Von Stephan Klemm, 30.12.09, 20:20h
Schon vor diesem Coup ist Ahonen die Richtigstellung in eigener Person so wichtig gewesen, dass er gleich ein ganzes Buch über sich hat schreiben lassen. Entstanden ist seine Biografie mit dem Titel: „Kuningaskotka“, zu deutsch: „Königsadler“. Eigentlich sollte das Werk sein Abschiedsgeschenk an die Welt des Skispringens sein, jetzt flankiert es Ahonens Comeback. Klar ist: „Mein Selbstvertrauen ist nun wieder da.“ Vor dem zweiten Tournee-Treffen am Neujahrstag in Garmisch ist Ahonen entsprechend zuversichtlich: „Ich hatte Glück mit den Bedingungen. Aber so ein zweiter Platz macht alles leichter.“
Im März 2008 fühlte sich Ahonen so fertig mit seinem Sport, zudem nach 36 Weltcup-Siegen, fünf Weltmeistertiteln und fünf Triumphen bei der Vierschanzentournee so ausgezeichnet, dass er sagte: „Ich trete zurück. Es fehlt die Motivation.“ Die Nation war überrascht und traurig, seine Trainer auch. Skispringen ist in Finnland eine der beliebtesten Sportarten überhaupt, und Ahonen ist einer der größten Stars des finnischen Sports. Er gehörte vierzehneinhalb Jahre zur Weltspitze.
Jetzt ist er wieder da, weil die Freizeit zwar schön war, aber die Lust auf den letzten, noch fehlenden Titel seiner Karriere eine Menge Energie freisetzte. Ahonen war noch nie Olympiasieger, weder im Einzel noch mit dem Team. „Ich habe nach einem Jahr Pause neue Motivation für das Training gefunden. Dann kam die Sehnsucht. Die Sehnsucht ist der einzige Grund, weshalb ich hier bin“, sagt er. Die Sehnsucht nach den Schanzen und dem Erfolg. Deshalb betreffen seine Saisonziele auch nur die Filetstücke des Winters. Erstens: „Die Vierschanzentournee.“ Die Hoffnung: „Da geht es für Ahonen um den Sieg“, sagt Finnlands Trainer Janne Väätäinen. Zweitens und viel, viel wichtiger, eigentlich das Zentrum von Ahonens Gedanken und sein größter Wunsch: „Ich träume von olympischem Gold im Februar in Vancouver.“
Ahonen stellt sich in seinem Buch als Fast-Food liebender Nachtgänger dar, als diskussionsfreudiges Teammitglied, als geselligen Biertrinker, als Discobesucher und als treuen Familien-Vater. Ahonen spricht allerdings auch ein brisantes Thema an: Den Verzicht auf Nahrung. Skispringen besitzt trotz einer in Form des Body-Mass-Indexes (BMI) eingeführten Gewichtskontrolle nach wie vor die einfache Formel: Leicht fliegt gut. In einem zehnseitigen Kapitel schildert Ahonen die krankhafte Phase des Abnehmens. Es wird schlicht „gehungert, vier bis fünf Monate. Gesund ist das nicht.“ Während der Saison gibt es zum Frühstück ein bisschen Müsli, mittags nichts und abends Körnernahrung. Oder gerne auch mal nicht auf der Dopingliste stehende Tonalin-Tabletten, um das Restfett zu verbrennen. Vor dieser Saison musste wieder Gewicht runter, laut Ahonen „vier Kilo, ich wiege jetzt 66 Kilo“. Bei 1,83 Metern Körpergröße.
Das alles taugt zu einer neuen Magersucht-Debatte in diesem Sport der dürren Männer, weshalb der Weltverband Fis flugs Hilfe verspricht: In der kommenden Saison wird der BMI heraufgesetzt, von jetzt 20 Kilo mit Anzug, Schuhen und Handschuhen auf dann 20,5 Kilo. Wer unter dieser Marke bleibt, muss mit kürzeren Skiern springen. Ahonen sagt: „Viel zu wenig.“ Doch mehr geht nicht, sagt, behauptet und bestimmt die Fis.
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