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Schriftsteller zum „Fall Hegemann“

Erstellt 11.02.10, 22:06h

Der Roman „Axolotl Roadkill“ (Ullstein) der 17-jährigen Autorin Helene Hegemann ist am Donnerstag für den Leipziger Buchmessepreis nominiert worden. Zu den Plagiatsvorwürfen hatte die Autorin erklärt, sie halte ihre Arbeitsweise, sich aller möglichen Quellen zu bedienen, für „total legtim“. Daraus ist eine Debatte über Originalität und Urheberrecht entstanden. Wir haben einige Autoren nach ihrer Einschätzung gefragt.

Ulla Hahn (63), von der zuletzt der Roman „Aufbruch“ erschien: „Wieviel Zitat darf sein? Soviel wie's beliebt. Ganze Bücher sind aus Zitaten zusammengestellt worden. Ich erinnere nur an das »Echolot« von Walter Kempowski. Aber bitte: mit Angabe der Quelle. Das müsste auch eine Siebzehnjährige im Deutschunterricht mitgekriegt haben. Alles andere ist Diebstahl. Wieso sollte das in Zeiten des Internet anders sein? Noch gilt das Urheberrecht! Und wenn die »Autorin«, wie sie behauptet, mit diesem Urheberrecht »nicht vertraut« war, wo war ihr Verleger, wo ihr Lektor, der Agent? Wo waren all die Personen, die dieses Druckwerk zu verantworten haben? Und: Ist keinem Rezensenten aufgefallen, mit welch »breitgetretenem Quark« (Goethe) er es zu tun hat? Der eigentliche Skandal liegt in der Verkommenheit von Teilen des Literaturbetriebs, dem ein Sensatiönchen mehr bedeutet als ein sorgfältig gearbeitetes Buch.“

Helmut Krausser (45) hat zuletzt den Roman „Einsamkeit und Sex und Mitleid“ veröffentlicht, auf den Ende des Monats „Substanz - Das Beste aus den Tagebüchern“ folgen wird: „Diebstahl ist Diebstahl, da bin ich sehr konservativ. Sich es mit dem Hinweis, heute werde überall geklaut, einfach zu machen, zeugt von wenig Reflexion und einer gewissen Wollust am Selbstbetrug. Bei über dreißig Büchern habe ich im Leben erst zwei Sätze anderer Autoren verwendet - und es war mir ein Herzensbedürfnis, dies kenntlich zu machen, ansonsten ich mich für die fremden Federn geschämt hätte. Offensichtlich geht den jüngeren Generationen dieses Schamgefühl verloren. Wahrscheinlich wird es von ihnen längst als unnatürlich empfunden. Auch etliche meiner Sätze fand ich schon in fremden Büchern wieder, und immer gab es einen Trost: Aus diesen Abschreibern ist nie etwas geworden. Starke Autoren sind sich selbst genug.“

Leonie Viola Thöne (19) veröffentlichte mit 13 ihr erstes Buch und ist NRW-Vorstandsmitglied im „Verband Deutscher Schriftsteller“: „Menschen, die in einer Gemeinschaft leben, lernen von einander und verwenden auch die Ideen aller. Für einen kreativen Prozess ist das wichtig - aber Ideenklau ist natürlich verwerflich, und das Internet erleichtert das. Auf jeden Fall sollte man sich als junger Schriftsteller dieses Problems bewusst sein - zumindest wenn man ernst genommen und nicht als Kind betrachtet werden möchte.“

Guy Helminger (47) moderiert mit Navid Kermani den „Literarischen Salon“ in Köln und veröffentlichte zuletzt „Morgen war schon“: „Das Urheberrecht ist unantastbar, sollte es zumindest sein. Wer glaubt, das Internetzeitalter habe daran etwas geändert, denkt entweder nicht nach oder hat Interesse daran, das eigene Klauen zu rechtfertigen. Natürlich entwickeln Autoren Ideen weiter, die sie bei anderen gelesen haben. Das bringt Neues. Abschreiben hingegen und dann schweigend so tun, als habe man alles selbst erdacht, hat schon in der Grundschule nicht für einen guten Aufsatz gereicht.“

Kai Meyer (40) hat zuletzt die „Sturmkönige“-Trilogie veröffentlicht: „Grundsätzlich hat vermutlich jeder Autor im Buch eines anderen schon einen Satz entdeckt, den er selbst gern geschrieben hätte - und eine ähnliche Formulierung später im eigenen Buch verwendet. Kunst befruchtet sich gegenseitig. Trotzdem: Helene Hegemann hat nicht einen Satz, sondern ganze Passagen übernommen, und damit ist die Grenze der Inspiration oder bedeutungsschwanger gerufener Begriffe wie »Intertextualität« oder »Dialog zweier Bücher« weit überschritten. Viele 16- oder 17-jährige schicken mir eigene Texte, und keiner ist frei von Nachahmung - in diesem Alter, in dieser Phase der Ausprägung eines Talents gehört das dazu. Das Problem in diesem Fall ist nicht Helene Hegemann, sondern die Rezeption im Feuilleton. Weiblich, jung, blond, aus dem hehren Umfeld des Berliner Kulturbetriebs - das hat ausgereicht, sie zum kleinen Genie zu stilisieren. Ältere Kritiker und Autoren fühlten sich bewogen, der Kleinen verbal den Kopf zu tätscheln und »Gut gemacht« zu schnurren. Täten sie das auf der Straße, käme die Polizei - und nicht wegen Diebstahls.“

Dieter Wellershoff (84) legte zuletzt „Der Himmel ist kein Ort“ vor: „Offizielle Texte darf ein Autor verwenden - Werbetexte genauso wie bekannte Reden oder auch die Bibel. Er darf aber nicht fremde literarische Texte als seine eigenen ausgeben. Übernahmen müssen als als solche kenntlich gemacht werden. Fragwürdig ist die Ausnutzung der kreativen Kraft eines anderen Autors für eigene Zwecke. Etwas anderes ist die erkennbare Kompilation eines neuen Werkes aus Zitaten: Hier wird die Montage zum künstlerischen Strukturprinzip, dem als solchem eine eigene Legitimation zuwächst.“

Ulrike Draesner (48) - ihr neuer Roman „Vorliebe“ liegt jetzt vor: „Wenn wir davon ausgehen, dass wir es nicht nur mit einer Verteidigungsstrategie von Helene Hegemann zu tun haben, sondern mit einer Symptomatik - dann ist diese Symptomatik sehr bedenklich. Ihr Argument ist kein wirklich literarisches, es geht ja nur um die Gewohnheiten ihrer Generation im Internet. Da gibt es offenbar gar kein Bewusstsein, dass Inhalte Geld kosten könnten. Vielleicht ist das aber auch nur ein Schutzargument. Denn die 17-Jährigen, die ich kenne, haben durchaus ein Bewusstsein dafür.“

Dieter Kühn (75) legte soeben die Prosa „Ich war Hitlers Schutzengel“ vor: „Ich beziehe die Urheber der Zitate als Mitarbeiter in meinen Text mit ein. Ich bin, was das Urheberrecht angeht, für totale Transparenz, sonst wird die Sache mulmig.“

Thorsten Krämer (38) veröffentlichte zuletzt Gedichte im Verlag „parasitenpresse“: „Ich persönlich bin der Auffassung, dass die Idee von »geistigem Eigentum« ein Widerspruch in sich ist. Ich habe auch nichts dagegen, wenn andere Texte von mir verwenden, solange sie auch die Quelle angeben.“



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