Von Elisabeth Harke, 07.01.10, 23:43h
Genau das will Regisseurin Anna Wahle zeigen: Den mühevollen Wandel vom Pott zur Dienstleistungsgesellschaft, der Wandel von der Bergarbeiterfrau zur Unternehmerin. Das Ruhrgebiet, ständig im Übergang. Stets auf der Suche nach einer neuen Identität. So heißt es, wobei es niemandem schwer fällt, zu Recht, dem Ruhrgebiet das Etikett „Fußball, Pommes Schranke, Schrebergarten“ und eben das der ewigen Baustelle anzuheften.
Dennoch, zur Ruhr2010, hat die ZDF-Redaktion von „Das Kleine Fernsehspiel“ noch mal nachgefragt: Was macht das Ruhrgebiet so unvergleichlich? Wahle gehört zu den sieben Nachwuchsregisseuren der Kunsthochschule für Medien Köln und der ifs internationale filmschule Köln, die mit ihren Episoden eine schlichte Antwort geben: Die Menschen. „Am Anfang stand tatsächlich die Angst vor diesen Klischees“, sagt Melanie Andernach von der Kölner Firma „Made in Germany“, die das Projekt produziert hat. Klischees, die einen zu weit weg führen könnten vom Ruhrgebiet, wie es heute wirklich ist. Dann folgten die Recherche und die Erkenntnis, dass es eben doch so ist, wie es sich jeder vorstellt.
Überraschend ist also nur, dass nichts überrascht. Erstens gehen alle Regisseure vor, wie es einer aus dem Ruhrgebiet tun würde: unprätentiös und kumpelhaft. Zweitens knüpfen sie an dem an, was immer war, weil es nichts wirklich Neues gibt. „Zeche is nich“, heißt der Titel des Films und ist so treffend, weil die Identitätssuche nach dem Ausschlussprinzip läuft. Die Post-Kohle-Ära ist die Zeit, in der an die Kohle-Ära erinnert wird und der Bergbau Kulisse für alles bleibt, was früher schon da war: Eben Fußball, Pommes Schranke und der Schrebergarten als Ort der vollkommenen Integration.
Nicht alle der Regisseure stammen aus dem Ruhrgebiet. Stephan Bergmann ist Österreicher. Ausgerechnet er, der Nostalgie völlig unverdächtig, lernt als Anhalter auf dem Ruhrschnellweg Typen wie Abziehbildchen kennen. Den Schalker mit Tattoo auf dem Oberarm: „Blau und Weiß ein Leben lang!“ Den bezopften Mechaniker, der uns zu anderen Autofanatikern führt, die erklären, dass zumindest die Tuner die Krise im Ruhrgebiet überlebt hätten. Wer glaubt da an Zufall?
Für Regisseur Johannes F. Sievert hat der Mythos Ruhrgebiet auch nichts an Anziehungskraft verloren. Er erinnert sich an den Klang von Extrabreits „Komm' nach Hagen, werde Popstar, mach' dein Glück“. Daran, dass es einen Schimanski nur in Duisburg hat geben können, weil er nur hier den Tatort mit dem Satz beginnen konnte: „Kein Schwanz ist so hart wie das Leben.“ So viel ehrliche Haut hat auch heute noch Fans.
Die Filmarbeit hat die Sicht der Regisseurin Corinna Liedtke auf ihre Heimat Castrop-Rauxel verändert. Früher war es die Stadt, die sie verließ, um in Köln loszulegen. Jetzt ist der Blick viel liebevoller. „Wenn ich sage, ich komme aus Castrop-Rauxel, ist das nicht mehr so komisch.“ In Köln bleibt sie natürlich trotzdem. Sie ist sich im Übrigen sicher, dass der Film anderswo nicht so leicht zu drehen gewesen wäre. Die Menschen aus dem Ruhrgebiet seien so offen, großzügig und dankbar für die Aufmerksamkeit. Auch stolz. Aber weniger auf die Hoch- als auf ihre Alltagskultur.
So ist dieser Film ein verrußtes Kaleidoskop geworden: Er zeigt eben Menschen aus dem Ruhrgebiet. Im Wandel. Authentisch. Parterre. Jenseits des Labels der „Metropole Ruhr“, das eher nach außen wirkt als nach innen. Das Glamour und vor allem eine Zentralität beschwören soll, die es nicht gibt. Vielleicht damit sich die Besucher nicht ganz so verloren fühlen, wenn sie durch das Gebiet fahren und nicht wissen, in welcher der 53 Städte sie sich gerade befinden. Liedkte ist sich sicher: „Metropole Ruhr? Meine Oma wüsste gar nicht, was das heißen soll.“
Zur Eröffnung des zweitägigen Kulturfestes „Glück Auf!“ am Samstag, den 9. Januar 2010 um 18 Uhr, wird „Zeche is nich“ in Halle 2 in Anwesenheit der Regisseure uraufgeführt und am selben Abend in zwei anschließenden Vorstellungen gezeigt.
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