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Interview mit Historiker

„Das geht in der Regel schief“

Erstellt 17.02.10, 21:24h, aktualisiert 17.02.10, 21:46h

Guido Westerwelle sorgt mit seiner Hartz-IV-Schelte für viel Aufregung. Im Interview mit Kerstin Meier spricht der Kölner Geschichtsprofessor Werner Eck über spätrömische Dekadenz und unpassende Vergleiche.

Kaiser Marcus Aurelius
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So sinnenfroh feiert die römische Spätantike: Kaiser Marcus Aurelius Antoninus (204 bis 222) lässt Rosen auf seine Gäste regnen. Das Gemälde von Lawrence Alma-Tadema (1836 bis 1912) entstand 1888. (Bild: AV)
Kaiser Marcus Aurelius
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So sinnenfroh feiert die römische Spätantike: Kaiser Marcus Aurelius Antoninus (204 bis 222) lässt Rosen auf seine Gäste regnen. Das Gemälde von Lawrence Alma-Tadema (1836 bis 1912) entstand 1888. (Bild: AV)
Werner Eck
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Werner Eck. (Bild: Hennes)
Werner Eck
Herr Professor Eck, ist das römische Reich an seiner Dekadenz zugrunde gegangen?

WERNER ECK: Das ist eine beliebte Vorstellung. Denn schließlich braucht man eine Erklärung dafür, dass das römische Reich - das ja nun wirklich das Weltreich der Antike war - am Ende untergegangen ist. Schon bei Tacitus gibt es die Erklärung, dass sich die Menschen im römischen Reich nicht voll für die Gemeinschaft einsetzten. Stattdessen, so Tacitus, habe ihnen ihr persönliches Vergnügen und Fortkommen mehr bedeutet. In der antiken Geschichtsschreibung geht die Logik so: „Ein Reich geht zu Grunde, weil die Moral nicht mehr stimmt“.

Und war das tatsächlich so?

ECK: Über diese Annahme ist die heutige Wissenschaft von der Spätantike längst hinweg. Aber sie hat sich sehr lange gehalten. In Otto Seecks „Geschichte des Untergangs der antiken Welt“ - einem sehr einflussreiches Werk aus dem beginnenden 20. Jahrhundert finden sich solche Vorstellungen. Hier liest man, dass sich gerade die Oberschicht nicht mehr mit dem Staat identifiziert habe. Vor allem die Tatsache, dass man fremde Söldner für das römische Heer rekrutierte, wurde oft für den Niedergang Roms verantwortlich gemacht. So einfach ist es aber nicht, die Gründe für den Niedergang Roms sind äußerst vielfältig. So wird bei dem Historiker Edward Gibbon zum Beispiel bereits die Abwendung von der alten Religion und die Hinwendung zum Christentum genannt. Entscheidend ist, dass man in der Geschichtsschreibung ein bestimmtes Bild von der Hochzeit Roms hatte. Wenn man dieses Ideal als „Klassik“ bezeichnet, wird alles andere als Niedergang, als „Dekadenz“ betrachtet - von „cadere“, fallen.

Die heutige Vorstellung von Dekadenz ist geprägt von materiellem Überfluss und Hedonismus.

ECK: So etwas finden wir in der Beschreibung des römischen Reichs auch. Zum Beispiel, wenn Sie Felix Dahns „Ein Kampf um Rom“ lesen. Das ist ja einer der ganz einflussreichen Romane des 19. Jahrhunderts gewesen, der auch die Vorstellungen von der Spätantike in Deutschland stark geprägt hat. Dort ist es vor allem die Oberschicht, die ein Leben in Saus und Braus führt.

Ist diese Geschichtsschreibung verzerrt?

ECK: Nein - die Frage ist nur, ob das dekadent ist. Oder ob das ein spezifisches Kennzeichen dieser Zeit ist. Wenn wir zum Beispiel 400 Jahre zurück gehen, etwa um die Zeit um 100 unter Kaiser Trajan - da haben wir Zirkusspiele, bei denen vielleicht 11 000 Tiere innerhalb von 100, 150 Tagen im Amphitheater abgeschlachtet wurden. Solche Dinge sind in der Spätantike gar nicht mehr möglich gewesen

Der Schluss von der Dekadenz zum Niedergang des römischen Reichs ist also zu kurz gegriffen.

