Augenschein nach auch nicht gleich groß sind. Sollte es sich, Graetz folgend, um ein Doppelbildnis von Vincent und seinem Bruder Theo handeln? Oder sollten die beiden Schuhe, wie der Franzose Jacques Derrida 1978 unter Berufung auf Freud und die Psychoanalyse ins Spiel brachte, fetischistisches Begehren verkörpern? Warum rollt sich der Schnürsenkel des rechten Schuhs zu einer Art Schlinge ein?
Selbstporträts der Interpreten
Soviel war für Derrida sicher: Sowohl Heidegger als auch Schapiro entdeckten in den Bauernschuhen van Goghs ein Selbstporträt, nur keines des Malers, sondern ihrer selbst - hier der bodenständige Denker, dort der aufgeklärte Kunsthistoriker. Ansonsten, so Derrida, bezeugen van Goghs „Schuhe“ vor allem jene interpretatorische Ungewissheit, die sie selbst programmatisch hervorrufen.
Geoffrey Batchen schildert den substanziellen Gelehrtenstreit in einer Broschüre zur Kölner Ein-Bild-Ausstellung und dokumentiert damit en passant auch einen besonderen Mehrwert der Malerei: eine Mehrdeutigkeit, die jeden Interpreten zwingt, sich selbst preiszugeben.
Wallraf-Richartz-Museum, verlängert bis 31. Januar.
Katalogheft (E. A. Seemann Verlag, Leipzig), 9,90 Euro.
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