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Antisemitismus-Forscher Benz

„Mir schlägt Hass entgegen“

Erstellt 24.01.10, 18:04h, aktualisiert 25.01.10, 09:57h

Wolfgang Benz ist renommierter Antisemitismus-Forscher. Mit seiner Aussage, Teile der Islamkritik wiesen Parallelen mit antisemtischen Tiraden auf, hat er sich regelrecht Feinde gemacht. Im Interview verteidigt er seine Auffassungen.

Wolfgang Benz
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Wolfgang Benz. (Bild: dpa)
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Wolfgang Benz. (Bild: dpa)
Herr Benz, Sie sagen, Islamkritik habe historische Parallelen mit antisemtischen Tiraden und kritisieren „so genannte Islamkritiker". Doch an wen richten Sie Ihren Vorwurf?

WOLFGANG BENZ: Ich meine keine bestimmten Personen. Ich agiere in keinem Freund-Feind-Schema. Ich mache auf eine Strömung in der Öffentlichkeit aufmerksam, die wie Antisemitismus nicht zu fassen ist. Wortführer sind nicht zu identifizieren. Es gibt ein gesellschaftliches Gespräch, nach dem Muster „die Moslems sind böse“ oder „die Juden sind geldgierig“. Meine Aufgabe als Wissenschaftler ist nicht, Feinde zu benennen, sondern den öffentlichen Diskurs zu beschreiben.

Sie vergleichen die heutige Auseinandersetzung um den Islamismus mit dem Berliner Antisemitismusstreit von 1879. Wer ist denn der Heinrich von Treitschke von heute? Eher der Publizist Henryk M. Broder oder eher die Islamkritikerin Necla Kelek? Wilders oder Rushdie?

BENZ: Muss ich das sagen? Muss ich das personalisieren? Muss ich das tun, was die tun, die meine Texte nicht lesen und mich als Feind outen und als Person bekämpfen? Mir kommt es darauf an, bestimmte Strukturen deutlich zu machen und deutlich zu machen, was ich an Parallelen sehe. Zum Beispiel Überfremdungsangst im Berliner Antisemitismusstreit und die heutige Abneigung gegen Moschee-Bauten. Es ist so schrecklich einfach zu sagen, der Treitschke war damals der böse Antisemit und heute ist es der X oder der Y, der den Hass gegen Muslime schürt. Mich interessiert, was sich als gesellschaftliches Gefühl ausbreitet. Diese stillschweigende gesellschaftliche Übereinkunft nach dem Muster „die Juden sind eben so“ meine ich. Ich will verhindern, dass sich eine solche Übereinkunft über die Muslime ausbreitet.

Ihr Kollege Julius Schoeps unterstellt Ihnen "hehre Motive", nennt Ihren Vergleich aber "gefährlich". Wo, so fragt er, tauchen in der Islamkritik die Muslime auf, die aus rituellen Gründen Kinder töten oder Brunnen vergiften? Er sagt quasi, dass Sie zwischen Xenophobie und Antisemitismus keinen Unterschied machen. Können Sie mit seiner Kritik etwas anfangen?

BENZ: Nicht viel. Das zeigt mir, dass er den Text nicht genau gelesen hat. Ich habe ja einen Hinweis gegeben. Wir definieren die katholische Kirche nicht über ihre Exzesse, wie die Hexenverbrennungen, die sie im Laufe der Zeit begangen hat. Bei den Muslimen wird es aber gemacht. Böse Dinge gibt es überall. Diese Dinge heranzuziehen, um die ganze Gruppe zu stigmatisieren, ist Freund-Feind-Denken.

Leugnen Sie denn, dass von Teilen der islamischen Welt eine reale Gefahr ausgeht und dass diejenigen, die sie personifizieren, sich nun mal auf den Koran berufen?

BENZ: Wie sollte ich das denn leugnen? Ich stehe in Berlin am Rednerpult und warne vor der Gefahr, die von Ahmadinedschad ausgeht. Ich finde drastische Worte gegen seine Holocaustleugnung.

Aber wo ist dann der Zusammenhang zwischen Islamkritik und dem Hass auf Juden, von denen eben keine reale Gefahr ausgeht?

BENZ: Ich starre nicht auf die einzelne böse Figur. Ich verstehe den Antisemitismus als eine Grundhaltung gegenüber allen Juden. Das hat nichts mit bösen Juden, guten Juden, schönen Juden, hässlichen Juden zu tun, das ist eine Grundhaltung. Im Fall Islamkritik will ich darauf aufmerksam machen, was es bedeutet, wenn man solch eine Grundhaltung gegenüber allen Muslimen einnimmt. Man begibt sich dann in ein ähnliches Fahrwasser. Auf solche Parallelen hinzuweisen und zu vergleichen, wo man vergleichen muss, ist Aufgabe des Wissenschaftlers.

Sie bekommen nicht nur fachlichen Zu- und Widerspruch. Sie werden teilweise heftig angegriffen. Henryk M. Broder sagt, Sie hätten weder vom Judentum noch vom Islam Ahnung. Trifft Sie das?

BENZ: Wenn ich sage, dass mich das nicht berührt, wird gejubelt, was für ein stumpfer Idiot ich sei, der gar nichts mehr merke. Wenn ich sage, dass mich das nach fast 20 Jahren erfolgreicher Arbeit an der Spitze eines renommierten Instituts für Antisemitismusforschung betrübt, dann wird frohlockt und man freut sich. Tatsächlich erfahre ich keine fachliche Kritik und bekomme wissenschaftlich sehr viel Zuspruch. Aber als Person schlägt mir ein ganz unglaublicher Hass entgegen, weil meine Meinung unerwünscht ist.

Es wird Ihnen auch vorgeworfen, sich nicht ausreichend von Ihrem Doktorvater Karl Bosl zu distanzieren, der ein Nazi war. Was sagen Sie dazu?

BENZ: Mein Doktorvater war als junger Mensch offensichtlich in der NSDAP. Als er 1947 habilitierte und wenig später einen Lehrstuhl bekam und mich 1965 als Doktorand annahm, da war er nun wirklich kein Nazi, sondern ein hochangesehener liberaler Gelehrter. Und wenn jetzt irgendein Dummkopf auf die Idee kommt, ich hätte bei einem Nazi studiert und NS-Gedankengut aufgeschnappt, dann ist das einfach nur perfide.

Wie kommt es, dass eine an sich doch legitime Debatte um Integration und gesellschaftliche Werte so heftig und persönlich geführt wird?

BENZ: Das müssen sie die fragen, die, anstatt mit mir in einen Diskurs zu treten, mich nur als Person diffamieren und zu beschädigen versuchen. Ich habe niemanden persönlich angegriffen, sondern arbeite mit sachlichen Argumenten. Ich wünsche mir, dass die, die sich von mir angegriffen fühlen, das auch tun und nicht weit unter die Gürtellinie treten.

Das Gespräch führte Jan-Philipp Hein.



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