ECK: Dieser Schluss ist mit Sicherheit schlicht falsch. Es gibt einen französischen Forscher, der hat prägnant formuliert: „Das römische Reich ist nicht gestorben, es wurde ermordet.“ Nämlich durch die ständigen Angriffe der Germanen.

Gab es im römischen Reich ein soziales Sicherungssystem?

ECK: Nein, jedenfalls nicht im gesamten Reich. Man muss bedenken, dass es in der Zeit rund um das Mittelmeer eine Ausdehnung hatte wie heute 40 oder 45 Staaten. In Rom gab es zum Beispiel die kostenlose Verteilung von Brot, Wein, Öl und Fleisch. Das hat es in Rom, zunächst auf Getreide beschränkt, aber schon seit der späten Republik gegeben. Daneben hat die christliche Kirche in ihren lokalen Gemeinden zum Beispiel Waisen oder Witwen in Not geholfen. Allgemeine Strukturen für soziale Hilfe gab es damals aber nicht.

Das bedeutet aber auch, dass es nur eine kleine Schicht war, die im Überfluss lebte?

ECK: Genau. Der Mittelstand wurde immer schwächer und die Spaltung zwischen der Masse der Bevölkerung und denen, die viel hatten, wurde in der Spätantike größer.

Ist es angebracht, wenn der FDP-Vorsitzende Guido Westerwelle im Zusammenhang mit Hartz-IV-Empfängern von „spätromischer Dekadenz“ spricht?

ECK: Wenn man den Begriff der Dekadenz überhaupt in irgendeiner Weise mit der einfachen Bevölkerung verbinden will, dann hat das zumindest nichts zu tun mit der Spätantike oder mit dem Untergang des römischen Reiches. In der stadtrömischen Bevölkerung bekamen einfache Leute aus politischen Gründen Korn. So wollte man dafür sorgen, dass keine Unruhen entstanden - man kennt ja die Wendung „Brot und Spiele“. Aber das trifft nur auf die Hauptstadt Rom zu und nicht auf das gesamte Reich. Wenn man überhaupt von Dekadenz spricht, könnte man das höchstens auf die Oberschicht anwenden. Das ist das Problem bei einem historischen Vergleich - und das ist es ja, was Herr Westerwelle tut. Man muss schon genau sagen, was man vergleichen will. Herr Westerwelle beschreibt als „dekadent“, was in Wirklichkeit ein legitimes Ausdruckmittel einer bestimmten Kultur in der Zeit war.

In Westerwelles Zitat schwingt mit, dass sich unsere Gesellschaft an zu großen Wohlstand gewöhnt hat - manche sogar ohne zu arbeiten. Und wenn wir nicht gegensteuerten, könnte das zum Niedergang unseres Staates führen.

ECK: Wenn Sie unbedingt wollen, können Sie das auf die stadtrömische Bevölkerung des 4. und 5. Jahrhunderts übertragen. Nur hat das nichts mit dem Niedergang des römischen Reiches zu tun. Es ist ein spezifisches Phänomen für diese eine Stadt. In der Politik sollte man sich hüten, solche historischen Vergleiche zu ziehen. In den letzen Jahren ist das bei Politikern sehr beliebt, oft auch im Zusammenhang mit dem Nationalsozialismus. Dann wird sofort Protest erhoben - und das zurecht. Denn in so einem Vergleich schwingt unendlich viel mit. Womöglich mehr, als der Redner ursprünglich wollte. Und womöglich mehr, als der Zuhörer verstehen kann.

Warum bemühen Politiker solche historischen Vergleiche?

ECK: Ein historischer Vergleich macht es scheinbar einfach. Es scheint so, als könne man mit einem einzigen Satz, manchmal sogar nur mit ein paar Worten, ein ganzes Bild erzeugen, einen größeren Bezugsrahmen öffnen. Dennoch wissen die Leute, dass ein komplizierter Sachverhalt gemeint ist. Insofern sind historische Vergleiche also sehr verführerisch. Aber im allgemeinen geht das schlicht schief. Ich weiß gar nicht, was Herr Westerwelle mit der Spätantike meint - das sind immerhin 200 Jahre. Diese Jahre werden auf keinen Fall von einer Verweigerungshaltung breiter Bevölkerungsschichten bestimmt, um noch mal auf den Vergleich mit Empfängern von Hartz IV zurück zu kommen. Das kann man mit diesem Begriff „spätrömische Dekadenz“ überhaupt nicht fassen.

Das Gespräch führte Kerstin Meier



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