Von Tobias Döring, 02.02.10, 21:03h
Damit wurde Wuttke einer von Hunderttausenden, die seit 2003 als Zeitarbeiter beschäftigt sind. Damals wurden die Verleih-Vorschriften durch die Hartz-Reformen gelockert. Mehr als 800 000 Leiharbeiter gab es in der Spitze 2008. In der Wirtschaftskrise sank die Zahl auf rund 550 000, steigt derzeit aber wieder an. Ein knappes Jahr schien es so, als habe Wuttke die richtige Entscheidung getroffen. Zu tun gab es reichlich, er sammelte Überstunden, ließ sie sich auszahlen und besserte so sein Gehalt merklich auf. Doch als der Sanitärvertrieb ihn nach einem knappen Jahr nicht mehr brauchte, „da gingen die Probleme los“. Einen neuen festen Ausleihbetrieb hatte man für ihn nicht mehr, manchmal musste er bei einem Einzelhändler Kisten schleppen - maximal fünf Stunden pro Tag kamen so zusammen. Dann schickte ihn das Unternehmen durchs Land, ein Tag Schleppen in Gummersbach, Neuss oder Bochum - ein moderner Tagelöhner. Und ein Leben „immer unter Strom“, denn durch die freien Tage zwischen den sporadischen Einsätzen rutschte nicht nur sein Arbeitszeitkonto ins Minus: Wuttke musste sich ständig bereithalten, falls es doch Arbeit geben sollte - Meldepflicht. Ein Anruf bei der Zeitarbeitsfirma um acht Uhr morgens, einer am Mittag; Handy an und immer erreichbar sein. „Man kann die freie Zeit gar nicht nutzen“, beklagt sich Wuttke.
Doch der Mittvierziger hatte Durchhaltevermögen - zwei Jahre ist er schon bei dem Zeitarbeitsunternehmen im Rheinland. Nach den sporadischen Einsätzen kam Wuttke wieder in einen dauerhaften Ausleihbetrieb. Im Großlager eines Handelsriesen arbeitet er seit mehr als einem Jahr in einer kleinen Gruppe von Leiharbeitern als Kommissionierer. Die Arbeit ist hart, die Bedingungen aber sind noch härter: Wuttke hat als Zeitarbeiter viele der negativen Erfahrungen gemacht, die nach dem Schlecker-Skandal über die Branche kursierten.
Bezahlt wird seine Zeitarbeitsfirma nach zusammengestellten Packstücken und versucht deshalb, alles aus ihren verliehenen Mitarbeitern herauszuholen. „Die Latte liegt einfach zu hoch“, sagt Wuttke. Die vorgeschriebene Anzahl sei nicht zu erfüllen. Zum Zeitdruck kommt die Belastung, die durch die ständige Überwachung entsteht. Denn ein Kollege aus der Zeitarbeiter-Kolonne schaue ihm und den anderen ganz genau auf die Finger und melde alles an das Verleihunternehmen. „Er tut mir leid, er ist auch nur ein Handlanger“, kann Wuttke nur mit dem Kopf schütteln. Auch die misstrauischen Blicke der fest angestellten Kollegen versucht er nicht zu nah an sich rankommen zu lassen. Die Festangestellten wissen: Der Zeitarbeiter ist billiger und könnte ihnen auf Dauer den Job kosten. Von der Gleichstellung von Leih- und Stammarbeitnehmern, die im Gesetz verankert ist, kann keine Rede sein. Weder bei der Bezahlung, noch bei der Behand lung stehen die Leiharbeitnehmer auf der gleichen Stufe.
Wuttke arbeitet unter ständiger Angst um seine Stelle. Als einem Vorarbeiter seine Geschwindigkeit einmal nicht passte, bekam er schnell Schwierigkeiten. „Die wollten mich loswerden“, sagt er. Schon zum nächsten Tag sollte er versetzt werden und sich bei einem Unternehmen im Ruhrgebiet melden. „Um 6 Uhr - das war mit öffentlichen Verkehrsmitteln gar nicht machbar.“ Er schaffte es um halb sieben, war aber für den falschen Tag bestellt worden.
