Von Campino, 16.01.10, 08:41h
Ein Foto aus seinem jüngst erschienen Bildband „Photographs 1961 - 67“. 546 Seiten dick, zehn Kilo schwer, bräuchte man fast vier Arme, um es gleichzeitig halten und durchblättern zu können. Hopper selbst hat diese opulente Werkschau sein „Vermächtnis“ genannt - was durch die aktuellen Meldungen über seine schwere Krebserkrankung noch eine ganz andere, beunruhigende Bedeutung bekommt. Die Neugier trieb den Fotografen Hopper in den 60ern überall hin - über die Grenze nach Mexiko, vorbei an den Billboards der Highways, zu politischen Kundgebungen von Martin Luther King, in die Kunst-Galerien, die Rock-Szene, an Drehorte und auf Hollywood-Partys. Ein Wanderer zwischen Schein und Sein. Neben den Bildern, die der Fotograf Hopper gemacht hat, zeigt das Buch auch zahlreiche Fotos, die andere von dem Schauspieler Hopper gemacht haben. Ein ungezähmtes Leben in Bildern, wir blättern uns durch seine Jahrzehnte, sehen wie er sich verändert, die Jahre Spuren hinterlassen - und wie er doch immer Dennis Hopper bleibt.
Ich habe Dennis vor drei Jahren getroffen. Wir hatten zwei tragende Rollen in dem Wim-Wenders-Film „Palermo Shooting“. Dennis spielte den Tod, und ich war Finn, ein erfolgsverwöhnter Fotograf, der die Perspektive auf sein Leben verloren hatte. Natürlich kannte ich viele seiner Filme, „Easy Rider“, „Apocalypse Now“, „Blue Velvet“ und „Der amerikanische Freund“. Ich kannte auch viele Hopper-Mythen - von den genialen Höhenflügen bis zu den großen Abstürzen, Anekdoten, die von einem Bierkonsum von 30 Flaschen am Tag und Härterem erzählten. Ich persönlich habe ihn als sehr höflichen, kollegialen und offenen älteren Herren erlebt. Ich wusste, dass er ein guter Fotograf war. Wie gut er war, habe ich allerdings erst begriffen, nachdem ich seinen opulenten Fotoband „Photographs 1961 - 67“ gesehen habe.
In der Kunstszene und im Feuilleton ist der Fotograf Hopper längst eine feste Größe. Aber in der allgemeinen Wahrnehmung ist er vor allem der geniale Schauspieler und Regisseur. Die Foto-Werkschau zeigt erstmals zusammenhängend, was für ein begnadeter Geschichtenerzähler er auch als Fotograf ist. Wir haben uns während der Dreharbeiten von „Palermo Shooting“ viel über Fotografie unterhalten. Fotografie ist im Film ein wichtiges Thema. Es gibt diese Szene, in der ich ein Porträt-Foto vom Tod schießen soll. Dennis spielt das voll aus, gibt sich wie ein morbides Model: „Come on, now, take a picture of me.“ In diesem Moment schien er seinen beiden Passionen - Schauspielerei und Fotografie - sehr nah zu sein. Hopper ist zwar meistens ein entspannter Zeitgenosse. Aber das kann sich von einem Moment auf den anderen ändern.
Ich erinnere mich an einen Augenblick, kurz vor Beginn der Dreharbeiten: Wir hatten gerade noch mal über seine Rolle gesprochen, dann verschwand er plötzlich in der Maske. Und kam dann lange, sehr lange, einfach nicht wieder heraus. Am Set wurden alle unruhig. Plötzlich ging die Tür auf und ein völlig kahler Dennis Hopper stand vor mir. Er hatte sich alle Haare abrasiert, sogar die Augenbrauen. „Findest du nicht auch, dass der Tod irreal aussehen muss?“, fragte er mich mit einem Augenzwinkern. Es war eine atemraubende Darstellung vom Tod - wir waren alle geschockt, weil von dieser Radikalrasur überhaupt nicht die Rede war. Eine Konsequenz, wie er sie auf ähnliche Weise auch in seiner Fotografie immer wieder zur Kunst erhoben hat.
Die Fotos von Dennis beziehen ihre Strahlkraft aus dem wahren Leben, oft auch, wenn man so will, aus dem prallen Leben. Ganz gleich, ob er die hoffnungslosen mexikanischen Wanderarbeiter zeigt oder Jane Fonda als Bogenschützin im Bikini. Man spürt, dass die porträtierten Menschen nicht wirklich damit rechnen, in diesem Moment fotografiert zu werden. Solche Bilder haben etwas Direktes, Unverfälschtes, das mich fasziniert.
