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Silvester

Feuer frei fürs neue Jahr

Von Jörg Schindler, 30.12.09, 20:53h

Raketen, Wunderkerzen und Böller – jedes Jahr begrüßen wir das neue Jahr mit einer Menge Schwarzpulver. Heute genießen wir um Mitternacht den funkelnden Himmel, früher jedoch begaben sich die Menschen beim Zünden oft in Lebensgefahr. Die Geschichte des Silvester-Feuerwerks.

Big Ben
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Feuerwerk über dem Big Ben in London. (Bild: dpa)
Big Ben
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Feuerwerk über dem Big Ben in London. (Bild: dpa)
FRANKFURT – Ludwig der XV. war einer, der es gerne krachen ließ. Am 30. Mai 1770 übertraf sich der Schwerenöter auf dem französischen Thron dabei selbst: Um seine frischgebackene Schwiegertochter Marie Antoinette einigermaßen zu beeindrucken, ließ der Monarch 20 000 Raketen in den Park von Versailles schaffen, dazu rund 6000 Feuertöpfe und Vulkane sowie 80 gewaltige Sonnenräder, die bei Bedarf Funken sprühten. Das Ergebnis war das größte Feuerwerk, das die Welt bis dahin gesehen hatte. Da staunte die Schwiegertochter. Da staunte das Volk.

Import durch Seefahrer

Allerdings nur so lange, bis die Sache schiefzulaufen begann, Brandsätze in die Menge stoben, Zelte Feuer fingen und panische Menschen in Baugruben stürzten. 139 Tote und unzählige Verletzte vermerkten anschließend die Chronisten. Was einerseits beweist, dass mit Böllern seit jeher nicht zu scherzen ist. Andererseits recht präzise, wenn auch unschön, an den Ursprung der ganzen Knallerei erinnert.

Was uns Heutige in jeder Silvesternacht mehr oder weniger erquickt, war für die Altvorderen kein allzu großer Spaß. Die ersten fliegenden Raketen - bezeugt sind sie aus Chinas Sung-Zeit (960-1279) - dienten zunächst dazu, Gegnern im Kampf Feuer unterm Hintern zu machen. Dazu bedurfte es des Schwarzpulvers, ein Gemisch aus Salpeter, Holzkohle und Schwefel, das die Chinesen wohl schon vor knapp 2000 Jahren erfanden. Weil die Böller auf dem Schlachtfeld ordentlich was hermachten, weckten sie selbstverständlich das Interesse kriegsfreudiger Europäer: Im 13. Jahrhundert brachten holländische Seefahrer die frühen China-Kracher mit auf den Alten Kontinent. Dort notierte der englische Franziskaner-Mönch und Pyromanen-Ahn Roger Bacon: „Lass das gesamte Gewicht dreißig sein, jedoch von Salpeter nehme man sieben Teile, fünf vom jungen Haselholz und fünf von Schwefel, und du wirst Donner und Zerstörung hervorrufen, wenn du die Kunst beherrschst.“

Die Kunst beherrschten bald immer mehr. Kein vernünftiges Heer kam fortan mehr ohne Feuerwerker aus. Wie so oft mit Kriegserfindungen sickerte das Schwarzpulver-Handwerk nach und nach auch in friedlichere Gefilde. Für das Jahr 1379 ist eine Pfingstfeier in Florenz dokumen tiert, in deren Mittelpunkt eine funkensprühende Taube stand. Die Deutschen mussten auf derlei Zauber noch eine ganze Weile warten. Erst 1506, während des Reichstages zu Konstanz, beglückte Maximilian I. sein Volk mit einem Feuerwerk über dem Bodensee.

Privileg des Adels

Dämonen mit Lärm vertreiben Wann genau es zum Brauch wurde, zum Jahreswechsel Raketen himmelwärts zu schicken, ist nicht ganz klar. Dass es soweit kommen musste, kann niemanden überraschen. Im germanischen Volksglauben ging man seit jeher davon aus, dass sich Geister und Dämonen am Jahresende am besten durch allerlei Lärm vertreiben ließen.

Also machten die Menschen in der Nacht zunächst mit einfachen Trommeln, Peitschen und Dreschflegeln ordentlich Krawall, später dann mit Glocken, Pauken und Trompeten. Und noch später mit Böllern und Gewehren. Letzteres blieb jedoch, allein schon aus Kostengründen, noch einige Jahrhunderte lang ein Privileg des Adels. Im Barock (ca. 1600 bis 1770), der Epoche des ungezügelten Spieltriebs, erlebte die „Lustfeuerwerkerei“ einen Höhepunkt. Regelrechte Schwarzpulver-Schauspiele versetzten Zuschauer mit illuminierten Schlössern Drachen ins Staunen.

1838 gründete Georg Berckholz die erste deutsche Feuerwerkfirma, um es jedermann zu ermöglichen, das Firmament zu erleuchten. Schnell fanden sich Nachahmer. Und weil es inzwischen auch Oxidationsmittel, Metallnitrate und Chlorate gab, mit denen aus den schwächlichen Kohlefunken bonbonfarbene Sternschnuppen wurden, wurde das Feuerwerk zum Massenphänomen. Seit dem 20. Jahrhundert verpulvern die Deutschen an jedem 31. Dezember millionenfach „Chinaböller“. Bis heute kommt es dabei jedes Jahr zu unzähligen Verletzten, bisweilen auch zu Toten.

Was wiederum beweist, dass wir auch in dieser Hinsicht seit den Tagen des alten Ludwig wenig dazugelernt haben.



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