Von Michaela Krüger, 15.01.10, 15:12h, aktualisiert 23.03.10, 07:18h
Dieses Statement schreibt Kai Müller, 32 Jahre, in seinem Blog StyleSpion, in dem es um Inneneinrichtung geht, um Fotografie, Design und Musik, um die freundlichen Dinge des Lebens. Zunächst war es ein Hobby, das Kai Müller neben seinem Job in einer Internetagentur betrieb. Erst lernte er Speditionskaufmann, danach wurde er, was er heute ist: Webdesigner, Suchmaschinenoptimierer und, wie er sagt, „Usability-Fanatiker“. Zehn Jahre arbeitet er jetzt im und für das Netz, und im Kopf wanderten immer häufiger die Gedanken umher, dass das an Erfahrung genug sein sollte.
Kai Müller lässt also seinen Vertrag auflösen, macht sich selbständig und bedient seine Homepage StyleSpion hauptberuflich. Manchmal funktionieren Businesskonzepte sehr einfach. Die Werbekunden lieben Kai dafür, dass er Alltägliches so hübsch präsentiert. Die Leser auch. Und die großen Möbelfirmen erst recht. Einen besseren Trendscout könnten sie kaum bekommen.
Das Leben, ganz normal und ungeschminkt
Auf Kai Müllers Seite versammelt sich das Leben. Ganz normal und ungeschminkt. Am besten zeigt das seine Rubrik „Zuhause bei Besu-chern“. Sie kommt daher als ein kunterbunter Mix aus Bildern. In einer Slide-Show hüpft das Dasein im 30-Sekunden-Takt am Betrachter vorbei, sie gewährt Einblicke in die Wohnungen von Menschen wie du und ich. Auf einem Foto springt gerade das Brot aus dem Toaster, auf dem nächsten ist eine lange Tafel festlich eingedeckt, auf der weißen Spitzendecke findet sich Omas Silberbesteck neben roten, gelben und blauen Tellern. Bei wem auch immer welkt eine Rose in einer 70er-Jahre-Vase vor sich hin. Ein alter Sessel, neu bezogen, hat sich neben die hohe Tür des Altbaus positioniert. Die Decken sind hoch, die Holzdielen abgenutzt. Wir sehen Räume und Möbel und Licht und Lampen und Chaos und Ordnung und Stapel von Büchern, eine Katze, die herumspringt und eine Pflanze der Gattung Dracaena fragrans, welche jemand vor vier Jahren im Müll fand, die heute aber, zweieinhalb Meter gewachsen, stolz in einem Raum steht. Unsere virtuellen Nachbarn wohnen nur einen Mausklick von uns entfernt, vielleicht direkt nebenan, vielleicht irgendwo in einem Haus in Niederbayern, dort, wo diese Bank vor dem Haus steht, mit diesen bunten Kissen darauf. Ja, genau die, guck mal, Schatz, die haben wir doch auch, oder?
„Im Normalen finden wir uns alle wieder. Zwangsläufig“, sagt Kai Müller. „Viele Dinge sind schön, aber sie gehen einfach an uns vorbei. Es ist keine Kunst, eine tolle Lampe zu kaufen, wenn man dafür 2000 Euro zur Verfügung hat. Aber wer hat das denn?“ Kai Müller ist ein ruhiger Typ, Kapuzenpullover, Dreitagebart. Fragen begegnet er zunächst mit einer Pause, während er in seinem Pfefferminztee rührt. Zuhause bedeutet für ihn aktuell eine Drei-Zimmer-Wohnung in Köln. Ein Raum dient als Büro, wobei, es ist eigentlich nur ein Schreibtisch, eine Holzplatte, die auf Metallfüßen steht, auf der sich zwei Bildschirme finden, auf denen ständig neue Fotos, neue Kommentare, neue Selbstbauanleitungen einlau-fen. 7000 bis 10 000 E-Mails erreichen Kai Müller jeden Tag, die Reichweite von StyleSpion wird immer größer, in Deutschland ist es die erste Internetadresse, wenn es um Wohnen und Einrichten geht.
