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Leitartikel zur Jesuitenschule

Ein Bild aus Einzelfällen

Von Thomas Schmid, 29.01.10, 20:58h

Mindestens zwei Patres haben an einer Berliner Jesuitenschule mehrere Kinder missbraucht. Dass der Direktor den Skandal selbst öffentlich gemacht hat, ist ihm hoch anzurechnen. Es bleibt der Verdacht, dass der Orden die Sache selbst regeln wollte.

Canisius-Kolleg Jesuiten
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Ein Ort der Sünde: Das Berliner Canisius-Kolleg. (Bild: ddp)
Canisius-Kolleg Jesuiten
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Ein Ort der Sünde: Das Berliner Canisius-Kolleg. (Bild: ddp)
Die Jesuitenschulen sollen Orte sein, an denen „die Schüler und Schülerinnen ihre Würde als Mensch erfahren“. So lautet der erste von vier Grundsätzen jesuitischer Pädagogik - nachzulesen auf der Homepage des Berliner Canisius-Kollegs. Just an dieser Jesuitenschule haben mindestens zwei Patres (Dunkelziffer unbekannt) die Würde von mindestens sieben Schülern (Dunkelziffer wohl deutlich höher) eklatant verletzt. Landläufig bezeichnet man solche Täter als Kinderschänder. Das Strafgesetzbuch spricht nüchterner von sexuellem Missbrauch schutzbefohlener Kinder und Jugendlicher und ahndet dies mit bis zu zehn Jahren Gefängnis.

Dass der Rektor des Canisius-Kollegs den Skandal selbst an die Öffentlichkeit gebracht hat, ist ihm hoch anzurechnen. Trotzdem stellt sich die Frage, weshalb er damit fünf Jahre zugewartet hat, wo er doch schon 2004 von einem ersten Fall erfahren hat. Aus Respekt vor dem Wunsch der Opfer, habe er keine Anzeige erstattet, behauptet der Rektor. Mag sein. Immerhin benachrichtigte er seine Ordensleitung in München. Vielleicht haben die beiden sündigen Patres auf deren Anweisung hin den Dienst quittiert. Wurde hier auf dem internen Dienstweg geregelt, was vor die öffentliche Justiz gehört?

Es sind immer Einzelfälle. Natürlich. Auch die über 10 000 Kinder, die in den letzten 50 Jahren in den USA von über 4 000 katholischen Priestern missbraucht wurden, sind allesamt Einzelfälle. Auch in Irland, wo am vergangenen Heiligen Abend der dritte und der vierte Bischof innerhalb nur eines Monats zurücktraten, nachdem bekannt wurde, dass sie den Missbrauch von tausenden Kindern durch Priester vertuscht hatten, ging es immer um Einzelfälle. In der Tat sind ja die Jungen und seltener auch Mädchen wohl immer einzeln bei den Priestern erschienen, denen sie vielleicht ihre Seelennöte enthüllten, denen sie jedenfalls vertrauten.

Es sind Tausende von Einzelfällen, die sich zu einem Bild zusammenfügen. Nicht zufällig sorgt ja immer wieder gerade die katholische Kirche für Skandale. Ihre Priester haben sich zum Zölibat verpflichtet. Viele von ihnen mögen es schaffen, ihre sexuellen Bedürfnisse erfolgreich zu sublimieren. Viele eben auch nicht. In Deutschland haben vermutlich tausende Kinder Priester als Väter. Sie sind Opfer einer weit verbreiteten Bigotterie. Oft haben sie Entwicklungsstörungen oder werden depressiv.

All dies ist sattsam bekannt, auch dem deutschen Papst, der mental in einer vormodernen Welt befangen ist. Er hält an Zölibat fest. Die verkrümmten Seelen von Priestern und die Traumata missbrauchter Jugendlicher sind da ein nachrangiges Problem. So bleibt nur die Hoffnung, dass der von Jahr zu Jahr krassere Priestermangel die päpstliche Dogmatik aufweicht. Im vergangenen Jahr sollen im deutschsprachigen Raum nur noch zehn Männer in den Jesuitenorden eingetreten sein. Dessen Motto heißt: „Omnia ad maiorem Dei gloriam“ -- „Alles zum größeren Ruhme Gottes“. Wirklich alles? Das sehen die Schüler des Berliner Canisius-Kolleg inzwischen gewiss anders.



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