Um solche Momente festzuhalten, musst du einerseits frech sein, andererseits aber auch charmant und höflich, damit man dir deine Rücksichtslosigkeit nicht übel nimmt. Foto-Künstler wie Dennis beherrschen die Kunst dieser Grenzüberschreitungen spielerisch, sie wissen, wie weit sie gehen können, um noch dieses eine Bild zu machen, das sich von allen anderen unterscheidet. In Palermo habe ich ihn beobachtet, wie er in den Drehpausen fotografierte, die Stadt mit der Kamera für sich entdeckte. Er war immer beides, Schauspieler und Fotograf, Akteur und Beobachter.
Ich habe mich mehrere Jahre immer wieder mit Fotografie beschäftigt. Zunächst, weil ich in den letzten drei Jahrzehnten selbst tausendfach fotografiert worden bin und viele Abläufe kenne. Ich war zu unterschiedlichen Zeiten mit zwei Fotografinnen - Gabo und Slavica - liiert und habe dabei viel über die Möglichkeiten, aber auch die Zwänge dieses Berufs erfahren.
Ich habe Fotografen wie Dennis Hopper immer bewundert für dieses Talent, Menschen, Ereignisse oder Gegenstände so abzubilden, das sie beim Betrachter einen Film, eine Geschichte entstehen lassen. Aber um das zu erreichen, fehlt mir dieser Instinkt, der Antrieb, mich einen Schritt näher heranzuwagen, um irgendetwas einzufangen. Du musst auf gewisse Weise frech und aufdringlich sein. Ich habe als Fotograf zu viel Respekt.
Dennis Hopper fängt diese magischen Augenblicke ein. Vor allem in seinen Porträts holt er unglaublich viel aus den Gesichtern der Menschen heraus, zeichnet Gesichtslandschaften, in denen man sich verlieren kann.
Seine Porträts von Film-, Kunst- und Rock-Stars wie John Wayne, Dean Martin, Andy Warhol oder Brian Jones haben noch mal eine andere Dimension - sie sind gewissermaßen Sinnbild für das duale System Hopper, das Schauspieler und Fotograf vereint.
Im Grunde ist er in dieser Kombination ein Unikat - man könnte sagen ein Celebrity-Fotograf im doppelten Wortsinn. Obwohl er als Rebell oft bei den Studio-Bossen in Ungnade gefallen war und auf Schwarze Listen gesetzt wurde, ist er trotzdem immer ein Teil dieser nicht nur schönen Scheinwelt geblieben. Warum? Weil er von seinen Kollegen wie James Dean oder Paul Newman respektiert und geliebt wurde. Vielleicht auch, weil sie erkannten, dass er nicht nur vor, sondern auch hinter der Kamera ein Künstler war, der in ihnen etwas anderes sah und zu Tage förderte als all die Auftragsfotografen der Hochglanzmagazine. Er konnte sich Stars wie John Wayne oder Paul Newman auf eine ganz andere Weise nähern, weil er einer von ihnen war.
Die Schauspielerin Joanne Woodward, die Frau des verstorbenen Paul Newman, hat mal über Hopper gesagt: „Dennis ist ein Genie, ich weiß nicht, warum, aber es ist so.“ Das würde ich jederzeit unterschreiben.
Am Ende der Dreharbeiten in Palermo haben wir uns innig umarmt - die Arbeit mit ihm gehört zu den schönsten Erlebnissen, dich ich im Zusammenhang mit Schauspielerei je hatte. Statt mich an die Wand zu spielen, hat er mich mitgerissen, getragen, geleitet. Ich werde das nie vergessen. Doch bei aller Höflichkeit und Souveränität, die ihn so auszeichnen, kam doch immer wieder mal der Freak in ihm zum Vorschein, der wilde Empfindsame, der sich nie wirklich zähmen lässt.
Als wir an einem Abend alle in einer Bar in Palermo zusammensaßen und Bergfest feierten, war Dennis auch bis spät in die Nacht mit dabei. Wir ließen einen Joint kreisen, er schnappte ihn sich, nahm einen tiefen Zug - und verzog das Gesicht: „There´s nothing in it - da ist ja gar nichts drin.“
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