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Django Reinhardt

Die linke Hand Gottes

Von Martin Woltersdorf, 22.01.10, 00:59h

Als Musiker galt Django Reinhardt als ein Naturgenie mit einem unverwechselbaren Ton. Als Mensch war der Gitarrist ein Despot, ein King. Spielerisch indes beherrschte er alles. Am 23. Januar wäre er 100 Jahre alt geworden.

Django Reinhardt
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Django Reinhardt konnte links nur drei Finger bewegen. (Bild: Roger Violett)
Django Reinhardt
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Django Reinhardt konnte links nur drei Finger bewegen. (Bild: Roger Violett)
Der Wohnwagen brannte lichterloh. Eine Kerze hatte ein Plastikblumengebinde entzündet, was die Katastrophe auslöste. Die Flammen erfassten das Paar. Die Frau schlüpfte mit angesengten Haaren und viel Glück ins Freie. Den Mann traf es schlimmer, dennoch konnte auch er sich retten. Es ist der Gitarrist Django Reinhardt, ein Zigeuner, gerade mal 18 Jahre jung. Er verdiente zu der Zeit noch Lehrgeld in den Tanzsälen und Cafés der französischen Hauptstadt Paris, im Dreivierteltakt der bal-musette.

Der damals gewichtige Orchesterchef Jack Hylton hatte ihn soeben unter Vertrag genommen, doch da ereilte Reinhardt das Unglück in voller Härte. Die rechte Körperseite war vom Knie bis zur Hüfte von Verbrennungen gezeichnet. Die Ärzte wollten ihm ein Bein abnehmen, Reinhardt sagte nein. Die linke Hand war schwer verletzt, zwei Finger hatten sich versteift -der kleine und der Ringfinger - ohne Chancen auf Heilung. Für jeden anderen professionellen Gitarristen wäre dies das Ende gewesen, nicht aber für Django Reinhardt.

Nach 18 Monaten trat Reinhardt wieder auf, er hatte seine Grifftechnik verändert und dabei eine halsbrecherische, unkonventionelle Virtuosität („Cross-Fingering“) entwickelt.

Geboren wurde Jean (Baptiste), so sein bürgerlicher Vorname, am 23. Januar 1910 in Liberchies nahe der belgischen Stadt Charleroi. Mutter und Vater gehörten einem Zigeunerclan an, Artisten, Komödianten, Musiker, kurz: „Cousins“, die von Ort zu Ort zogen. Das Erlernen von Lesen und Schreiben blieb da auf der Strecke. Unterricht gab es, wenn überhaupt, „auf Rädern“. Im Alter von 12 Jahren schenkte ihm ein Nachbar eine Gitarre. Er spielte nach Gehör und den musikalischen Einflüssen ringsum. Vorbilder existierten nicht.

Mit 13 stand er zum ersten Mal auf einer Bühne. Mit 14 hatte er feste Engagements, er nennt sich „Jiango Renard“. Schon da bahnte sich eine Wunderkind-Laufbahn an, gestoppt freilich durch das Feuer, zunächst jedenfalls.

1930 entdeckt Reinhardt den Jazz. Pianist Stephen Mougin, seinerzeit Paris' erster Jazzmusiker, reihte ihn ein in seine Band. Und er förderte ihn. 1931 schloss sich Django mit seinem Bruder Joseph der Tanzkapelle des Bassisten und Akkordeonisten Louis Vola an.

Längst hatte sich die außergewöhnliche Saitenkunst Django Reinhardts herumgesprochen. Jean Cocteau bewunderte ihn, ebenso der Maler und Bohemien Emile Savitry. Der machte Pierre Nourry, Sekretär eines kurz zuvor gegründeten Vereins namens „Hot Club de France“ - eine Gemeinschaft Jazzinteressierter - auf ihn aufmerksam. Im Orchester Michel Warlops, dem Django in jenen Tagen beiwohnte, saß auch Stéphane Grappelly (noch mit „y“ am Ende), den er bereits kannte und schätzte. Beide scherten aus und gründeten unter der Obhut des „Hot Club“ ein reines String-Quintett, mit drei Gitarristen (eine Weltpremiere), einem Bassisten und Violinisten - das Quintette du Hot Club de France.

Das Geschichte schreibende Ensemble der europäischen Swing-Ära war geboren. Und es klang anders als alles was aus den USA importiert wurde - fließender, eleganter, leichter.

Als Musiker galt Django Reinhardt zeitlebens als ein Naturgenie, mit einem unverwechselbaren Ton. Als Mensch war er ein Despot, ein King, der nach Gutsherrenart Verträge, Vereinbarungen und sonstige Verpflichtungen oft negierte oder nur widerwillig erfüllte.

Spielerisch indes beherrschte er alles: Das Oktav-Spiel zwischen Einzelton- und Akkordprogressionen, die virtuose Vibrato-Technik, die rasanten Harmoniewechsel, das „bending“ der Saiten und die Halbtonverschiebungen. Dies alles gepaart mit viel Gefühl und schier unerschöpflicher Fantasie. Und vollzogen mit lediglich drei beweglichen Fingern an der Greifhand, seiner linken Hand, der eines Gitarren-Gottes.

Django Reinhardt starb unerwartet am 16. Mai 1953, erst 43 Jahre alt, an den Folgen eines Hirnschlags. Vorher schon hatte er Pausen eingelegt, die Musik bedeutete ihm nicht mehr soviel, er malte lieber oder saß stundenlang an einem Fluss und angelte. Gleichwohl: Das ergreifendste Requiem für ihn in Erinnerung an einen begnadeten Musiker schrieb John Lewis, Kopf des Modern Jazz Quartetts, mit dem Titel „Django“. Dieses Stück reflektiert tiefgreifend die traurige Grazie eines Unzähmbaren.



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