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Berlinale

Durch kalte und heiße Kriege

Von Frank Olbert, 05.02.10, 18:23h

Die Berlinale feiert ihren 60 Geburtstag und ist, was die Festivals von Cannes und Venedig niemals waren: ein Publikumsfestival, das jährlich derartige Besuchermassen anzieht, als gäbe es am nächsten Tag kein Kino mehr.

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Das Maskottchen, der Bär. (Bild: Berlinale)
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Das Maskottchen, der Bär. (Bild: Berlinale)
Die Dame namens Berlinale wird 60. Ein reifes Alter, sollte man meinen, doch wie Benjamin Button in F. Scott Fitzgeralds Geschichte scheint sie mit den Jahren immer jünger statt älter zu werden: 1951 begann sie als „Schaufenster des Westens“, das mit der ganzen Last des Kalten Krieges beladen war und keinesfalls mit dem Sozialismus flirten durfte - 2010 steht sie da als eines der drei großen Filmfestivals Europas, das gerade auch die jungen Regisseure lockt. Von Altersträgheit keine Spur.

Dabei hat sich die Berlinale über 60 Jahre hinweg eine eigene Identität bewahrt. Zwischenzeitlich mögen kalte und heiße Kriege wie in Vietnam geführt worden sein - die Berliner Mauer wurde gebaut und wieder eingerissen, die Studenten haben protestiert und die Stadt avancierte vom kapitalistischen Vorposten im feindlichen Sozialistenmeer zur Hauptstadt des geeinten Deutschland. Die Berlinale aber blieb, was sie von ihrer ersten Stunde an war und was die Festivals von Cannes und Venedig nicht sind: ein Publikumsfestival, das jährlich derartige Besuchermassen anzieht, als gäbe es am nächsten Tag kein Kino mehr.

274 112 Eintrittskarten wurden im vergangenen Jahr verkauft, und wie sehr die Berlinale den Filmfans gehört, zeigt allein schon ihr Name: Ins Leben gerufen als Internationale Filmfestspiele Berlin, bürgerte sich mit den Jahren diejenige Bezeichnung für das Festival ein, die der Gründungsdirektor Alfred Bauer stets als zu unfein und umgangssprachlich empfand. Berlinale, das war ihm zu berlinerisch.

Während die Branche und die Kritiker am Lido und an der Croisette mehr oder weniger unter sich bleiben, ist die Berlinale also ein Festival für die und in der Stadt - zu Zeiten Westberliner Enklaven-Herrlichkeit im Steglitzer Titania-Palast, im Zoo-Palast natürlich, und auch die Waldbühne wurde bespielt: Große Plakate entlang der Zonengrenze zogen die Ostberliner herüber, solange dies noch ging. Nach dem Fall der Mauer hat das Festival sein Zentrum vom Kurfürstendamm an den Potsdamer Platz verlegt, dorthin, wo auf der einstigen Brache, die zwei politische Systeme voneinander trennte, ein Metropolis nach Fritz Langs Geschmack entstanden ist - die Vorführung der restaurierten Fassung seines legendären Stummfilms ist einer der Höhepunkt der diesjährigen Jubiläumsausgabe.

Die Dame Berlinale hatte in ihren 60 Jahren nicht viele Männer - ganze vier Direktoren gaben ihr bislang die Ehre, was angesichts des Personalverschleißes in Venedig oder Cannes so gut wie gar nichts ist. Auf den langjährigen Leiter Bauer folgte 1976 Wolf Donner, ein renommierter Filmkritiker, der den Mühlen des Festivalbetriebs, dem Feilschen um Filme und Stars und auch der Auseinandersetzung mit der Berliner Verwaltung nur drei Jahre standhielt.

Von Gehrock-Steifheit befreit

Donner jedoch war es, der entscheidende Veränderungen vornahm: Er befreite das Festival von jener Gehrock-Steifheit, für die ein wenig Alfred Bauer stellvertretend für das konservative bundesdeutsche Filmestablishment der 50er und 60er Jahre stand. Er führte neue Sektionen für den jungen deutschen und den Kinderfilm ein und baute die Berlinale zum Marktplatz für Produzenten, Verleiher und Rechtehändler aus (der heutige European Film Market). Vor allem aber: Donner verlegte das Festival vom Juni in den Februar.

Diese Terminverlagerung führte zu einer ganz neuen Konzentration auf die Filme. Weniger Café Kranzler und Paris Bar - dafür mehr Kino, in dem man die Winterkälte hin ter sich lässt. Von nun an mussten die Stars, die Donners Nachfolger Moritz de Hadeln in großer Zahl auf den Roten Teppich bat, sich entweder warm anziehen oder frieren. Was sie nicht davon abhielt, nach Berlin zu kommen, sogar im Gegenteil: der Februar-Termin liegt Wochen vor Cannes und mehr als sechs Monate vor Venedig, und so gelang es dem Kosmopoliten de Hadeln, der Konkurrenz so manches vor der Nase wegzuschnappen. In seinem ersten Jahr, 1980, lief etwa Scorseses „Raging Bull“.

Berlinale hatte auch Skandale

Natürlich hatte die Berlinale auch ihre Skandale. 1970 provoziert Michael Verhoevens „O.K.“ beim Jury-Vorsitzenden, dem US-Traditionsregisseur George Stevens, den Vorwurf des Antiamerikanismus - das Festival wird schließlich abgebrochen. 1979 fühlt sich die sowjetische Delegation von Michael Ciminos „Deer Hunter“ so abgestoßen, dass sie mit ihren Verbündeten unter Protest die Berlinale verlässt.

Solche Erfahrungen blieben Dieter Kosslick, Direktor seit 2001, bislang erspart. Zwar charakterisiert auch Kosslick die Berlinale regelmäßig als politisches Festival - das aber behaupten seine Kollegen in Cannes und Venedig ebenfalls, und ein bisschen wahr ist es ja, da es jedes Jahr einen nicht geringen Anteil politischer und gesellschaftskritischer Filme gibt.

Die Stärken des ehemaligen Chefs der Filmstiftung NRW liegen jedoch woanders. Kosslick ist ein Kommunikationsgenie. Ein Lustmensch, der das „Kulinarische Kino“ erfand. Und der Einzige, wie er in seinem Schwäbisch über sich selbst sagt, der Englisch und Deutsch gleichzeitig sprechen kann.

Die Dame Berlinale wird 60. Aus dem deutschen Westen gratulieren wir ergriffen - und ein wenig eifersüchtig.



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