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Suizid-Versuch

Explosion mit Ansage

Von Harald Biskup, 08.02.10, 20:01h, aktualisiert 08.02.10, 23:24h

Immer mehr Jugendliche wollen sich das Leben nehmen. Oft ist der Suizidversuch ein Druckmittel, das bei Konflikten mit Autoritäten eingesetzt wird. Der „Kölner Stadt-Anzeiger“ hat mit Betroffenen und Medizinern gesprochen.

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Suizid. (Bild: Kwest/Fotolia)
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Suizid. (Bild: Kwest/Fotolia)
KÖLN - Sven heißt in Wirklichkeit gar nicht Sven, und die Siedlung mit Vier- und Fünfgeschossern, in der er mit seiner Mutter lebt, steht auch nicht am östlichen Stadtrand Kölns. Alles andere aber an der beklemmenden Geschichte des Dreizehnjährigen ist bittere Realität. Sven hat geradezu panische Angst, irgendeiner seiner Klassenkameraden eines Kölner Gymnasiums könnte das Mathe-As wiedererkennen und erfahren, dass sein cooles Auftreten nur Fassade ist. Und herauskriegen, dass Sven in Wirklichkeit ein verzweifelter Junge ist, ein tod-trauriger Einzelgänger. Vor ein paar Tagen waren seine depressiven Gefühle so stark, dass ihn in seinem Zimmer ein Schreikrampf überkam: „Ich kann nicht mehr, ich will nicht mehr. Ich bring mich um.“

Es war fast 22 Uhr, als Caroline D., Svens Mutter, sich keinen Rat mehr wusste und ihren Sohn zur Notaufnahme in die Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie des Kölner Universitäts-Klinikums brachte. Etwa 50 junge Patienten, die ihrem Leben selbst ein Ende setzen wollen, werden monatlich in die Spezialabteilungen der Uni-Klinik und des Krankenhauses Holweide gebracht. Statistisch betrachtet jede Nacht bis zu drei Fälle. In einem Alarmruf am Rande einer Fachtagung haben die beiden Klinikchefs Professor Gerd Lehmkuhl und Professor Christoph Wewetzer vergangene Woche von einem signifikanten Anstieg der Zahlen gesprochen. Die meisten Patienten sind Mädchen zwischen 14 und 16. Tablettenmissbrauch ist die weitaus häufigste Methode bei Suizidversuchen.

Die 15-jährige Tanja zum Beispiel - auch ihr Name und ihr familiäres Umfeld wurde zu ihrem Schutz verändert. Ihr Fall ist authentisch. Und sehr typisch, wie Oberärztin Andrea Stippel berichtet, die Leiterin der kinder- und jugendpsychiatrischen Tagesklinik. Tanja hatte zuerst eine Überdosis eines rezeptfreien Schmerzmittels eingenommen und später zur Verstärkung noch ein Antidepressivum aus dem Apothekenschränkchen der Eltern. Die Menge hatte sie sich nach aufmerksamer Lektüre der Warnhinweise auf den Beipackzettel zusammengestellt. Wie bei vielen jungen Patientinnen hatte sie das Gefühl, eine Welt breche über ihr zusammen, als ihre Eltern ihr wegen ihres Freundes die Hölle heiß machten und der Junge sich dann auch noch in eine Mitschülerin verguckte.

Tanja wurde rechtzeitig gefunden, weil sie ihre Absicht ihrer besten Freundin per SMS mitgeteilt hatte. Viele dieser „selbstschädigende Handlungen, die den Tod in Kauf nehmen aber nicht zum Tod führen“, sind verzweifelte Hilferufe. Gelegentlich sagt der Jugendpsychiater Wewetzer, würden Selbstmordversuche auch als Druckmittel in Konflikten mit Eltern, Lehrern oder Freunden eingesetzt. Wie der Großteil der Notaufnahmefälle war Julia erleichtert, dass ihr Versuch missglückt war. „Sie möchte weiterleben, aber sie muss lernen, mit Zurücksetzungen und Demütigungen umzugehen. Allerdings hätte auch bei ihr nicht viel zu lebenslangen Komplikationen gefehlt.