StyleSpion wurde zum Trendbarometer in Zeiten, in denen Produktspionage zum Alltag gehört. Auf Möbelmessen, in Unternehmen, im Netz. Der Markt ist hart umkämpft, vor allem in Deutschland, das in Europa als Wohnland Nummer eins gilt. Noch nie waren die eigenen vier Wände so wichtig wie im vergangenen Jahrzehnt, den Nullerjahren zwischen 9/11, Jobverlusten und Finanzkrise. Bis zum Abwinken haben die Stil-Adepten das Cocooning beschworen, die neue Lust am Einspinnen in den eigenen vier Wänden. Die Welt mag um uns herum zusammenbre-chen, zu Hause beamen wir farbige Ornamente an die Wand, die Strenge des Edelstahlkühlschranks wird mit einem Hirschgeweih gebrochen, das Sofa nimmt die Dimensionen einer Liegelandschaft ein. Jeder Bundesbürger besitzt im Schnitt 10 000 Gegenstände. 300 000 Neupro-dukte kommen jedes Jahr auf den deutschen Markt. 70 Prozent erweisen sich als Flop.
Als Ikea zu Kai Müller reiste
Da kann man schon mal auf die Idee kommen, aus England anzureisen, um einen umgebauten Schreibtisch zu fotografieren. Die Anleitung dazu hatte Kai Müller auf seine Seite gestellt, die Schweden haben es gesehen, angerufen – und ein zehnköpfiges Team aus Großbritannien vorbeigeschickt. Eine Woche lang haben sie zuerst seinen Schreibtisch, der inzwischen ein anderer ist, abgelichtet, dann die Wohnung dekoriert, ausgeleuchtet, fotografiert, umgestellt, in Position gerückt, eine Home-Story daraus gemacht, wie Wohnen heute geht. Die Geschichte konnten 16 Millionen Leser im „Family-Magazin“ nachlesen. Wohnst du noch, oder lebst du schon?
Vielleicht ist es diese Geschichte vom Schreibtisch, die ganz vieles erzählt. Ikea, der Gewinner der Möbelbranche, der selbst in krankenden Zeiten 21,5 Milliarden Euro Umsatz macht, so viel wie nie zuvor – Ikea, das beständig Ideen gebiert und ebenso beständig welche abkupfert, kommt zu Kai Müller nach Hause. Weil der einen Schreibtisch zusammenbastelt. Und sich die Idee einer Wahnsinnsbeliebtheit erfreut.
Neue Instanzen in Einrichtungsfragen
Beobachter wie Kai Müller oder Todd Selby sind dank des World Wide Web zu neuen Instanzen in Einrichtungsfragen geworden. Seit an-derthalb Jahren ist theselby.com online, ein Projekt des Fotografen Todd Selby. Der „Scott Schuman des Interior Designs“ wird er mittlerweile genannt. Während Blogger Scott alias „The Sartorialist“ die erste Internetgröße in Modefragen ist, die das Londoner „Time Magazine“ gerade unter die Top 100 der „Design influencers“ gewählt hat, weiß Todd Selby, wie man heute wohnt. Dafür hat der Starfotograf andere Projekte hintenangestellt, Fotostrecken für die „Vogue“ etwa, und reist quer durch die Welt, um Menschen in ihren mehr oder weniger aufgeräumten Wohnungen abzulichten. Die Hauptdarsteller, Prominente wie Nichtprominente, zeigen sich meist in großen Strickjacken, in Baumwollkleidern, gerne tragen sie auch legere T-Shirts zur Markenjeans. Und genauso wohnen sie. Im Stilmix. Nonchalant, extravagant, mit Gefühl. Man macht sich locker, lässt sich Stil nicht vorschreiben. Weil man sich eigentlich gar nichts vorschreiben lassen möchte.
Die Bilder wirken intim, ganz als sei ein befreundeter Fotograf überraschend vorbeigekommen, hätte den Bewohner aus dem Bild geschoben oder auch nicht und dann abgedrückt. Was daran liegen mag, dass die Bilder genau so entstanden sind. Zumindest fast. Alle Fotos werden an einem Tag geschossen, ein Shooting dauert maximal zwei Stunden.
Hops, mit einem Klick sind wir drin, die Türen stehen offen wie nie zuvor. Wen das interessiert? Viele. Mehr als Tausende Wohnungen später gelten die simplen Fotoprojekte als süchtig machende Wohnvoyeuristen-Paradiese. Denn auf den meisten Motiven erkennt man sich, sein eigenes, ganz banales Leben wieder: sei es im schrabbeligen Parkett, in den nie beschrifteten Ordnern im Regal oder im Stuhl, der vielleicht vom dänischen Design¬papst Yngve Ekström stammt. Vielleicht aber auch einfach nur von Ebay.
Teil 2 - Designtrends: Wer lebt schon wie in einem Magazin?
Teil 3 - Designtrends: Zu viel des Lebens im Superlativ
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