Von Uwe Spoerl, 07.02.10, 23:20h
Ansonsten sieht Hermanns eigentlich nur eine Regel: „Wer ein hohes Tabu ansteuert, muss verdammt gute Gags liefern.“ Billige Witze über den Papst oder auf Kosten von Minderheiten schadeten jeder Sendung, weil sie einfach handwerklich schwach seien.
Faule Redaktionen
Auf Einladung der „Freiwilligen Selbstkontrolle Fernsehen und Multimedia“ wetterte der Comedy-Experte mit abgeschlossenem Studium der Theaterwissenschaften („Auf diese solide Basis lege ich großen Wert!“) vor allem über schlampige Arbeit in den TV-Redaktionen. Weit verbreitet sei dort die sträfliche Faulheit, Kollegen einfach vor die Kamera zu schicken und zu sagen „Mach mal und sei lustig!“ Wenn das Ergebnis wirklich pointiert lustig werden soll, bräuchten auch gestandene Top-Standup-Profis eine viel strengere Kontrolle von Redakteuren und Produzenten. Erst Feedback, Feilen, Streichen, Kürzen am Text schärfe den Witz.
Thomas Hermanns sieht den deutschen Witz - trotz vereinzelter Qualitätsmängel - durchaus nicht in Gefahr, eher erkennt er landschaftliche Verschiebungen: „Berlin siegt über Köln.“ Cindy aus Marzahn und Mario Barth (Jahrgang 1971 und 1972) hätten als inzwischen erfolgreichste Standup-Komiker den früher eher rheinisch geprägten (also „versöhnlicheren, harmoniebedürftigeren“) Frohsinn in Gesamtdeutschland klar abgehängt. Hingegen: „Der Berliner ist nicht so konfliktscheu, sondern eher trocken, ratzig oder ranzig.“
Insgesamt sei die Comedy-Palette breiter als früher geworden, das Publikum habe sich deutlich stärker differenziert und an Humorkompetenz zugelegt. Doch gilt das auch für Kinder und Jugendliche, deren Belange die Freiwillige Selbstkontrolle Fernsehen (FSF) zu schützen hat? Kinder würden oft maßlos unterschätzt, versicherte die Psychologin Marion Bönsch-Kauke. Schon die Jüngsten setzten sehr bewusst „Humorstrategien“ mit Witzen und Wortspielen zur Lösung von Konflikten ein. Allerdings gebe es eine klaren Altersgrenzen, was das Verständnis von Ironie angeht. Das Elternhaus spielt dabei eine wichtigere Rolle als die Mediennutzung. Kinder entwickelten auch schon sehr frühzeitig ein Gespür für die Grenzen, niemals Gefühle zu verletzen. Das müsse freilich durch Medienkompetenz gefördert werden. Denn feinsinniger Humor, so Bönsch-Kauke, steigere nicht nur das Lebensgefühl, sondern auch Lernfähigkeit und Alltagstauglichkeit.
Berlin siegt über Humor
08.02.2010 | 14.58 Uhr | Heinz K
Ich frag mich, wie man die Comedy Landschaft heute als so differenziert bezeichnen kann, wenn gerade im Kabarett fast nichts mehr existiert, was ich…
| JETZT BESTELLEN! 4 Wochen Kölner Stadt-Anzeiger zum Vorzugspreis. Sie sparen mehr als 35%. |
|
Anzeige