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GutenMorgenKöln

Heinzelmännchen von nebenan

Von Susanne Hengesbach, 09.02.10, 09:03h, aktualisiert 08.11.10, 16:20h

Am Manderscheider Platz in Sülz haben schon Generationen von Müttern ihre Kinder in den Sand gesetzt. Wer hier hinzieht, findet schnell Kontakt. Zumal die hilfsbereiten Nachbarn in direkter Abstammungslinie zu den Kölner Heinzelmännchen zu stehen scheinen.

Manderscheider Platz Köln
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Einer der schönsten Fleckchen von Sülz: der Manderscheider Platz. (Bild: Grönert)
Manderscheider Platz Köln
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Einer der schönsten Fleckchen von Sülz: der Manderscheider Platz. (Bild: Grönert)
Sülz - Wenn es so etwas wie Liebe auf den ersten Blick gibt, dann war es das. Ich spreche nicht von „meiner“ Straße; nein, die habe ich an jenem Augusttag bei meinem verspäteten Erscheinen zum Wohnungsbesichtigungs-Termin kaum wahrgenommen. Damals wollte ich nur möglichst schnell die richtige Hausnummer finden und keine Beweise für Jugendstil-Baukunst sammeln. Das verschob ich gedanklich auf später, ließ dementsprechend auch das Treppenhaus, was Besucher gern „herrschaftlich!“ nennen, an mir vorbei rauschen, während ich die Marmorstufen empor zur Wohnungstür hastete, sämtliche Enttäuschungen vorheriger Anschauungs-Termine verdrängend. Und dann war da dieses Licht!

Ich erinnere mich, wie ich am Eingang zum Wohnraum stand, auf die Konturen der Sprossenfenster starrend, die die Sonne als Schattenbild auf das schöne, alte Parkett gemalt hatte. Damals wusste ich noch nicht, dass das streifenfreie Putzen solcher Fenster Strafarbeit bedeutet.

„Wann ist es denn so weit?“, erkundigte sich der Mann, der mich hereingelassen hatte und deutete auf meine Umstandshose. Ich schwirrte an ihm vorbei in die übrigen Räume, und mit jedem weiteren Sprossenfenster, das sich vor mir auftat, wurde das „Haben-haben-haben!“ in meinem Kopf lauter. „Am liebsten schon morgen“, rief ich aus der Küche und meinte den Umzugstermin.

„Du hast sie echt bekommen?“, fragte eine Freundin am selben Abend, nachdem ich ihr zum wiederholten Mal die Geschichte von meinem unglaublich-unfassbaren Wohnungsglück geschildert hatte. „Ist das nicht da, wo auch dieser Spielplatz ist?“ - Spielplatz! Davon war ich in meinem damaligen Zustand noch ähnlich weit entfernt wie die Amerikaner von einem schwarzen Präsidenten. Ich war mit Ölmassagen gegen Dehnungsstreifen beschäftigt und mit der Vorstellung, all die niedlichen Strampelanzüge endlich in eine Kommode packen zu können.

Dass der kleine Kerl, der seinerzeit von innen gegen meine Bauchdecke trat, irgendwann mit Schuhgröße 49 vor mir stehen würde, konnte ich genauso wenig ahnen wie die Tatsache, dass das Abkleben von Sprossenfenstern zum Zwecke der späteren Lackierung weitaus schlimmer ist, als das Putzen. Letzteres hat bei näherer Betrachtung sogar einen gewissen Reiz, weil man - von außen auf dem Fensterbrett herumturnend - selbst mit den wenigen Menschen am Platz ins Gespräch kommt, zu denen man bisher noch keinen Kontakt hatte.

Während meiner Volontärsausbildung habe ich schon einmal in einem schönen Altbau gewohnt - am Rande von Stuttgart. Aus dieser Zeit weiß ich: Selbst hinter prachtvollem Stuck lauert mitunter der Teufel. Damals hat die putzbesessene Frau unter mir regelmäßig tote Fliegen auf die Treppenstufen gelegt um zu überprüfen, ob ich meiner Kehrwochen-Pflicht nachkomme. Tja, was für die buckelige Verwandtschaft gilt, trifft auf Hausmitbewohner gleichermaßen zu: Man kann sie sich nicht aussuchen. Doch wenn ich es könnte, dann würde ich genau die Menschen unter mein Dach bringen, die dort bereits leben.

Warum? - Zum einen, weil einige von ihnen in direkter Abstammungslinie zu den Kölner Heinzelmännchen zu stehen scheinen: Plötzlich ist der hässliche Grünschleier an der Teakholzbank im Vorgarten wie weggesprüht, recken sich neue Rosengewächse dem Himmel entgegen, ist die Hecke gestutzt und der ätzende Klecks Taubenscheiße auf meinem Autokühler, den ich seit Tagen entfernen wollte, wie von selbst verschwunden.

Hinzu kommt, dass sie allesamt unter dem seltenen Phänomen der partiellen Taubheit leiden; denn sie hören nie etwas, wenn es bei uns (zu) laut ist, würden andererseits aber schon beim zartesten Hilferuf Gewehr bei Fuß stehen. Selbst als sich mal einer dieser nacktschwänzigen Nager nach „Ratatouille“-Filmvorlage durch die Katzenklappe in unsere Küche eingeschlichen hatte, konnte ich auf tatkräftige Wiederausgliederungs-Hilfe zählen.