Kurz danach wurde er überraschend ins Lager des Handelsriesen zurückgeordert, wo er immer noch arbeitet. Den Druck hält er aus, irgendwie. Bis heute hat er vier Abmahnungen erhalten. In Zeiten von Nichtbeschäftigung muss er Urlaub nehmen, statt normal weiterbezahlt zu werden. Mit der Post gingen ihm schon öfter vorausgefüllte Urlaubsscheine mit der Bitte um Unterschrift zu. Als er die Unterzeichnung verweigerte, zog man ihm mehrere Tage Urlaub einfach ohne unterschriebenen Antrag ab. „Was soll man da machen?“
Auch Jürgen Moosmann ist bei einem Zeitarbeitsunternehmen beschäftigt, hat aber bessere Erfahrungen gemacht. Und dabei ist der 55-Jährige Langzeit-Leiharbeiter. Mit Anfang 40 verlor er seinen Arbeitsplatz, weil das Unternehmen zahlreiche Stellen abbaute. Gelegenheitsjobs brachten auf Dauer nichts ein. Der gelernte Bauschlosser absolvierte schließlich eine Umschulung zum Logistiker bei der Arbeitsagentur. Dort stieß die Firma „Start Zeitarbeit NRW“ auf ihn und stellte ihn 2002 an. Mit einem Kältetechnik-Hersteller fand sich für Moosmann ein langfristiges Entleihunternehmen. Ende 2007 wurde er dort sogar im Materiallager übernommen.
Doch 2009 wurde sein auf eineinhalb Jahre befristeter Arbeitsvertrag nicht verlängert. Das Unternehmen wollte ihn dennoch behalten - als Leiharbeiter. Moosmann war darüber natürlich alles andere als glücklich. „Ich sollte bei einer anderen Zeitarbeitsfirma unterschreiben, das wollte ich aber nicht“, sagt er. Moosmann konnte den Kältetechnik-Hersteller zumindest dazu bringen, ihn erneut von „Start Zeitarbeit“ zu entleihen. „Von anderen Zeitarbeitsunternehmen hört man doch nur Negatives.“ Bei „Start“, das von Gesellschaftern wie dem Land NRW, Kommunen, Gewerkschaften und Arbeitgebern getragen wird, stimme dagegen der Umgang: „Wenn ich ein Problem habe, dann wird mir auch geholfen.“ Vor zwei Wochen musste er zwar den Entleihbetrieb wechseln, kommt bei einem Kabel-Hersteller in Köln aber schon wieder ganz gut zurecht. Inzwischen hat er die Arbeitsschritte verinnerlicht, legt Kabel, die später in Ozeanen verlegt werden, in verschiedene Legierungsbäder.
Auch Helmut Wuttke mag eigentlich das, was er täglich tut. Wenn die Bezahlung stimmen würde, könnte er mit dem Druck und der großen Kontrolle besser leben. Doch obwohl er nach dem Tarifvertrag der DGB-Gewerkschaften mit dem Bundesverband der Zeitarbeitsunternehmen BDZ bezahlt wird, reicht das Geld zum Überleben, für mehr nicht. Ein Essen aus dem Schnellrestaurant - für Wuttke ist das nicht drin. Moosmann hat da weniger Sorgen: Dank des Haustarifs der „Start Zeitarbeit“ mit der Gewerkschaft Verdi kommt er monatlich zumindest auf 1200 Euro netto.
Helmut Wuttke bleibt keine Wahl: „So lange ich keine Alternative habe, mache ich das Spiel noch mit“, sagt er. Doch das Spiel ist nervenaufreibend. Und einen Sieg verspricht es beileibe nicht. „Niemand stellt einen mehr unbefristet ein“, hat Wuttke die Hoffnung auf eine Zukunft ohne Zeitarbeit manchmal schon aufgegeben. Moosmann denkt dagegen positiv: „Ich habe eine Chance auf Übernahme.“ Und wenn es damit nicht klappen sollte, hat er auch mit weiteren Jahren in der Zeitarbeit keine Probleme.
Selbst erlebt
03.02.2010 | 12.05 Uhr | fourcatmafia
Der Artikel spiegelt die Realität wieder.Wie dem ersten Herren ist es mir auch ergangen. Als ich meinen "Betreuer" (von Addecco) über seinen…
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