Schriftgröße

Machtkampf

Medienmogul gibt auf

Von Gerd Höhler, 05.01.10, 20:54h, aktualisiert 05.01.10, 20:55h

Im Machtkampf zwischen Ministerpräsident Tayyip Erdogan hat Medienmogul Aydin Dogan den Kürzeren gezogen. Der 73-Jährige legte zum Jahresbeginn die Führung des Medienkonzerns nieder. Neue Chefin wird seine Tochter Arzuhan Dogan Yalcindag.

Aydin Dogan
Bild vergrößern
Medienboss Aydin Dogan (Bild: dpa)
Aydin Dogan
Bild verkleinern
Medienboss Aydin Dogan (Bild: dpa)
Bis vor kurzem war Aydin Dogan einer der mächtigsten Männer der Türkei. Er kontrollierte nicht nur die drittgrößte Industrieholding des Landes sondern mit der Unternehmensgruppe Dogan Yayin Holding (DYH) auch den größten türkischen Medienkonzern. „Man stelle sich FAZ, Süddeutsche, Welt, Bild, RTL und ProSieben in einer Hand vor“ - so beschrieb ein Marktkenner die publizistische Macht des Medienmoguls, der unter anderem die Zeitungen „Hürriyet“ und „Milliyet“, mehr als ein Dutzend Magazine, Fernsehsender, eine Nachrichtenagentur und einen Pressevertrieb kontrolliert.

Doch dann legte sich Dogan mit einem noch Mächtigeren an, Ministerpräsident Tayyip Erdogan - und zog den Kürzeren: mit Wirkung vom 1. Januar hat der 73-jährige Aydin Dogan die Führung des Medienkonzerns niedergelegt. Neue Chefin wird seine Tochter Arzuhan Dogan Yalcindag, die seit drei Jahren als Präsidentin des einflussreichen Unternehmerverbandes Tüsiad amtiert und davor die Fernsehsparte des Dogan-Medienkonzerns leitete. Doch das dürfte nur eine Übergangslösung sein: mittelfristig wolle sich die Familie aus dem Unternehmen zurückziehen, heißt es in Istanbul.

Der Konzern werde nun umstrukturiert, um „starke ausländische Beteiligungen zu ermöglichen“, teilte der Vorstand der Medienholding mit. Damit könnte sich die Tür für einen Einstieg der Axel Springer AG öffnen. Europas größter Zeitungsverlag hält bereits seit 2006 eine Beteiligung von 25 Prozent an der Fernsehsparte Dogan TV. Im November 2008 unterschrieb Springer einen Vertrag, der eine zehnprozentige Beteiligung an der Medienholding DYH und den Verkauf von 5,1 Prozent der Dogan-TV vorsah. Dieser Vertrag liegt jedoch auf Eis - wegen der politischen und steuerrechtlichen Turbulenzen, in denen sich Dogan während des vergangenen Jahres befindet. Im Februar 2009 hatten die türkischen Finanzbehörden gegen DYH wegen angeblicher Steuervergehen eine Strafe von umgerechnet 390 Millionen Euro verhängt. Im September folge eine weitere Strafe von 2,2 Milliarden Euro. Die vom Fiskus geforderten Summen entsprechen dem Fünffachen des aktuellen Börsenwerts der Holding - und bedrohen damit die Existenz des Medienkonzerns. Ende Dezember leitete dann die Staatsanwaltschaft ein Strafverfahren gegen Aydin Dogan ein, bei dem es um angebliche Verstöße gegen die Kapitalmarktvorschriften geht.

Dogan sieht in den Verfahren einen Rachefeldzug der islamisch-konservativen Regierung. Die kommt in den Dogan-Medien meist schlecht weg. Mal muss sich Regierungschef Tayyip Erdogan wegen seiner selbstherrlichen Amtsführung in Dogan-Zeitungen als „Sultan“ verspotten lassen, mal warnen Dogan-Kolumnisten vor einer „geheimen Agenda“ des gewendeten Fundamentalisten Erdogan, der, wie sie schreiben, in der Türkei eine islamische Staatsordnung etablieren wolle. Seit Dogan-Blätter im vergangenen Jahr von einer angeblichen Verwicklung der Regierungspartei in den Deniz Feneri-Spendenskandal und mutmaßlich unlauteren Geschäften in Erdogans Umgebung schrieben, herrscht offener Krieg zwischen Dogan und Erdogan.

Auf dem Höhepunkt der Auseinandersetzung rief der Ministerpräsident zu einem Boykott der Dogan-Zeitungen auf und verglich Dogan mit Al Capone. Dogan über Erdogan: „Er will uns zerstören, weil wir ihm nicht gefügig sind.“ Im November scheiterte ein Versuch Dogans, den Steuerstreit mit einem Vergleich beizulegen. EU-Erweiterungskommissar Olli Rehn kritisierte, die Steuerstrafen sähen „wie eine politische Sanktion“ aus. Kommissionspräsident Jose Manuel Barroso sah „Gefahren für den Pluralismus und die Freiheit der Presse“ in der Türkei.

Aber die Schützenhilfe aus Brüssel half nicht. Mit dem Rückzug aus der Konzernspitze gesteht Dogan jetzt indirekt ein, dass er den Machtkampf mit der Regierung nicht gewinnen kann. Einen Tag zuvor hatte bereits Ertugrul Özkök, seit 20 Jahren Chefredakteur des Dogan-Flagschiffs „Hürriyet“ und einer der schärfsten Regierungskritiker, seinen Hut genommen. In den vergangenen Wochen mussten überdies mehrere prominente Kolumnisten die Dogan-Zeitungen verlassen - auf Druck aus „politischen Kreisen“, wie es in Istanbul heißt.

Doch die Bauernopfer scheinen nicht gereicht zu haben. Jetzt geht der bisher allmächtige Chef - offenbar in der Hoffnung, damit doch noch einen Vergleich im Steuerstreit zu erreichen und sein Lebenswerk retten zu können. So lange die Milliardenforderungen des Fiskus im Raum stehen, dürfte allerdings die Suche nach ausländischen Partnern wie Springer kaum Erfolg haben. Von einem Zusammenbruch des Dogan-Imperiums könnte vor allem die konkurrierende Calik Holding profitieren. Wie Dogan ist sie vor allem im Medien- und Energiesektor tätig. An der Spitze von Calik steht übrigens ein Schwiegersohn Erdogans.



Den Kölner Stadt-Anzeiger im Abonnement erhalten JETZT BESTELLEN!
4 Wochen Kölner Stadt-Anzeiger zum Vorzugspreis. Sie sparen mehr als 35%.

Kölner Stadt-Anzeiger auf dem iPad


Anzeige


Bildergalerien


ksta-blogs.de


Kolumne


WAS.WANN.WO.


Hintergrund


Extra


Dienste