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Telemedizin

E-Mails vom Herzen

Von Tanja Wolf, 02.03.10, 22:21h

Telemedizin macht die Betreuung von Patienten deutlich komfortabler. Zum Standard gehört die neue Technik aber noch nicht. In Köln werden derzeit knapp 1000 Patienten mithilfe der Telemedizin versorgt.

Herzschrittmacher
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Herzschrittmacher mit mobiler Funkübertragung. (Bild: Zukunftspreis/Pudenz)
Herzschrittmacher
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Herzschrittmacher mit mobiler Funkübertragung. (Bild: Zukunftspreis/Pudenz)
Die Patienten sind herzkrank. Doch sie müssen nicht sofort zum Arzt gehen, wenn es ein Problem gibt. Der Arzt ruft an, denn er weiß automatisch, ob Gewicht, Blutdruck und EKG in Ordnung sind. Keine Zukunftsvision, sondern Realität: In Köln nehmen knapp 1000 Patienten an dieser Versorgung mittels Telemedizin teil, die das Herz Netz Köln seit zweieinhalb Jahren anbietet. Zwei große Krankenkassen, sechs Krankenhäuser und 200 Arztpraxen sind dabei. „Damit sind wir hier mit Abstand das größte Projekt der Telemedizin“, sagt Prof. Christian Schneider, Oberarzt im Herzzentrum der Uniklinik und Ärztlicher Leiter des Herz Netzes Köln.

Der Stellenwert der Telemedizin zeigt sich auch auf der CeBit. Die weltgrößte Industriemesse steht bis 6. März im Zeichen digitaler Vernetzung, und die Telemedizin als Zukunftsmarkt präsentiert sich auf der parallel stattfindenden „Telehealth“, einer Leitmesse, die 2009 schon 16 000 Fachbesucher anzog. Denn Telemedizin ist keine Spielerei. „Die Erfolge sind eindeutig“, sagt Christian Schneider. „Die Zahl der Krankenhausaufenthalte kann reduziert werden, und jeder Patient wird in die Behandlung einbezogen, er weiß mehr über seine Krankheit und hält sich besser an die Therapie.“

Patienten mit Herzinsuffizienz

Im Herz-Netz Köln werden Patienten mit höhergradiger Herzinsuffizienz betreut. Was viele leichthin mit „Herzschwäche“ übersetzen, ist in Wahrheit oft gefährlicher als ein Tumor. „Die Sterblichkeit liegt bei 20 Prozent“, sagt Schneider. Jeder fünfte Patient stirbt also statistisch gesehen an Herzinsuffizienz. Weil das Herz den Körper nicht mehr ausreichend mit Blut und damit auch nicht ausreichend mit Sauerstoff versorgt, kommt es zu Luftnot, unregelmäßiger Atmung und zu Wassereinlagerungen. Deshalb messen die Patienten regelmäßig zu Hause ihren Blutdruck, ihr Gewicht und ihr EKG. Die Geräte dafür werden gestellt. Das Besondere in Köln: Eine speziell ausgebildete Krankenschwester besucht jeden Patienten zu Hause und erklärt alles genau. Das, findet Christian Schneider, sei ganz entscheidend. „Es geht nicht nur um technische Geräte“.

Die sind zudem teuer: In Schwabing etwa haben die Herzpatienten von Prof. Stefan Sack keine normalen Herzschrittmacher in der Brust, sondern Kombi-Implantate mit Minicomputer und Mini-Antenne. Sie senden per Funk automatisch alle EKG-Daten an ein spezielles Handy, genannt „Cardio Messenger“. Der wiederum sendet die Daten an Stefan Sack. Der Chef der Klinik für Kardiologie und Pneumologie am Klinikum Schwabing kann sie am Computer abrufen oder wird von seinem Spezial-Handy per SMS informiert. Derzeit kostet allein die Hardware etwa 20 000 Euro. Zusätzlich braucht man ein medizinisches Service-Center, in dem Fachpersonal die Daten analysiert und im Notfall Hilfe anfordert. Denn kein Arzt kann rund um die Uhr am Computer seine Patienten beobachten.

Bessere Vor- und Nachsorge

Vor allem aber angesichts einer älter werdenden Bevölkerung ist die Telemedizin aus Sicht vieler Experten ein enormer Fortschritt. „Wir können das einsetzen bei Herzrhythmus-Störungen, bei Herzinsuffizienz, bei Bluthochdruck und zur Verbesserung der Medikamenteneinnahme“, sagt Stefan Sack. Verbessert werde also die Vorsorge und die Nachsorge. Denn: „Die Zahl der Patienten mit implantierten Herzschrittmachern stieg zwischen 2003 und 2007 um 6,5 Prozent. Deren Nachsorge können wir auf konventionellem Weg in der Klinik kaum noch leisten.“

Und die Zahlen werden weiter steigen: Wenn die Menschen immer älter werden und auch der Anteil der Älteren steigt, wird es immer mehr chronische Krankheiten geben. Schon längst sind Herz-Kreislauf-Krankheiten die häufigste Todesursache in Deutschland, 2008 laut Statistischem Bundesamt die Ursache für fast jeden zweiten Todesfall (43 Prozent). Und die Behandlung chronischer Krankheiten macht bereits jetzt 75 Prozent aller Gesundheitsausgaben aus.

24-Stunden-Telefonservice

In Köln schob die Barmer das Herz Netz mit 600.000 Euro an. Ein telemedizinisches Zentrum übernimmt den 24-Stunden-Telefonservice. Christian Schneider: „Nach unseren wissenschaftlichen Daten ist ein telemedizinisches Projekt zumindest kostenneutral. Einsparungen sind möglich, aber sicher nicht in den Größenordnungen, von denen Industrie gern ausgeht.“ So schätzt der Verband der Elektrotechnik, die jährlichen Kosten könnten bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen um mindestens ein Drittel gesenkt werden.

„Wenn wir über Telemonitoring schon Tage vorher drohende Komplikationen feststellen können, die der Patient selbst vermutlich gar nicht spürt, dann kann man vorbeugend handeln“, erklärt Stefan Sack. Schon vor neun Jahren hat die Firma Biotronik aus Berlin, deren Telemonitoring-System für den Deutschen Zukunftspreis 2009 nominiert war, den ersten Herzschrittmacher mit mobiler Ferndatenübertragung implantiert. „Die Technik ist vorhanden, sie ist erprobt“, sagt Hans-Jürgen Wildau von Biotronik Health Services. Allein durch die Fernnachsorge könnten bei Herzpatienten 43 Prozent der Klinikbesuche entfallen - bei gleicher Patientensicherheit. Auch Sack bestätigt, dass Patienten die Vorteile der neuen Technik schätzen: „52 Prozent fühlen damit sicherer oder viel sicherer.“

Zur Telemedizin gehört übrigens auch eine elektronische Patientenakte, in der die Mess- und Krankheitsdaten gespeichert werden. Ohne diese Vernetzung wären die Daten nicht von allen Beteiligten abrufbar. Bislang aber ist Telemedizin keine Regelleistung der Krankenkassen. Es gibt stets nur regionale Einzelfallentscheidungen.



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