Jugendliche machen sich oft keine Vorstellung, welche fatalen Folgen ein Suizidversuch haben kann. „Sie spritzen sich Insulin und bedenken nicht, dass dadurch schwere Hirnschäden hervorgerufen werden können. Oder dass Paracethamol, wenn 20 oder mehr Tabletten auf einmal geschluckt werden, zum Leber-Koma führen kann. Oberärztin Stippel: „Unsere jungen Patienten reagieren schockiert, wenn sie erfahren, dass man sich durch das Trinken von Spülmitteln die Speiseröhre verätzen kann“. Von künstlichem Dramatisieren hält sie ebenso wie ihr Kollege Professor Wewetzer nichts. Aus langjähriger Erfahrung weiß er, dass Jugendliche „ein feines Gespür für Theatralik“ haben. „Wenn es knapp war, sagen wir den Patienten schon, dass sie wahnsinniges Glück hatten. Die meisten, die wie Julia, eigentlich ein toughes Mädchen, durch eine spontane Überreaktion zum Akutfall geworden sind, empfinden den misslungenen Selbsttötungsversuch als einen Schuss vor den Bug.

Bei Kerstin (16) liegen die Dinge viel problematischer. Sie kommt nicht aus einer intakten Familie, und ihr „seelisches Grundgerüst“ (Wewetzer) ist nicht stabil. Als sie sich versucht hat, die Pulsadern aufzuschneiden, befand sie sich zwar nach einer unglücklichen Beziehung auch in einer Krisensituation. Der Entschluss, sich das Leben zu nehmen, hat aber mit einer Verkettung schlimmer Umstände bis hin zu drakonischen Bestrafungen durch den Freund ihrer Mutter zu tun. Fachleute sprechen in solchen Fällen von „Bilanz-Suizidversuchen“. Die lange Vorgeschichte macht eine gründliche stationäre Behandlung notwendig. Die gleichaltrige Tina braucht vorerst sogar eine „1:1-Beobachtung“ rund um die Uhr. Sie sei „so sehr auf ihren Todeswunsch fixiert“, sagt die Oberärztin, „dass sie auch hier bei uns gefährdet ist.“

Nach ihrer Rettung durch die Feuerwehr erklärte das Mädchen den Ärzten, sie lasse sich von ihr Absicht nicht abbringen. Tina wollte vom Fenstersims im achten Stock in die Tiefe springen, in ihrem Schreibtisch wurde ein Strick mit vorgefertigter Schlinge gefunden. Den Ärzten berichtete sie, dass sie sich, wenn sie „wieder mal ganz down war“, Anleitungen aus einschlägigen Internetforen geholt habe. Auf einer dieser Seiten sucht ein männlicher Schreiber, der sich „Verzweiflung“ nennt, nach einer „Stelle, wo man ungestört springen kann d.h. wo die Chance, erwischt zuwerden, minimal ist.“ Im Antwort-Chat wird ein Hochhaus in der Berliner Gropiusstadt „empfohlen“, wo in den 90er Jahren ein Schauspieler der Serie „Verbotene Liebe“ durch einen Sprung aus der 28. Etage sein Leben beendet hat. „Der Nachahmer-Effekt“, sagt Professor Wewetzer, „ist ein riesiges Problem.“

Mädchen wählen normalerweise „sanftere“ Methoden als Jungen, um sich das Leben zu nehmen, am häufigsten Schlaf- oder Schmerztabletten, oder sie fügen sich durch Ritzen selbst gefährliche Verletzungen zu. Jungen, die etwa ein Viertel der Notfallpatienten ausmachen, versuchen eher, sich zu erhängen oder sich vor einen Zug zu werfen. Deswegen kommen bei männlichen Jugendlichen vollendete Selbsttötungen viel häufiger vor.

Sven, der schmächtige Notfall-Patient, der Probleme mit dem Lebensgefährten seiner Mutter hatte und im vergangen Jahr drei Monate in der Bonner Kinderpsychiatrie behandelt werden musste, ist wieder zu Hause. Es fällt ihm schwer, Einblick in seine innere Verfassung zu gewähren. Ganz allmählich fasst er Vertrauen und erzählt, manchmal habe er sich aus Verzweiflung selbst ins Gesicht geschlagen. Er leide an einem „Grübel-Zwang“, hätten die Ärzte gesagt. Sven redet wie ein Erwachsener. „Mein Selbstvertrauen ist noch nicht wieder hundertprozentig.“ In der Schule setze er eine Maske auf, „damit keiner merkt, dass ich mich in Wirklichkeit Scheiße fühle“. Einmal in der Woche ist er in ambulanter psychotherapeutischer Behandlung. „Wir hoffen, dass wir es hinkriegen“, sagt seine Mutter. Sicher ist sie sich dessen nicht. Sie spricht es nicht aus, aber sie kann nicht ausschließen, dass ihr Junge sich eines Tages doch etwas antun könnte. „Suizid“, sagt der Schweizer Psychiater und Selbstmord-Experte Gregor Harbauer, „ist eine Explosion mit Ansage.“



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