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ARTE

In Stein gemeißelt

Von Tilmann P. Gangloff, 07.01.10, 22:50h, aktualisiert 08.01.10, 00:12h

Nach 17 Jahren erkennt der Kulturkanal ARTE, dass der TV-Abend um 20.15 Uhr beginnt. Auch andere Neuerungen verspricht der Sender. Das neue Programmschema startet am am 9. Januar mit dem zweiteiligen Fernsehfilm „Gier“ von Dieter Wedel.

Ulrich Tukur
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Ulrich Tukur als Akkordeon spielender Anlageberater in „Gier“ (Bild: ARD)
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Ulrich Tukur als Akkordeon spielender Anlageberater in „Gier“ (Bild: ARD)
Der Mensch ist ein Gewohnheitstier. Aber dass sich sogar Freizeitgewohnheiten über mehrere Generationen halten, ist schon ziemlich ungewöhnlich. Am 26. Dezember 1952 ist um 20 Uhr die erste Ausgabe der „Tagesschau“" ausgestrahlt worden, damals noch im NWDR, dem Vorläufer des ersten deutschen Fernsehens.1 Seither ist der Beginn der abendlichen TV-Zerstreuung wie in Stein gemeißelt: erst die Pflicht, dann die Kür. Zwar starten natürlich längst nicht mehr alle Haushalte ihren Fernsehfeierabend mit der "Tagesschau", aber abgesehen von einigen Kleinstsendern halten sich sämtliche Sender eisern an den 20.15-Uhr-Termin.

Am 9. Januar wird auch Arte nach über 17 Sendejahren sein Programmschema umstellen und die Hauptsendezeit um 20.15 Uhr beginnen, allerdings nur in Deutschland. In Frankreich startet die „Primetime“ später, in Südeuropa ohnehin, und in Deutschland genau genommen auch. Im vergangenen Jahr haben hierzulande im Schnitt die meisten Menschen um 21.10 Uhr vor dem Fernseher gesessen: exakt 30,96 Millionen Zuschauer ab drei Jahren. Bei der für die kommerziellen Sender relevanten Zielgruppe ist der Trend noch eindeutiger. Hier erreicht die Kurve, die im Tagesverlauf sanft und ab 18 Uhr ziemlich steil ansteigt, ihren Höhepunkt erst zwischen 21.30 und 21.35 Uhr: In diesen fünf Minuten hat das Medium die meisten Zuschauer zwischen 14 und 49 Jahren (12,50 Millionen).

Kein Zufall

Trotzdem betonen Sprecher sämtlicher Sender, die Hauptsendezeit beginne um 20 Uhr (beim ZDF sogar schon um 19 Uhr) und erstrecke sich bis 23 Uhr. Nun ist Programmplanung ohnehin eine Wissenschaft für sich ist, bei der Variablen entscheidend sind, von deren Existenz man als Zuschauer gar keine Ahnung hat. Daher ist es vielleicht in der Tat auch nur Zufall, dass mit der US-Serie „Dr. House“ (Marktanteil 2009: knapp 25 Prozent) und dem Quotenknüller „Bauer sucht Frau„ (im Schnitt fast acht Millionen Zuschauer) zwei der erfolgreichsten RTL-Sendungen erst um 21.15 Uhr anfangen.

Abgesehen davon sind die scheinbar mediterranen Verhältnisse kein neues Phänomen, wie Medienforscher erläutern: Der Höhepunkt der Fernsehnutzung liege völlig unabhängig vom Programm „immer schon“ bei circa 21 Uhr. Gegen 20.30 Uhr überspringt die Anzahl der Zuschauer die 30-Millionen-Marke, 75 Minuten später sinken die Zahlen wieder. Das sind allerdings Durchschnittswerte; im Winter ist das Publikum größer, im Sommer kleiner. Die Jahreszeiten haben naturgemäß auch Einfluss auf den Einschaltpunkt; bei schönem Wetter bleibt man länger draußen.

Aber selbst am späteren Abend sind die Auswirkungen der „Tagesschau“ noch spürbar. Der Fixpunkt 20.15 Uhr wirkt sich auf das komplette Programmschema aus und hat zu dem Unikum geführt, dass auch die Umschaltzeitpunkte überwiegend jeweils um viertel nach liegen. Das gilt vor allem für die Privatsender, deren Serienfolgen brutto stets eine kommerzielle Stunde dauern: 45 Minuten für die Episode, zwölf Minuten für die Reklame, drei Minuten für die Eigenwerbung. Sat 1 scheiterte vor 15 Jahren ziemlich kläglich mit dem Versuch, diese Gewohnheit aufzubrechen. „Volle Stunde, volles Programm“, tönte der Sender damals, um 15 Monate später kleinlaut zum alten Schema zu rückzukehren. Auch das ZDF machte in dieser Hinsicht eine leidvolle Erfahrung: Als Reaktion auf eine kleine Reform der ARD wurde 2005 die erste Freitagskrimiserie verkürzt, damit die zweite schon um 21 Uhr beginnen konnte. Leidtragender war die Produktionsfirma UFA, deren Serie „Soko Leipzig“ bis dahin davon profitiert hatte, dass um 21.15 Uhr „Wer wird Millionär?“ (RTL) endete. UFA-Medienforscher Rainer Hassenewert hat ohnehin seine Zweifel, dass die Arte-Umstellung zum erhofften Erfolg führen werde: „Die Zuschauer des Kulturkanals sind in der Regel Selektivseher, die ganz bewusst ein bestimmtes Programm ausgewählt haben.“

Arte-Programmdirektor Christoph Hauser hofft natürlich dennoch, dass die Anpassung nicht nur den Stellenwert, sondern auch den Marktanteil des Senders hebt; der liegt bislang bei unter einem Prozent. Auch sonst beginnt Arte das Jahr mit einigen Innovationen. Auffällig ist die Kombination von Nachrichten und Kultur: Aus „Arte Info“ und „Arte Kultur“ wird das „Arte Journal“ (19 Uhr). Hauser erwähnt als Beispiel die Verhaftung von Star-Regisseur Roman Polanski, um zu verdeutlichen, dass man manche Themen „nicht nur kulturell oder nur politisch aufziehen„ könne; daher habe man die klassische Trennung zwischen Politik- und Kulturnachrichten aufgehoben. Bislang gestaltete der Sender sein Programm um 20.15 Uhr vorzugsweise mit Doku-Soaps; nun gibt es statt dessen Spielfilme (am 15. Januar zum Beispiel Dieter Wedels neuen Zweiteiler „Gier“), hochwertige Dokumentationen sowie die Themenabende.



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