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Interview

„Bin Laden lebt wie ein Mönch“

Erstellt 26.01.10, 18:34h

Der Terrorismus-Experte Rolf Tophoven sieht El Kaida geschwächt, keineswegs jedoch besiegt. Allerdings könnte der Jemen zu einem neuen Tummelplatz für das Terrornetz werden. Über den Verbleib von Osama bin Laden hat der Experte eine spezielle Theorie.

Osama Bin Laden
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Osama Bin Laden. (Bild: afp)
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Osama Bin Laden. (Bild: afp)
Rolf Tophoven
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Rolf Tophoven. (Bild: dpa)
Rolf Tophoven
Herr Tophoven, der verhinderte Anschlag auf ein Passagierflugzeug in Detroit hat weltweit die Gefahr durch El Kaida wieder ins Bewusstsein gerufen. Doch festzuhalten ist, dass es seit Jahren kein großes Attentat der Terrororganisation mehr mit vielen Todesopfern wie in London oder Madrid gegeben hat. Ist El Kaida durch den Anti-Terrorkrieg entscheidend geschwächt worden?

Rolf Tophoven: Die Führungsebene von El Kaida ist in der Tat empfindlich getroffen worden. Eine hierarchische Führungsstruktur gibt es nicht mehr. Die Behörden konnten einige Top-Terroristen ausschalten, zahlreiche Militärführer im pakistanisch-afghanischen Grenzgebiet wurden festgenommen. Der Planer des 11. September, Khalid Scheich Mohammed steht demnächst vor Gericht. Dennoch muss man betonen, dass es beim Kampf gegen El Kaida heute nicht mehr primär um vermeintlich operativ tätige Führungsfiguren wie Osama bin Laden oder seinen Vize Aiman el Sawahiri geht.

Welche Funktion haben die beiden noch?

Tophoven: Sie sind nur noch Impulsgeber, welche die theoretischen Vorgaben für die mittlere Kommando-Ebene für das Terrornetz machen, das sich auf vier zentrale Regionen verteilt: Das afghanisch-pakistanische Grenzgebiet, Irak, Jemen, wo die jemenitische mit der saudischen El-Kaida-Zelle verschmilzt, und die El Kaida für den islamischen Maghreb, wobei der Schwerpunkt in Algerien liegt. El Kaida ist zwar personell dezimiert, hat sich aber geografisch weit verteilt, was den Anti-Terror-Kampf erschwert. Die terroristische Idee - Angriffe gegen den Westen, der Kampf gegen die Ungläubigen - ist aber weiter ungebrochen. Dass es in den letzten Jahren nicht mehr zu schweren Anschlägen gekommen ist, hat vor allem zwei Gründe: Erstens sind die internationalen Sicherheitsbehörden trotz der schweren Panne in Detroit insgesamt gut aufgestellt. Man weiß heute viel über den radikalen Islam. Zweitens hatten wir ganz einfach auch Glück.

Mit welchen Mitteln bekämpfen Regierungen und Geheimdienste El Kaida?

Tophoven: Ohne nachrichtendienstliche Erkenntnisse gibt es so wie keine Chance, die Terroristen und ihre Hintermänner zu finden. Neben der elektronischen Aufklärung ist das Einschleusen menschlicher Quellen in die Terrorszene ein entscheidender Faktor. Ich sage aber auch ganz deutlich: Am gefährlichsten ist immer noch der lange Zeit völlig unbehelligt lebende Mensch, der sich durch die Idee von El Kaida inspiriert fühlt und urplötzlich zum Terroristen wird. Also genau die Person, die nicht auf den Fahndungsschirmen der Verfassungsschützer auftaucht. Das klassische Beispiel sind die Kofferbomber von Köln. Die kannte zunächst keiner.

Attentäter müssen rekrutiert werden, Bombenmaterial muss beschafft werden. Terroranschläge kosten Geld. Was weiß man über die Finanziers im Hintergrund?

Tophoven: Es wird immer wieder behauptet, man müsse die Finanzquellen stopfen, um den Terror zu besiegen. Ich bin der Meinung, dass Terrorismus - so zynisch das klingt - ein low-cost-business ist. Für die Anschläge vom 11. September mussten die Drahtzieher schätzungsweise 500 000 Dollar aufwenden. Wenn man bedenkt, dass die Operation Milliardenschäden verursacht hat und Millionen Menschen auf der Welt in Angst und Schrecken versetzt wurden, waren die Investitionen für die El Kaida Peanuts. Aus der Perspektive der Täter ist der Terrorismus ein ausgesprochen billiges Geschäft. Die Wirkung, die sie erzielen, ist um ein vielfaches größer.

Was macht es so schwer, Osama Bin Laden zu fassen?

Tophoven: Die Geheimdienste gehen davon aus, dass Osama Bin Laden noch lebt. Es wird immer wieder vermutet, dass er sich im pakistanisch-afghanischen Grenzgebiet aufhält, auch wenn das nicht absolut sicher ist. Es ist deswegen so schwer ihn zu fassen, weil er angesichts der massiven elektronischen Überwachung durch US-Satelliten in der Region kein Handy mehr benutzt. Zu ortende elektronische Medien setzt er nicht mehr ein. Die Kommunikation läuft über Kuriere - vom Mund ins Ohr. Es ist möglich, dass bin Laden in geradezu franziskanischer Einfachheit wie ein Mönch in einer Höhle haust.

Vom wem wir er gedeckt?

Tophoven: Meine These: Möglicherweise lebt er in der Obhut eines pakistanischen Stammesführers, der Osama bin Laden zu Dank für früher geleistete Hilfe verpflichtet ist. Die in der Grenzregionen ansässigen Paschtunen haben einen Ehrenkodex, der sie dazu verpflichtet, einem Hilfesuchenden Schutz zu gewähren - selbst wenn er ein Mörder ist. Einer anderen Vermutung zufolge wird bin Laden von einer absolut loyalen Bodyguard-Truppe beschützt, die aus bis zu 100 Arabern besteht. Sie sollen bereit sind, bin Laden bis zum Tod zu verteidigen.

Haben Sie die Befürchtung, dass der Jemen zu einer neuen Brutstätte für El Kaida wie einst Afghanistan?

Tophoven: Es ist sehr wahrscheinlich, dass jetzt, wo sich die Situation im Irak langsam beruhigt, der Jemen zu einer neuen Anti-Terror-Front der USA wird. Die Amerikaner haben die Absicht, die schwachen jemenitischen Sicherheitskräfte massiv zu unterstützen. Es wird geheime Operationen mit dem militärischen Arm der CIA geben. Eine offenkundige Truppenpräsenz wie in Afghanistan ist aber nicht zu erwarten. Die USA werden alles versuchen, El Kaida im Jemen entscheidend zu schwächen. Denn die militanten islamistischen Milizen im etwas weiter südlich gelegenen Somalia sind Verbündete der jementischen El-Kaida-Zellen. Die Seestraßen in der Region könnten zum Operationsfeld für eine extrem gefährliche Entwicklung werden, wenn El Kaida im Jemen nicht rasch eingedämmt wird.

Das Gespräch führte Dogan Michael Ulusoy



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