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Big Brother

Quelle der Bekenntniswut

Von Tilmann P. Gangloff, 08.01.10, 20:33h

„Big Brother“ hat im Laufe der Jahre das Fernsehen verändert. Lange galt die Sendung aus Holland als Sündenfall, dabei wäre sie längst bloß noch eine Fußnote in der Fernsehgeschichte, wenn RTL 2 das Format nicht immer noch künstlich am Leben erhalten würde.

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Big Brother wird zehn. (Bild: dpa)
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Big Brother wird zehn. (Bild: dpa)
Köln - Als der Amerikaner Richard Sennett vor mehr als dreißig Jahren ein Buch über „Verfall und Ende des öffentlichen Lebens“ schrieb, prägte er einen Begriff von beinahe prophetischer Kraft: die Tyrannei der Intimität. In seinem 1977 erschienenen Werk beschreibt der Soziologe die Entwicklung westlicher Gesellschaften, in denen wichtige Fragen mehr und mehr in den Hintergrund gedrängt werden: weil der öffentliche Raum durch Themen besetzt wird, die eigentlich ins Privatleben gehören.

Nicht mal zwanzig Jahre später wurde auch in Deutschland klar, was Sennett meinte: In täglichen Talkshows brachten Moderatoren wie Hans Meiser, Jürgen Fliege oder die kürzlich verstorbene Ilona Christen ihre Gäste dazu, die je nach Temperament schockierten oder entzückten Zuschauer an allen möglichen schlüpfrigen oder peinlichen Details teilnehmen zu lassen. Rasch wurde Sennetts Schlagwort von der „Tyrannei der Intimität“ zum Sammelbegriff für die Bekenntniswut am Nachmittag.

Im Rückblick lässt sich erkennen, dass dieses Missverständnis des Sponti-Spruchs „Das Private ist politisch“ Teil einer Entwicklung war. Logischer nächster Schritt wäre eigentlich der Gegenbesuch gewesen: Nachdem die Menschen im Fernsehen waren, hätte nun das Fernsehen zu den Menschen kommen müssen. Doch so weit war die Gesellschaft offenbar noch nicht; dafür musste erst „Big Brother“ sorgen. Lange galt die Sendung aus Holland als Sündenfall, dabei wäre sie längst bloß noch eine Fußnote in der Fernsehgeschichte, wenn RTL 2 das Format nicht immer noch künstlich am Leben.

Im Jahr 2000 aber war „Big Brother“ ein Medienereignis. RTL 2, ein bis dahin völlig unbedeutender Privatsender, der sich mit billigen Reportagen und niedrigklassigen Sexfilmchen erfolgreich ein Ballermann-Image erworben hatte, hatte den Stein bloß anstoßen brauchen. Schon allein die Ankündigung, zehn Menschen in eine Containerwohnung zu sperren und rund um die Uhr zu beobachten, löste eine mit ungewohnter Schärfe geführte öffentliche Diskussion aus. Wie immer, wenn ein Sender vermeintlich oder tatsächlich ein Tabu bricht, sorgte die Empörung von Politikern und Kirchenvertretern für die kostenlose Reklame, die dem Sender noch gefehlt hatte. Stein des öffentlichen Anstoßes war natürlich die permanente Beobachtung; selbst auf dem Klo waren die Teilnehmer nicht vor den Kameras geschützt. Wie immer in solchen Fällen entpuppte sich die öffentliche Reaktion jedoch als Strohfeuer, das rasch in sich zusammenfiel. Und da es den Einschaltquoten des Extremformats nicht anders ging, zumal sich auch die Konkurrenz an den Trend anhängte (am abschreckendsten: „Girls Camp“, Sat 1), mussten alsbald die Bedingungen verschärft werden. Zwischendurch wurde auch mal „Klassenkampf“ gespielt (Staffel 5, arm gegen reich); die ursprünglich auf unbefristete Zeit angesetzte sechste Staffel endete nach einem Jahr. Davon abgesehen aber war auch „Big Brother“ nur ein weiteres Kapitel im steten Bemühen gerade der kommerziellen Sender, die Zuschauer noch enger ans Programm zu binden. „Menschen beteiligen sich an Spielsituationen und werden dabei beobachtet: Das gehört längst zum täglichen TV-Programm, von anteilnehmenden Doku-Soaps wie Frauentausch bis zu den Casting-Shows“, stellt der Marburger Medienwissenschaftler Gerd Hallenberger fest. Tatsächlich füllen ProSieben und stärker noch RTL den ganzen Nachmittag mit Formaten, die den Zuschauern scheinbare Authentizität vorgaukeln; Sendereihen wie „Super Nanny“, „Einzug in vier Wänden“ oder „Bauer sucht Frau“ garantieren auch am Abend intimere Einblicke, als einem vielleicht lieb ist.

Hallenberger sieht eine klare Entwicklung von „Big Brother“ zu den Doku-Soaps der Privatsender: „Das Fernsehen versucht, sich so nah wie möglich an Alltagsthemen entlang zu bewegen.“ Und weil die Branche solchen Effekten gern griffige Begriffe gibt, lautet die Sammelbezeichnung für diese Formate „Proximity-TV“, was man mit „Nachbarschaftsfernsehen“ übersetzen könnte: der Einblick in die fremden vier Wände als Ersatz für die Plauderei am Gartenzaun oder den Besuch in der Wohnung nebenan.



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