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Biografie

Nicht zur Heldin geboren

Von Stefanie Schmidt, 08.02.10, 22:52h

In ihrem neuen Buch begibt sich Barbara Beuys auf die Suche nach dem inneren Wesen von Sophie Scholl. Die Biografie zeichnet ein stimmiges, menschliches Bild der Widerstandskämpferin - ohne zu dramatisieren.

Sophie Scholl
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Sophie (Julia Jentsch) und Hans Scholl (Fabian Hinrichs) verteilen antinazistische Flugblätter in der Münchner Uni - Szene aus Marc Rothemunds Kinofilm „Sophie Scholl - die letzten Tage“. (Bild: dpa)
Sophie Scholl
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Sophie (Julia Jentsch) und Hans Scholl (Fabian Hinrichs) verteilen antinazistische Flugblätter in der Münchner Uni - Szene aus Marc Rothemunds Kinofilm „Sophie Scholl - die letzten Tage“. (Bild: dpa)
Ihre letzten Tage sind es, die Sophie Scholl berühmt gemacht haben. Ihre Verhaftung, das schnelle Urteil, der noch schnellere Tod unter der Guillotine - dieses Schicksal einer gerade 22-Jährigen, die sich mutig gegen den Nationalsozialismus gestellt hatte. „Sophie Scholl - die letzen Tage“, so heißt auch der bekannteste Spielfilm über die Widerstandskämpferin - und dennoch stehen in der neu erschienenen Biografie der Kölner Autorin Barbara Beuys jene letzten Tage der Sophie Scholl gerade nicht im Mittelpunkt.

Denn nur vergleichsweise kurz - im letzten Fünftel des Buches - wird die Rebellin Sophie Scholl beschrieben und ihre Arbeit für die „Weiße Rose“: das Entwerfen und Verteilen von Flugblättern durch sie selbst, ihren Bruder Hans und weitere Münchner Studenten, in denen sie zum Widerstand gegen Hitler aufriefen. Über Sophie Scholls Arbeit für die Weiße Rose ist vieles in offiziellen Unterlagen dokumentiert. Beuys bildet dies ab, breitet es aber nicht in epischer Länge aus. Schließlich sind nur wenige Fakten wirklich neu.

Nein, es geht in der Biografie nicht um die Heldin Sophie Scholl, sondern um den Menschen. Möglich wurde dieser erste umfassende Einblick in ihr Leben dadurch, dass das Institut für Zeitgeschichte in München 2005 eine Sammlung von Inge Aicher-Scholl, Sophies ältester Schwester, zugänglich gemacht hatte. Mit Hilfe von Tagebucheinträgen und Briefen ist eine umfassende Nacherzählung entstanden, die bei Sophies Eltern beginnt: der gläubigen Lina Scholl und dem liberalen Robert Scholl, die sich beide sehr für die Zustände dieser Welt interessieren und vieles kritisch diskutieren.

In dieser geistigen Umgebung wachsen die Kinder Inge, Hans, Elisabeth, Sophie und Werner auf. Die Geschwister werden liberal erzogen, sie lernen den Glauben kennen, müssen aber nicht beten, wenn sie nicht wollen. Sie lernen die kritische Weltsicht ihrer Eltern kennen, müssen ihr aber nicht folgen. Das Leben und Denken der Familie Scholl ist ein Spiegelbild der damaligen Gesellschaft: Viele Familienmitglieder sind zunächst begeistert, als Hitler auf der Bildfläche erscheint, verbinden mit ihm Hoffnungen auf eine besseres Deutschland. Vater Robert hingegen ist von Beginn an Hitler-Gegner, der es allerdings seinen Kindern nicht verbietet, in die Hitler-Jugend und den Bund Deutscher Mädchen zu gehen und sogar Gruppen-Führer werden. Er hofft darauf, dass diese selbst die richtigen Schlüsse aus ihren Erfahrungen ziehen und ihre Entscheidungen selbstverantwortlich treffen.

Genau das tut Sophie Scholl. Sie wird als selbstreflektiertes und ruhiges Mädchen beschrieben. Sie macht sich viele Gedanken und stellt nach und nach fest, dass das Regime mit ihren moralischen Prinzipien kollidiert. Die ungerechtfertigte kurzfristige Verhaftung ihrer Geschwister, die grausamen Berichte, die ihr Freund Fritz Hartnagel von der Front schickt, der Kriegstod ihres Bekannten Ernst Reden und die Wut darüber, dass Menschenleben geopfert werden, obwohl der Krieg bereits verloren ist - es sind viele Aspekte und Erlebnisse, die sich zueinander fügen und Sophie zum Handeln treiben.

Das Leben der Sophie Scholl verläuft nicht gradlinig, es steuert nicht auf das große Ziel zu, für Freiheit und Gerechtigkeit zu sterben. Sophie Scholl ist nicht zur Heldin geboren. Die Biografie von Barbara Beuys zeigt, dass viele Einflussfaktoren sie zu dem Menschen machen, der am Ende für seine Überzeugung in den Tod geht. Das Buch glorifiziert sie nicht, setzt nicht auf Dramatik oder Emotionalität, sondern stellt ihre Person sachlich und doch eindrucksvoll dar. Einiges ist spekulativ, einiges hat nur am Rande mit Sophie Scholl zu tun - was die Darstellung in Teilen etwas langatmig macht. Und doch ergibt sich ein stimmiges Bild - nicht nur eines Mädchens, das zur nationalen Heldin wird, sondern auch einer deutschen Familie im Zweiten Weltkrieg.



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