Apropos zählen: Meine Straße, die im Gegensatz zur gegenüberliegenden Häuserfront Platz heißt, lässt sich ganz einfach berechnen: Bis zu Schmitz & Nittenwilm an der Ecke brauche ich zu Fuß zwischen 42 und 58 Sekunden - je nach Ausgeschlafenheitsgrad und Mohnbrötchen-Lust. Ansonsten gibt es null Geschäfte und ebenso viele gastronomische Betriebe. Dafür bin ich bereits nach circa 90 Metern auf der Berrenrather Straße, wo man innerhalb von fünf Gehminuten praktisch alles findet, was man zum Leben braucht: Geschäfte, Kioske, Kneipen, Restaurants, Biergärten, Reinigung, Apotheke, Schuster, Änderungsschneiderei. Fast ebenso schnell bin ich im Beethoven-Park, an der Einfahrt zum Geißbockheim oder auf dem Weg zum Decksteiner Weiher.

Des Nachts kommt an den insgesamt neun Häusern in meiner Straße kaum ein Auto vorbei, dafür schreiben ein oder zwei Politessen mitunter schon morgens um sieben die Falschparker auf. Um siebzehn oder achtzehn Minuten vor acht sieht man Lehrerin Sabine Licht zu ihren 24 Kindern der 4a in der Manderscheider Schule laufen. Etwa zur selben Zeit nimmt Goldschmiedin Annelie Lorino in ihrer Heimwerkstatt das Lötgerät zur Hand. Wie viele hundert Kilometer der Nachbar mit dem Baseball-Käppi bisher allein auf unserem Straßenabschnitt per Fahrrad zurückgelegt hat, steht allerdings ebenso in den Sternen wie die Anzahl der Feuerwanzen, die sich im Sommer an den Bäumen rund um den Spielplatz vergnügen.

Dort sitzt die Tagesmutter aus dem Nachbarhaus wochentags spätestens um acht und wacht über vier oder fünf Zwerge. In ihrer Laufbahn hat sie sicherlich schon mehr als tausend Förmchen-Kriege geschlichtet und Kindertränchen getrocknet.

Ja, manchmal ist es auch echt zum Heulen an diesem Manderscheider Platz. Das weiß jeder, der samt Wochenmarkt-Einkauf und Getränkekästen im Auto sitzt und zum dritten Mal die Parkplatz-Suchrunde startet. Beim vierten Versuch wünscht er sich Miraculix' Zaubertrank, um die riesigen Hinkelsteine, die vor Jahren zur Dezimierung von Abstellfläche ausgelegt wurden, wegrollen zu können. Bei der fünften Runde möchte man den Platz-Neulingen am liebsten kollektiv den fahrbaren Untersatz entziehen.

Seitdem die 237 Eigentumswohnungen auf dem ehemaligen Daimler-Chrysler-Gelände zwischen Luxemburger und Wichterichstraße fertiggestellt sind, hat sich die Situation so verschärft, dass man Anwohner und anrollende Besucher häufig wie das Strichmännchen aus der alten HB-Reklame erlebt.

Ach ja, Rauch gibt es am Platz natürlich auch. Manchmal kommt er von einem brennenden Nubbel, mal von Silvester-Knallfröschen oder von den Jugendlichen, die dort ihre erste Kippe qualmen und diese zum Ärger der Spielplatzmütter in den Sand schmeißen. Aber das ist nicht neu. Hätte man die alte Frau

Nickisch nicht vor drei Jahren auf den Friedhof getragen, würde sie bei unseren Hoffesten im Sommer sicher immer noch das tun, was sie am liebsten tat: Von früher erzählen.

Als sie 1925 in unserem Haus auf die Welt kam, stand dieses gerade mal zwölf Jahre. Als Anneliese Nickisch 18 war, schloss sich der Kölner Jean Jülich den Edelweißpiraten an und saß mit seinen Freunden oft abends am Manderscheider Platz. Während die Pimpfe von der HJ politisch korrekte Lieder über Führer, Fahne und Freiheit bis in den Tod sangen, schossen Jülich und seine Kumpel mit Steinschleudern Fensterscheiben von stadtbekannten Nazis ein und füllten Zucker in deren Autotanks. Sie trugen knallbunte Halstücher, ihre Strümpfe auf Halbmast und leisteten Widerstand im Kleinen.

Inzwischen leisten die Kleinen Widerstand: „Lara, wenn Du nicht sofort dem Paul sein Schäufelchen zurückgibst, gehen wir sofort nach Hause!“ Wie viele Wochen habe ich diesen Satz schon nicht mehr gehört? Höchste Zeit, dass endlich das Frühjahr und damit wieder Leben auf den Platz kommt. Kinder, die sich mit Kampfgeheul auf den Teller der Seilbahn stürzen und mit Karacho über den Sand hinwegfegen.

Würde Hans Borowsky noch leben, der bei meinem Einzug einen Kiosk betrieb - eine Straßenbreite von meinem Schlafzimmer entfernt - müsste ich dieses liebgewonnene Haus eigentlich gar nicht mehr verlassen. Um das Neueste aus Sülz zu erfahren, genügte es, mal wieder Fenster zu putzen. Wäre Hans Borowsky nicht gestorben, dann bekäme mein Sohn bestimmt heute noch regelmäßig einen Lolli geschenkt.



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