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Psychopharmaka

Gefährliches Doping fürs Hirn

Von Angela Horstmann, 05.02.10, 21:03h

Immer mehr Arbeitnehmer schlucken Psychopharmaka, um ihre Leistungsfähigkeit zu steigern. Dazu zählen Antidepressiva, Ritalin oder Betablocker. Die Nebenwirkungen werden häufig außer Acht gelassen.

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Immer mehr Arbeitnehmer schlucken Psychopharmaka. (Bild: Jupiter)
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Immer mehr Arbeitnehmer schlucken Psychopharmaka. (Bild: Jupiter)
Höher, schneller, weiter" - der olympische Gedanke ist längt nicht mehr nur Ansporn für Sportler. Das Bestreben immer besser zu sein, ist inzwischen auch in der Arbeitswelt der modernen Leistungsgesellschaft angekommen. Der erfolgreiche Arbeitnehmer von heute, so scheint es, muss permanent leistungs- und durchsetzungsfähig sein, auf Knopfdruck präzise denken und schnell entscheiden können und dabei gut drauf und hellwach sein. Schwächen zeigen nicht erwünscht.

Der enorme Druck hat fatale Folgen: Immer mehr Gesunde glauben ihre Leistungsfähigkeit mit eigentlich für Kranke gedachten Pillen steigern zu müssen. Sie verbessern ihre Laune mit Antidepressiva, erhöhen ihre Konzentration durch Amphetaminderviate wie Ritalin, werfen Betablocker gegen Bluthochdruck ein, um vor Präsentationen ihr Lampenfieber zu drosseln, nutzen Wachmacher wie Vigil um auch am Ende des 14-Stunden-Arbeitstages noch fit zu sein - ungeachtet möglicher gefährlicher Nebenwirkungen.

Eine repräsentative Umfrage der DAK im vergangenen Jahr bestätigt diesen Trend, wie der Kölner DAK-Chef Hans-Dieter Keindl betont. Von 3000 befragten Männern und Frauen gaben immerhin 17 Prozent an, schon einmal Medikamente zur Verbesserung ihrer geistigen Leistungsfähigkeit genommen zu haben. Jeder 20. sogar gestand, gelegentlich auch über längere Zeiträume oder sogar regelmäßig sein Hirn zu dopen - Frauen in erster Linie um ihre Ängste zu überdecken, Männer vor allem um leistungsfähiger zu sein.

Die Zahlen beunruhigen Dr. Elke Schillalies. Überraschen tun sie die Ärztin für Psychotherapie und Psychiatrie beim Medizinischen Dienst der Krankenversicherung Nordrhein aber eher nicht. Nicht zuletzt durch die modernen Medien seien wir „auf dem Weg zu einer Stand-by-Gesellschaft, in der man 24 Stunden am Tag und 7 Tage die Woche permanent verfügbar und leistungsfähig sein muss“, beklagt Schillalies. Aus Angst in diesem System zu versagen und in Krisenzeiten den Job zu verlieren, würden viele lieber zu leistungssteigernden Psychopharmaka greifen, zumal die, obwohl verschreibungspflichtig, im Internethandel oder auf dem asiatischen Markt schnell zu bekommen seien.

In den USA verbreitet

Die Zahlen machen für Schillalies aber auch deutlich: Das in den USA bereits seit Jahren diskutierte Thema „Neuro Enhancement“ (die Steigerung geistiger Leistungsfähigkeit) ist jetzt auch hierzulande angekommen. Wie bedenklich ist diese Optimierung des Gehirns durch Chemie von außen? Mit welchen persönlichen und gesellschaftlichen Folgen? Nicht zuletzt seit sieben Wissenschaftler der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften in ihrem Memorandum „Das optimierte Gehirn“ für einen liberalen Umgang mit leistungssteigernden Substanzen, deren Wirksamkeit tatsächlich belegt sind, plädierten, läuft hierzulande eine kontrovers geführte Diskussion.

„Psychoaktive Arzneimittel bei Gesunden einzusetzen ist unverantwortlich“, warnte jüngst Prof. Rainer Richter, Präsident der Bundespsychotherapeutenkammer. „Arzneimittel sollten aufgrund ihrer Nebenwirkungen nicht ohne medizinische Notwendigkeit eingenommen werden.“ Wie alle anderen Arzneimittel hätten psychotrope Substanzen zum Teil gravierende Nebenwirkungen. Und die Liste ist lang: Schlaf-, Appetitlosigkeit, Kopfschmerzen, Magen-Darm-Beschwerden, Neigung zu Krampfanfällen - bei doch zumindest zweifelhaften Nutzen.

