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Leitartikel zur Suizid-Problematik

Dunkles Land

Von Ismene Poulakos, 08.02.10, 20:24h, aktualisiert 08.02.10, 20:28h

Dass Kinder sich das Leben nehmen, ist ein Alarmsignal für eine ratlose Gesellschaft. Längst geht es nicht mehr um Einzelfälle. Deutschlands Jugend sieht schwarz - und dagegen muss schnell etwas getan werden.

Holweide Psychiatrie
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Die Kinder- und Jugendpsychiatrie in Köln-Holweide. (Bild: Hennes)
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Die Kinder- und Jugendpsychiatrie in Köln-Holweide. (Bild: Hennes)
Hinter jedem Fall steckt ein Schicksal: Tag für Tag versuchen mehrere Kinder und Jugendliche in Köln, sich das Leben zu nehmen; 50 bis 60 Notfälle registrieren die Uniklinik Köln und das Klinikum Holweide jeden Monat - plus Dunkelziffer. Zehnjährige sind darunter. Solche Zahlen erschrecken und verstören. Sie wegzuschieben ist schwierig. Wir müssen an unsere eigenen Kinder denken, an unsere Neffen, Nichten, Paten- und Nachbarskinder. Viele junge Menschen sind offenbar so verzweifelt, dass sie bereit sind, ihr Leben wegzuwerfen, kaum dass sie begonnen haben, es bewusst zu leben. Wie kann das sein? Ein Ergebnis der neuen Unicef-Kinderstudie hat aufhorchen lassen: In keinem der untersuchten Industrieländer sehen die Jugendlichen ihrer Zukunft so pessimistisch entgegen wie in Deutschland - und das, obwohl die objektiven Lebensbedingungen im internationalen Vergleich gar nicht so übel sind.

Deutschlands Jugend sieht schwarz. Selbsttötung im Kindes- und Jugendalter ist in der Gesellschaft ein Tabu. Kaum jemandem ist bekannt, dass auf diese Weise fast ebenso viele Jugendliche sterben wie im Straßenverkehr. Wir reden nicht gerne darüber, aber wir sind trotzdem nah dran, vielleicht noch näher, als wir uns eingestehen. Hinter jedem Fall steckt eine persönliche Geschichte, vielleicht von Ausgrenzung, Armut, zerrütteter Familie oder Depression. Aber die Häufung der Fälle zeigt uns auch, dass es mehr ist als nur eine Reihe von Einzelschicksalen. Kinder und Jugendliche sind immer eine Gruppe, die für gesellschaftliche Veränderungen besonders sensibel ist. Sie reagieren oft wenig maßvoll, sondern eher nach dem Alles-oder-nichts-Prinzip. Mit dieser Unbedingtheit halten sie der Gesellschaft einen Spiegel vor und zeigen uns, was schief läuft - gesetzt den Fall, wir schauen hin.

Was können wir in diesem Spiegel sehen? Eine verzagte Gesellschaft, die in weiten Teilen den Glauben an sich verloren hat. Eine, die nicht mehr weiß, worauf sie stolz sein kann, deren Selbstbewusstsein irgendwo zwischen Wirtschaftskrise und digitaler Revolution zerrieben scheint. Diese Gesellschaft beklagt lieber die Missstände, als ihnen beherzt entgegenzutreten. Sie zweifelt daran, im globalen Konkurrenzkampf mithalten zu können. Eine Mittelschicht - mit wenig Aufstiegsvisionen, aber geplagt von Abstiegs-Alpträumen - setzt ihre Kinder unter extremen Leistungsdruck und verunsichert sie, statt sie zu bestärken. Sie fordert Leistung, will aber ihre Schwächen nicht mehr wahrhaben.

Ein weiteres Indiz für die grassierende kollektive Verunsicherung war auch die starke Reaktion auf den Selbstmord des Nationaltorhüters Robert Enke im November 2009. Viele haben mit Enke gefühlt, weil er mit seinem Schicksal in extremer Form verkörperte, was sie umtreibt: Da mag jemand erfolgreich sein, scheinbar alles haben - und dennoch sieht er keine Perspektive. Das Gefühl der Benachteiligung aktiviere dieselben Hirnregionen wie physischer Schmerz, sagt der Bonner Hirnforscher Christian Elger. Zuversicht ist also kein Luxusgefühl, sondern von existenzieller Notwendigkeit. Auch Krisenzeiten lassen sich überstehen, wenn sie trotz aller Defizite Perspektiven eröffnen.

Die Jugend ist die Zukunft, heißt es in Sonntagsreden. Das stimmt, aber es fehlt ein wichtiger Aspekt: Für die Gegenwart müssen die Erwachsenen Verantwortung übernehmen.



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