Von Ulrike Simon, 01.02.10, 22:23h
Naumann hat schon vor seinem offiziellen Antritt in dieser Woche, wie er sagt, beratend an der gerade erschienenen Cicero-Ausgabe mitgewirkt. Der Pulitzer-Preisträger Seymour Hersh über Pakistans Atombomben, der Appell von Dmitri Rogosin, ständiger Vertreters Russlands bei der Nato, Afghanistan nicht frühzeitig zu verlassen - diese Stücke aus dem aktuellen Cicero sind schon ganz nach Naumanns Geschmack. Ernsthaftigkeit und Seriosität sind die beiden Stichworte, die im Gespräch mit ihm am häufigsten fallen, wenn es um seine Pläne mit dem Monatsmagazin geht.
Zuletzt war Naumann Herausgeber der Zeit. Mit Josef Joffe als Co-Herausgeber der Zeit von oben herab zuzuschauen und zu kommentieren, das war für Naumann nicht genug. Wohl auch deshalb kandidierte der unter dem früheren Kanzler Gerhard Schröder amtierende Ex-Kulturstaatsminister zwischenzeitlich für das Hamburger Bürgermeisteramt. Das Zepter wieder selbst zu übernehmen, operativ zu arbeiten, zu gestalten und zu redigieren, das reizt ihn. Warum also mit 68 Jahren wie andere in Rente gehen? „Man kann im Journalismus älter werden, ohne dabei dümmer zu werden“, sagt Naumann. Und er will auch nicht nur übergangsweise Chef von Cicero sein. „Ich habe einen sehr langfristigen Vertrag, und meine Aufgabe wird sein, einen jüngeren Chefredakteur an den Job heranzuführen.“
Was will Naumann mit Cicero? „Eine Zeitschrift für denkende Leser“ sei Cicero, ein Magazin, das sich nachhaltig wie nur ein gedrucktes Medium es könne, aktuellen Themen grundsätzlicher Natur widmen soll: sei es der Verschiebung gesellschaftlicher Strukturen aufgrund demografischer Veränderungen mit allen Folgen für die sozialen Verhältnisse, die Gesundheits- oder die Energiepolitik; seien es wenig beachtete Fragen globaler Relevanz wie jene, auf welche Weise die wachsende Wirtschaftsmacht Indien die Konflikte mit China zu regeln gedenkt. „Relevanz, Qualität und eine Portion Überraschung“ nennt Naumann die Rezeptur, mit der ihm ein Blatt gelingen will, das der journalistischen Aufgabe gerecht wird, „in der Demokratie eine Öffentlichkeit herzustellen, um korrigierend einzuwirken auf Machtverschiebungen und Fehlentwicklungen in Wirtschaft, Politik und Kultur“.
Orientiert am großen Vorbild, dem traditionsreichen US-Magazin New Yorker, will Naumann mit Fotoreportagen, Meinungsstücken, Beiträgen renommierter Autoren und aus internationalen Magazinen übernommenen Artikeln Akzente setzen und Debatten führen. Exklusive Nachrichten sollen die öffentliche Wahrnehmung erhöhen. Die Leser sollen mehr Raum für Kommentare bekommen.
Nicht zuletzt will Naumann an Chefredakteure französischer, italienischer oder amerikanischer Magazine herantreten, um mit ihnen zu vereinbaren, aufwändige Recherchen zu großen Themen gemeinsam zu finanzieren. Auf diese Weise hofft Naumann, die Auflage auf 100 000 Exemplare zu steigern. Der neue Chefredakteur ist überzeugt: „Es gibt ein Bedürfnis nach seriöser, ausführlicher Darstellung aktueller Probleme in Wirtschaft, Politik und Kultur.“ Die nächste und dann gänzlich unter seiner Führung stehende Ausgabe erscheint am 25. Februar.
Viel Glück...
01.02.2010 | 23.15 Uhr | Bernieboy_80
Naumann als Chefredakteur von Cicero, das scheint spannend zu werden. Schon bei der "Zeit" habe ich seine auf den Punkt gebrachten Analysen gemocht;…
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