Der niederländische Psychopharmakologe Reinoud de Jongh jedenfalls kam in einem Fachartikel 2008 zu einem ernüchternden Fazit: Bei den gegenwärtig erhältlichen Cognitiven Enhancern profitierten vor allem die, die vor der Einnahme kognitive Defizite aufwiesen. Menschen mit überdurchschnittlicher kognitiver Leistungsfähigkeit hingegen schnitten in Tests deutlich schlechter ab.

Wissenschaftliche Nachweise dafür, dass Psychopharmaka wie Ritalin oder auch Vigil tatsächlich die kognitive Leistungsfähigkeit auch von Gesunden steigere, gebe es bisher nicht, betont auch Dr. Elke Schillalies. Einige Patienten berichteten zwar, sie hätten sich subjektiv leistungsfähiger gefühlt, dies könne aber auch mit dem bei allen Medikamenten möglichen 30 prozentiger Placebo-Effekt, zu erklären sein, betont die Düsseldorfer Psychiaterin. Und selbst wenn es Medikamente gebe, die den Nachweis für eine bessere Konzentration- und Merkfähigkeit lieferten, bedeute das nicht automatisch auch eine verbesserte intellektuelle Leistung, so Kritiker. „Die Wirkung der Amphetaminderivate kann auch dazu führen, dass Menschen schneller und bedenkenloser entscheiden“, beklagt Richter. Die Präzision der Informationsverarbeitung oder die analytische Tiefe könne dabei auf der Strecke bleiben.

Suchtpotenzial

Psychiaterin Schillalies warnt zudem vor dem möglichen erhöhten Suchtpotenzial bei einer Eigenmedikation mit Psychopharmaka. Das gedopte Gehirn gleicht nämlich Defizite aus, muss aber immer mehr leisten, wofür es langfristig mehr „chemische Unterstützung“ braucht - eine gefährliche Spirale. Völlig unklar ist für Experten wie Schillalies auch die Frage, welche Auswirkungen dieser chemische Eingriff von außen in das System von natürlichen Wechselwirkungen zwischen Botenstoffen und Rezeptoren hat. „Es ist nicht absehbar, inwieweit dies zu Persönlichkeitsveränderungen führt", warnt sie und sieht eine weitere Gefahr: „Bei einer weiteren Verbreitung von psychotropen Substanzen besteht zwangsläufig die Gefahr, dass sich auch soziale Normen verändern. Gesellschaftliche Erwartungen an individuelle Leistungsfähigkeit führen dann dazu, dass ein sozialer Druck zur Einnahme dieser Psychopräparate entsteht.“

Das „Hirndoping“ von Gesunden sei „ein gefährliches Selbstexperiment, die Langzeitfolgen sind kaum abzuschätzen", urteilt auch Davinia Talbot. Die Medizinethikerin untersucht derzeit im Rahmen eines interdisziplinären Projekts des Bundesforschungsministeriums an der Uni Münster Vor- und Nachteile des Hirn-Dopings. Die Münsteraner Expertin hofft deshalb zunächst auf mehr Studien. „Wir müssen die Substanzen näher untersuchen, um zu wissen, worauf wir uns einlassen oder was wir ablehnen wollen“, betont Talbot. Dann sei ein gesellschaftlicher Diskurs fällig. „Lesen und Schreiben war früher auch nur dem Klerus vorbehalten, warum sollten wir, falls die Mittel wirksam und verträglich sind, diese verbieten?", fragt sie.

Bereits frühzeitig allerdings müsse überlegt werden, wie man dem zunehmenden Leistungsdruck begegnet, denn eine Gesellschaft, in der nur noch Ellbogen zählten, sei nicht wünschenswert, so Talbot. Hilfreich könnte in diesem Zusammenhang für Elke Schillalies sein, wenn sich in der Gesellschaft die Erkenntnis durchsetze, dass der Mensch nicht immer perfekt sein kann. Anstatt mit Scheinlösungen einem Ideal hinterherzulaufen, das es nicht gibt, sollte man vielleicht einfach akzeptieren,dass man auch mal unlustig und unsicher ist - und das auch anderen zugestehen. Das berufliche Miteinander könnte so reibungsärmer verlaufen. (mit dpa)



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