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Springer-Medienarchiv

Der Versuch einer Korrektur

Von Jan-Philipp Hein, 28.01.10, 21:18h

Der Axel-Springer-Verlag startet mit seinem „Medienarchiv 68“ den Versuch, die Zeit der Studentenproteste neu zu bewerten. Springer war damals dem Vorwurf ausgesetzt, mit Stimmungsmache Gewalttaten gegen Linke zu schüren.

Anti-Springer-Protest 1967
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Nicht nur in Berlin, auch auf der Frankfurter Buchmesse 1967 wurde gegen den Springer-Verlag demonstriert. (Bild: dpa)
Anti-Springer-Protest 1967
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Nicht nur in Berlin, auch auf der Frankfurter Buchmesse 1967 wurde gegen den Springer-Verlag demonstriert. (Bild: dpa)

Straßenschlachten, Molotowcocktails und „Ho-Ho-Ho Chi Minh“-Rufe - die Bilder sind noch sehr präsent. Anti-Springer Demos, der Anschlag auf das Axel-Springer-Haus, Bölls „Bild“-Kritik in der „Verlorenen Ehre der Katharina Blum“ - kein anderer Verlag stand so im Zentrum der Studentenproteste. „Bild“ wurde der Stimmungsmache gegen die Linke angeklagt, mitverantwortlich gemacht für ein Klima, das den Tod Benno Ohnesorgs und den Anschlag auf Rudi Dutschke verursachte.

Das öffentliche Bild des Verlages schien unerschütterlich, selbst als im Mai 2009 bekannt wurde, dass der Polizist Karl-Heinz Kurras, der den Studenten Ohnesorg erschoss, der Stasi angehörte. Nun will der Springer-Verlag noch mal an die Deutung der Ereignisse rühren. Wäre die Geschichte anders gelaufen, wenn das schon damals bekannt geworden wäre?

Das abgesagte Tribunal

Dazu wollten Thomas Schmid, Chefredakteur der „Welt“, und Mathias Döpfner, Vorstandsvorsitzender der Axel Springer AG, im vergangenen Jahr ein „Springer-Tribunal 2009“ einberufen. Auf Einladung des Hauses sollten sich die damaligen Gegner zum Geschichtsdisput versammeln. Aber Schmid, der selbst einst gegen seinen heutigen Arbeitgeber protestierte, und Döpfner suchten erfolglos nach Sparringspartnern. Der Schriftsteller Peter Schneider winkte ab, Rudi Dutschkes Freund Christian Semler hatte kein Interesse und Grünen-Urgestein Daniel Cohn-Bendit wollte sich auch nicht auf den Weg machen.

Nun arbeitet der Verlag allein an der Korrektur des Geschichtsbildes, in dem er sich ungerecht behandelt fühlt. Vor knapp zwei Wochen stellte das Haus das „Medienarchiv 68“ ins Netz: „Zu wissen, wie es wirklich war, ist schon immer ein Grundimpuls des Journalismus und der Geschichtswissenschaft gewesen - und das ist auch unser Anliegen mit dem »Medienarchiv68«“, schreibt Springer-Chef Mathias Döpfner im Editorial zur Artikeldatenbank.

5.900 Beiträge sind dort abgelegt: Kommentare, Leserbriefe, Karikaturen, Reportagen, Glossen und Interviews aus der heißen Zeit von 1966 bis 1968. Ausgewertet wurden „Berliner Morgenpost“, die Berlin-Ausgabe der „Bild“, „B. Z.“, „Die Welt“ (Berlin-Ausgabe), das „Hamburger Abendblatt“, „Welt am Sonntag“ und „Bild am Sonntag“. Als Kontrast haben die Springer-Archivare auch Seiten aus dem „Tagesspiegel“ und dem „Telegraf“ integriert.

Verhaltenes Medienecho

So finden sich im Archiv natürlich „Bild“-Schlagzeilen wie diese: „Studenten wollen wieder Krawall“, oder „Bestraft die Randalierer!“ Ein Kommentar ist überschrieben mit „Die »Rote Garde«: Polit-Gammler“. In seinem Vorwort zitiert Döpfner versöhnlichere Stimmen seines Hauses. Etwa die „Bild“-Zeile nach dem Attentat auf Rudi Dutschke: „Millionen bangen mit“ oder die „B. Z.“: „Es ist ein Unding, einen Dutschke zum »Volksfeind Nr. 1« stempeln zu wollen“.

„Ein Datenungeheuer“ schrieb die „Süddeutsche Zeitung“. In der „taz“ war zu lesen: „Dieses Heischen nach später Genugtuung für die nach Meinung Schmids und Döpfners ungerecht beurteilte Springer-Presse zeugt von einer Ohnmacht ganz anderer Art.“ Springer poche 42 Jahre nach '68 „auf eine Art medialen Schiedsrichterfehler“ und wolle wenigstens ein Unentschieden herausholen.

Doch seit die Artikelsammlung online ist, verebbt das Interesse. Abseits des Medienbetriebs spielt das Archiv - jedenfalls bisher - keine große Rolle. Dennoch sagt Springer-Sprecher Andreas Winiarski: „Bereits die Ankündigung des Medienarchivs ist auf ausgesprochen großes Interesse gestoßen. Das dokumentieren auch die Nutzerzahlen.“ Die allerdings nennt der Verlag nicht.

Und auch die Gegner von einst wollen sich nicht umstimmen lassen. So sagt etwa der Kreuzberger Grünen-Bundestagsabgeordnete Hans-Christian Ströbele dem „Kölner Stadt-Anzeiger“: „Das Springer-Archiv kann nützlich sein, um mal etwas nachzusehen.“ Jedoch: „Es wird den Springer-Verlag nicht entlasten.“

http: / /medienarchiv68.de /



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